Wenn Amsterdam heute in den Schlagzeilen auftaucht, oft wegen des Massentourismus, der dort zurückgedrängt werden soll. Einer der großen Touristenmagnete – und gleichzeitig auch ein besonderer Erinnerungsort ist dieses Museum an der Prinsengracht, Westermarkt 20. Dort schrieb Anne Frank ihr Tagebuch, bis das Versteck ihrer Familie im August 1944 entdeckt wurde, wahrscheinlich durch Verrat. Das schwingt mit, wenn es am Staatstheater Augsburg in der Brechtbühne nun „Amsterdam“ heißt. Doch was da in eineinhalb Stunden erzählt wird, ist noch viel tiefgründiger.
Die israelische Dramatikerin Maya Arad Yasur führt ihr Theaterpublikum an die Häuserzeile gegenüber, die Keizersgracht. Dort entfaltet sie eine Geschichte, die aus der Gegenwart zurück ins Jahr 1944 führt. Es geht um Fremdenfeindlichkeit heute in Amsterdam, um Bürokratie und das Jüdisch-Sein jetzt, und gleichzeitig auch um die Vergangenheit, um ein Haus, in dem Menschen, auch Juden, vor den Nazis versteckt wurden – und es geht um Verrat.
Doch Maya Arad Yasur erzählt das nicht mit Figuren und nicht mit Dialogen. Vielmehr mutet ihr Text an wie das Werkstattgespräch von Schauspielern, genauer Erzählern oder Performern, die gemeinsam „Amsterdam“ während der Aufführung entwickeln. Sie tasten sich sprechend, miteinander diskutierend, einander widersprechend hinein ins Handlungsnetz.
Es gibt da eine Hauptfigur, die keinen Namen bekommt, sondern immerfort nur „Du“ oder „Sie“ heißt. „Sie“ stammt aus Israel, ist Jüdin, lebt in Amsterdam, erfährt dort aber schmerzlich, was es heißt, fremd zu sein und anders auszusehen. Von ihrer Umwelt wird sie in Amsterdam nicht einfach als Frau, sondern als Jüdin, Israelin oder einfach unerwünschte Fremde gesehen. Das Publikum erfährt, dass sie kurz vor der Geburt ihres ersten Kindes steht, diese Schwangerschaft eher spät und überraschend zustande gekommen ist, der Vater eine Silvesterzufallsbekanntschaft war. Außerdem handelt es sich bei ihr um eine Musikerin, eine Violinistin und Komponistin. Ihr berühmtes Werk heißt „Das Paradox der Stare“.
An einer der Schlüsselstellen fragt ihre Musikagentin sie, warum sie kein Requiem für 17.820 tote Kinder in Gaza komponiere. Das Publikum würde es politisch lieben. Alles drin, in diesen zwei Sätzen. Die große Politik, die schwierige Diskussion über den Gaza-Krieg und das zynische Kalkül im Umgang damit.
„Amsterdam“ vermengt eine Vielzahl wichtiger Themen
Auch die Augsburger Inszenierung dieses viel gespielten Stücks (uraufgeführt 2018) fordert das Publikum heraus, dieses Handlungspuzzle zusammenzusetzen. Denn es gibt noch diese offene Gasrechnung über 1700 Euro aus dem Jahr 1944, die sie in die Hände gedrückt bekommt, weil ihre Vermieterin die Rechnung nicht begleicht. Und nun tauchen Figuren mit Namen auf. Ihr alter Nachbar Jan, der auch alle anderen Rechnungen aus den Vorjahren aufgehoben, aber nie bezahlt hat. Und mit ihm wiederum geht es zurück in die Geschichte, weil in ihrem Haus eben auch Menschen vor den Nazis versteckt worden sind.
Mevrouw Ingrid van Heugten war Jüdin, nein, sie war keine Jüdin, sie war behindert, nein, sie war nicht behindert, sie war schizophren, nein, sie hatte eine Hautkrankheit, nein, sie war eine Widerstandskämpferin. Darauf einigen sich die Erzähler auf der Bühne. Weil: „Niemand will mehr über Jüdinnen und Juden hören, Juden, das ist durchgekaut.“
Harter Tobak allenthalben. Die Schauspieler Sarah Maria Grunig, Katja Sieder, Jannis Roth und Mehdi Salim deuten höchstens an, wie einzelne Rollen gespielt werden könnten. Sie stellen sich komplett in den Dienst dieses Textes, werden ein vierstimmiges Eins, dann kappeln sie sich wieder. Sie treiben das in einem leicht-lockeren, doch immer auch angemessen bleibenden Ton voran, der es dem Publikum überlässt, das Existenzielle, das Dramatische, das Abgründige dahinter wahrzunehmen. Dabei entpuppt sich wie in einem Krimi dieser Nachbar Jan als Schlüsselfigur, der Gegenwart und Vergangenheit in einer Person verbindet.
Die Regisseurin findet für „Amsterdam“ Bilder wie in einer Operninszenierung
Dafür findet die Regisseurin Simone Geyer wie in einer Operninszenierung einzelne Bilder, die sich auf der Netzhaut förmlich festsetzen. Zum Beispiel mit den Videos der Stare, wenn sie schwärmen. Geyer hat sie selbst beigesteuert. Zu Streicherklängen fächern sich die Vögel weit auf, wirkt ihr Naturschauspiel an der Betonwand der Brechtbühne wie eine Choreografie des Chaos – mal ballt sich der Schwarm, bis ein schwarzer Knäuel entsteht, dann verteilen sich die Tiere wieder in der Breite.
Es sind Muster, die an das Spiel des Wassers erinnern, nur in die Luft gezaubert. Und die Regisseurin und Videokünstlerin macht damit plastisch, was im Stück immer wieder aufgegriffen wird: das Paradox der Stare. Es besteht darin, dass die schwärmenden Stare kein Leittier haben, an dem sie sich als Kollektiv orientieren. Vielmehr verhalten sich die einzelnen Stare immer nur zu den bis zu sieben Tieren, die sie umgeben. Das Kollektiv bewegt sich durch Impulse der Individuen – nicht eines einzelnen Leittiers. Schon allein über dieses Phänomen aus dem Tierreich lässt sich lange nachdenken, wenn im Stück als Kontrast Geschichte aus dem Jahr 1944 im nationalsozialistisch besetzten Amsterdam erzählt wird.
Und wie das Gegenbild zu den Vogelschwärmen am Beginn wirkt das Schlussbild. Es regnet. Die vier Darsteller werden nass. Ihre weißen Gewänder saugen sich mit Wasser voll, die Stoffe kleben auf der Haut. Das Uniforme der Kostüme (Mona Marie Hartmann) wird durchsichtig, das Individuelle zeigt sich, während die Kälte langsam die Körper durchdringt.
Geyer und ihr Team haben für diesen herausfordernden Text eine passende Form, starke Bilder und den angemessenen Ton gefunden. Der Applaus ist lang, die Stimmung nachdenklich. Ein Theaterabend, der sich einprägt.
Info Weitere Vorstellungen von „Amsterdam“ in der Brechtbühne am Gaswerk am 11., 18., 22. und 27. März sowie am 11. und 28. April.
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