Wenn man einmal die Leute fragt oder, was ja fast dasselbe ist, in die politischen Feuilletons guckt, ist das Problem unserer Zeit schon ausgemacht: die Polarisierung. Die Sorge um die große Spaltung der Gesellschaft ist darum zugleich ein fruchtbarer Boden für publizistische Erfolge soziologischer Fachliteratur. Bei besorgten Demokratinnen sorgen deren Diagnosen bisher aber nicht für Linderung.
Prominentes Beispiel: Das Buch „Triggerpunkte“ von Steffen Mau. Sein Befund lautet, die deutsche Gesellschaft sei gar nicht so polarisiert. Zumindest die Einstellungen der Menschen gehen laut Mau nicht sonderlich weit auseinander und ganz bestimmt lassen sich keine zwei verfeindeten Lager festmachen. Na, wunderbar! Dann gibt es also kein Problem, oder?
Nicht ganz. Die Angst um die Spaltung ist weder aus den Köpfen der Menschen noch aus politischen Talkshows, dem Feuilleton oder Parteiprogrammen verschwunden. An dieser Beobachtung setzt nun der Soziologe Nils C. Kumkar an. Dabei gibt er beiden Perspektiven recht, denn: „Just because you’re paranoid, don’t mean they’re not after you!“
Kommunikation ist der Schlüssel – Kumkar dreht die Perspektive um
Das Nirvana-Zitat – zu Deutsch etwa: „Dass du paranoid bist, heißt nicht, dass sie nicht hinter dir her sind!“ – steht Kumkars neuem Buch „Polarisierung“ als Motto vor und zeigt auf irritierende Weise an, worum es ihm geht. Eine „Lockerungsübung“ für einen Perspektivwechsel soll es sein. Denn was Mau untersucht hat, sei nicht das, was die Menschen meinen, wenn sie Polarisierung beklagen.
Die Spaltung sei nämlich nicht bei den Einstellungen zu finden, sondern in der Kommunikation. In eigenen Untersuchungen stellte Kumkar fest, dass sich zwar alle Befragten von Lehrer bis Ingenieurin darauf einigen konnten, dass Polarisierung das Problem schlechthin ist, meinten damit aber je nach „déformation professionnelle“ inhaltlich ganz verschiedenes. Nur beschreiben sie das Problem alle auf dieselbe Weise, und zwar als gestörte Kommunikation.
Unbequeme Pointe bei Kumkar: Demokratie braucht Polarisierung
Von dieser Beobachtung arbeitet sich Kumkar Schritt für Schritt zur eigentlichen Volte des Buches vor. Die lautet, grob umrissen, wir werden die Spaltung nicht los, denn unser repräsentatives System lebt von ihr. Was Polarisierung wie keine andere Strategie leiste: die sonst unübersichtlichen massenmedialen Diskurse in zwei Lager vorzusortieren und damit allen eine Chance zu geben, dazu Position zu beziehen. Für Regierung wie Opposition sei die Polarisierung damit ein unerlässliches Werkzeug zur Mobilisierung von Wählern und Wählerinnen. Für das System als solches sei sie aber ein Stabilisierungsmechanismus, der im ausgestellten Gegeneinander immer wieder das Bekenntnis zum Verfahren hervorruft und damit das System legitimiert. So schief, verkürzend und für die Kommunikation außerhalb des Wahlkampfes unproduktiv die hierfür gepflegten Feindbilder (Gutmenschen, Faschisten, der Elfenbeinturm, etc.) auch manchmal sein mögen, sie entwickeln eine integrative Kraft, von der die Parteiendemokratie zehre.
Das klingt so, als wäre Spaltung eine gute Sache und das Problem sei keines. Doch Polarisierung ist für Kumkar nicht gleich Polarisierung. Denn diese Systemlogik könne gekapert werden und genau das sei von Seiten des Rechtspopulismus passiert. Denn dieses durchaus widersprüchliche Verhältnis von Spaltung und Systemerhalt wenden AfD, MAGA und Co. gegen das System selbst, indem sie sich als Fundamentalopposition einrichten.
Nils C. Kumkar legt eine anspruchsvolle „Lockerungsübung“ vor
Weil nun beide Seiten diese Polarisierungsachse bedienen wollen, wird sich die Situation aus ihrer inneren Logik heraus wohl kaum in einem staatstragenden, wohlig-warmen Wir auflösen lassen. Nur was dann? In der Beantwortung dieser Frage übt sich der Soziologe Kumkar in redlich-wissenschaftlicher Zurückhaltung. Wer das Buch also in „Erwartung normativer Orientierung“ aufschlägt, wird enttäuscht. Zum Trost fügt Kumkar hinzu: „Das betrifft mich durchaus auch selbst.“
Am Ende lautet also die Diagnose, wir sind paranoid und sie sind wirklich hinter uns her. Nur ist alles nicht so, wie wir dachten. Damit ist „Polarisierung“ gleich zweifach anspruchsvoll. Argumentativ ist das Buch sicher nicht einfach und dabei auf knapp über 200 Seiten ausgesprochen dicht. Dazu schreibt Kumkar für die interessierte Öffentlichkeit, deren Erwartungen er jedoch notwendig enttäuschen muss.
Doch man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Denn einerseits kann Kumkar Pointe. Ohne Scheu vor Ironie hilft er, wo er kann, die bitteren Pillen zu schlucken. Und wenn man sich darauf einlässt, sind die vielen reflexiven Schleifen von „Polarisierung“ eine wirklich wirksame geistige „Lockerungsübung“, und sei es nur, um sich in der Polarisierungs-Paranoia etwas entspannter einrichten zu können.
Info: Nils C. Kumkar: „Polarisierung“, Suhrkamp, 290 Seiten, 18 Euro
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