Viele sind gekommen, um sich bei Dirk Oschmann zu bedanken. Das jüngste Buch des Thüringer Literaturwissenschaftlers trägt den Titel „Der Osten: eine westdeutsche Erfindung“ und war 2023 eines der meistverkauften Sachbücher in Deutschland. „Er hat uns den Spiegel vorgehalten“, sagt etwa Ramona Uhlig aus dem Erzgebirgskreis. „Man will sich schließlich mal verstanden fühlen.“ Beim Auftakt-Abend einer Gesprächsreihe in Chemnitz geht es um ostdeutsche Identität nach der Wende und heute. Auf der Bühne zwei Männer, die den Osten erklären, aber von verschiedenen Seiten kommen. Oschmann und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk aus Berlin kassieren beide Applaus - und heftige Widerrede.
Unter dem Motto „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ organisiert die Autorenvereinigung Pen Berlin in den Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg insgesamt 37 Gespräche über Demokratie und Meinungsfreiheit.
Am Montagabend folgen viele Chemnitzer der Einladung. Die knapp 150 Plätze im Kulturzentrum Weltecho sind schon lange vor Veranstaltungsbeginn voll besetzt, draußen im Biergarten verfolgen viele weitere Interessierte das Gespräch über Lautsprecher. Im Publikum sitzen auch zwei bekannte Nicht-Ossis: Die Schriftstellerin Eva Menasse und der Journalist Deniz Yücel, beide Sprecher von Pen Berlin.
Viele Deutsche trauen sich nicht, ihre Meinung frei zu äußern
Die These des Abends: Viele Deutsche, Ostdeutsche mitgemeint, befürchten, ihre Meinung nicht mehr frei äußern zu können. Migration, der öffentlich-rechtliche Rundfunk, Waffenlieferung an die Ukraine: Die Chemnitzerinnen und Chemnitzer haben kein Problem, offen ihre Meinung zu sagen - wie der Abend zeigt, auch zu aufgeheizten Themen. Trotzdem fühlen sie sich ungehört. Oschmann und Kowalczuk lassen viele Aussagen im Raum stehen, reizen den Debattenraum aus. „Das wird man schließlich noch sagen dürfen“, erinnert eine Zuschauerin. Meinungsfreiheit? „Formaljuristisch: ja“, sagt Oschmann. Kowalczuk erweitert sein „Ja“ um den Zusatz: „Aber auch Recht auf Widerspruch.“

Umfragewerte zur Lage der Meinungsfreiheit bereiten den Organisatoren der Veranstaltungsreihe Sorgen. 1990 gaben nämlich 78 Prozent der Deutschen in einer Erhebung des Allensbach-Instituts an, man könne hierzulande seine Meinung frei äußern. Heute sehen das nur noch 40 Prozent so. Oschmann erklärt diese Verschiebung, wie auch schon in seinem Bestseller-Debattenstück, durch eine Übersensibilisierung unserer Gesellschaft. Eine politische Moral greife demnach in den Alltag über und betreffe bis dato unpolitische Bereiche wie etwa das Essen, Reisen - oder eben Sprechen. Oschmann argumentiert, dass die Ostdeutschen im öffentlichen Auge eine Erfindung, eine negative Abziehfolie des Westens seien. In einer Art „selbsterfüllenden Prophezeiung“ haben sie sich demnach seit der Wiedervereinigung zu dieser „Fremdbestimmung“ entwickelt. Diese These resoniert mit vielen Ostdeutschen - auch in Chemnitz.
Kowalczuk hält dagegen, dass der Freiheitsbegriff in Ostdeutschland „traditionell weniger hoch gehangen“ werde. Ostdeutsche haben, so der Historiker, ein Problem damit, Verantwortung zu übernehmen. „Sie können nicht ‚Ich‘ sagen.“ Das Publikum reagiert lautstark. Kowalczuk ist das gewohnt, sagt er. „Ich habe erwartet, dass ich viel härter angegangen werde.“ Oschmann, der sich selbst als Choleriker bezeichnet hat, bleibt distanzierter, provoziert aber eben so heftige Reaktionen im Publikum, etwa bei dem Vorwurf, er klammere die Erfahrung ostdeutscher Frauen aus.
Eva Menasse: „Man hat das Gefühl, im gesamtdeutschen Gefüge fressen die Ostdeutschen ihre Wut nach Innen.“
Verarmung, Entwertung, ein uneingelöstes Wohlstandversprechen nach der Wende: Ralf Hron aus Sachsen fragt die Experten, wie man der Wut der Ostdeutschen begegnen könne. Journalist und Pen Berlin-Sprecher Deniz Yücel hakt, selbst im Publikum, beim Chemnitzer nach, wo die Wut herkomme. Hron spricht von wiederkehrenden Ohnmachtserfahrungen, vielen tausenden gestrichenen Jobs in Chemnitz und ganz Sachsen nach der Wende. Kowalczuk sagt, dass diese wütende Ohnmacht Gift für die Demokratie sei. Denn die Demokratie brauche aktive Mitglieder, solche, die Verantwortung übernehmen.

„Die Leute im Osten von Deutschland haben wenig Scheu, aufzustehen und ein klares Wort zu reden“, sagt Pen Berlin-Sprecherin Eva Menasse. „Aber das bildet sich politisch nicht ab. Man hat das Gefühl, im gesamtdeutschen Gefüge sind die Ostdeutschen so still und fressen ihre Wut nach Innen.“
Um das zu ändern, geht die Idee jetzt auf Tour: Bis 19. September ist Pen Berlin in Ostdeutschland unterwegs. Von Annaberg bis Perleberg, von Ilmenau bis Zwickau, diskutieren 118 namhafte Schriftsteller und Journalisten und Künstler, darunter Pinar Atalay, Ines Geipel, Michel Friedman, Juli Zeh, mit dem ostdeutschen Publikum. „Ich finde es sehr gut, dass die Veranstaltungsreihe in die kleineren Orte geht“, sagt Autor Oschmann. „Man sieht, dass Gesprächsbedarf da ist.“
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Registrieren sie sichSie haben ein Konto? Hier anmelden