Im kommenden Jahr wird in Ulm ein Einstein-Museum eröffnet, in einem spätmittelalterlichen Gebäude am historischen Weinhof, in dem Albert Einsteins Großeltern Abraham und Helene lebten und eine Bettfedernhandlung betrieben. Wahrscheinlich wird in einiger Zeit in Ulm noch ein zweites Einstein-Haus entstehen, das Albert Einstein Discovery Center, für das sich ein Verein international stark macht und das ein anderes Konzept verfolgt. Einstein lebte nur 15 Monate in seiner Geburtsstadt, und das Verhältnis zwischen dem Nobelpreisträger und der Stadt Ulm war spätestens nach 1933 schwierig. Nun soll der Physiker in seiner Geburtsstadt den Raum bekommen, der ihm Jahrzehnte versagt blieb.
Albert Einstein wurde am 18. März 1879 in einem bürgerlichen Haus in der Bahnhofstraße in Ulm geboren. Ein Geburtshaus anschauen können Touristen in Ulm nicht; das Gebäude wurde im Bombardement Ulms am 17. Dezember 1944 zerstört. Auch sonst gab es in der Vergangenheit in Ulm nicht sehr viel, was auf Einstein hinwies – obwohl Albert Einstein intensive Beziehungen zu seiner Ulmer Verwandtschaft unterhielt und zu Familientreffen nach Ulm kam.
Die Stadt Ulm hatte lange ein gespaltenes Verhältnis zu Albert Einstein
Die Stadt selbst, über die Einstein kryptisch sagte, die Stadt der Geburt hänge dem Leben als etwas so Einzigartiges an wie die Herkunft von der eigenen Mutter, hatte lange Zeit ein gespaltenes Verhältnis zu ihrem berühmtesten Sohn. Das soll sich nun ändern – mit zwei Projekten, von denen eines von der Stadt selbst ausgeht, das andere von einem Verein, zu dessen Unterstützern unter anderem die drei Nobelpreisträger Wolfgang Ketterle (Physik), Bert Sakmann (Physiologie/Medizin) und Reinhard Genzel (Physik) und die Einstein-Großnichte Karen Glinert-Carlson gehören. Ein Neustart also, der aber weder durch kommerzielle Vermarktung noch durch Anbiederung gekennzeichnet sein sollte, wie Ulms Stadtarchivdirektor Michael Wettengel hofft.
Im nächsten Jahr – der Termin steht noch nicht fest – wird das Einstein-Museum am Weinhof eröffnet, zu dessen Leiterin die Historikerin Sabine Presuhn ernannt wurde. Dieses Museum wird sich aber nicht mit Einsteins wissenschaftlichen Erkenntnissen beschäftigen, sondern mit der Familiengeschichte der Einsteins, und ein Schwerpunkt des Museums soll gerade im Begleitprogramm der Einsatz gegen Antisemitismus sein, so Sabine Presuhn.
Das jüdische Leben in Ulm und Region ist auch ein Thema
Der Umbau des historischen Gebäudes, das sich im Besitz der Stadt Ulm befindet, ist weitgehend geschafft. Unter den Exponaten werden nicht nur so greifbare wie ein Lernspiel des kleinen Albert oder ein Lego-Nachbau des Geburtshauses sein, sondern vor allem zahlreiche Dokumente, die jüdisches Leben in Ulm und der Region nachvollziehbar machen am Beispiel von Einsteins Familie.
Albert Einsteins Eltern zogen nach einem nur einige Jahre währenden Aufenthalt in München, wo der Vater in das Geschäft seines Bruders eingestiegen war und bald in finanzielle Nöte geriet, nach Mailand. Danach siedelten Albert Einsteins Eltern Hermann und Pauline nach Padua um, es ging finanziell weiter bergab. Hermann Einstein starb hoch verschuldet in Mailand.
Damit Albert Einstein in der Schweiz Abitur machen und studieren konnte, sprangen Familienmitglieder (besonders Rudolf Einstein, der Vater von Einsteins zweiter Frau Elsa) und ein Freund der Familie aus Ulm ein. Auf dieser Basis wird umso mehr verständlich, weshalb Albert Einstein auch während der NS-Zeit von den USA aus engen Kontakt zu seiner Ulmer Verwandtschaft hielt, weshalb er einer ganzen Reihe von ihnen mit Bürgschaften zur Flucht verhalf – und weshalb er der Überzeugung war, der Stadt der Geburt verdanke der Mensch einen Teil seines Wesens.
Das Einstein Discovery Center setzt einen anderen Schwerpunkt
Das Albert Einstein Discovery Center soll auf jeden Fall vor dem 150. Geburtstag des Erfinders der Relativitätstheorie eingeweiht werden. Das Konzept, das der Verein in der Nähe des Ulmer Bahnhofs umsetzen will, ist ein dreigliedriges – Persönlichkeit und Werdegang des Physikers werden einen Teil des Discovery Centers ausmachen. Ein anderer will sich mit dem Einfluss von Einsteins Theorien auf die gegenwärtige Welt auseinandersetzen, ein dritter Teil soll das Science Center mit interaktiven Experimentierstationen zu technischen und naturwissenschaftlichen Phänomenen werden. Eine Zusammenarbeit des künftigen Discovery Centers mit der Hebrew University of Jerusalem ist angestrebt.
Einstein starb 1955. Er selbst blickte auf das politische Ulm wie auf das politische Deutschland mit einem eigenen spöttischen Humor – was vermutlich unter anderem auch mit dem Umgang mit der nach ihm benannten Straße in Ulm zu tun hatte, die im März 1933 in „Fichtestraße“ umbenannt worden war und die im Juli 1945 ihren vorherigen Namen zurückerhielt. Die beiden verschieden angelegten Museen können ein Wegweiser zu einem neuen Umgang Ulms mit dem berühmtesten Ulmer sein.