Beim Wacken Open Air treffen sich Metalheads, auf der Fusion tanzen Technoliebhaber, bei Rock im Park feiern Fans verschiedenster Genres. Die großen Festivals ziehen jedes Jahr tausende Musikliebhaber an, doch es sind vor allem die kleinen Feste, die die Kulturlandschaft in Deutschland prägen – und bei denen es um mehr geht als Musik.
Denn sie stärken nicht nur die kulturelle Vielfalt, sondern auch das soziale Miteinander vor Ort, wie eine neue Studie zeigt. Sie wurde von der Initiative Musik, der Bundesstiftung LiveKultur und dem Deutschen Musikinformationszentrum initiiert, um die Bedeutung von Musikfestivals erstmals umfassend zu untersuchen.
Kleinere Festivals bieten vor allem Nachwuchskünstler eine Bühne
Knapp 1800 Musikfestivals finden demnach jedes Jahr in Deutschland statt, allein in Bayern gibt es mehr als 300 Angebote. Von Klassik über Rock, Pop und Jazz bis zu Elektronik ist alles dabei, am häufigsten aber feiern Besucherinnen und Besucher zu Popularmusik. Rund 24 Prozent der Festivals sind der klassischen Musik gewidmet, doch die Genregrenzen verschwimmen. Über die Hälfte der Klassikfestivals integriert Popularmusik, außerdem haben die meisten Festivals auch Kunstsparten wie Theater, Tanz, Kabarett oder Lesungen im Programm.
Ein weiteres Ergebnis der Studie: Jedes Festival bringt im Schnitt 30 Acts auf die Bühne, hochgerechnet ergibt das bundesweit jährlich rund 51.000 Konzerte. Vor allem Nachwuchskünstler profitieren davon, sie finden bei kleinen Festivals am häufigsten eine Bühne. Rund 40 Prozent der Auftritte tragen unbekanntere und lokale Acts. Laut Michael Sommer vom Allensbach-Institut leisten die Festivals damit einen entscheidenden Beitrag zur Förderung kultureller Vielfalt und zur nachhaltigen Entwicklung der Musiklandschaft.
Ein Großteil der Festivals wird von Ehrenamtlichen getragen
Doch wie die Studie zeigt, bieten Festivals nicht nur Bühnen für Livemusik, sondern eröffnen Freiräume für Kultur und Kreativität, und schaffen vor allem in ländlichen Regionen Raum für Begegnungen. Denn 60 Prozent der Festivals finden in Städten und Gemeinden mit weniger als 100.000 Einwohnenden statt.
Unverzichtbar dabei ist das Ehrenamt: Bei 79 Prozent aller Festivals spielt das freiwillige Engagement eine zentrale Rolle – sowohl bei der Planung als auch in der Durchführung. In kleinen Gemeinden ist fast jedes Festival auf Ehrenamtliche angewiesen, sie leisten damit einen wichtigen Beitrag zur kulturellen Teilhabe und regionalen Verankerung der Festivals.
Die Mehrheit der Festivals verfolgt kulturelle und gemeinnützige Ziele, so das Ergebnis der Studie. Nur 18 Prozent verstehen sich als kommerziell ausgerichtet. Doch die wirtschaftliche Situation vieler Festivals ist angespannt: Gewinne erzielen lediglich 15 Prozent der Festivals, während etwa 30 Prozent Verluste verzeichnen. Der größte Teil der Kosten machen Künstlerhonorare aus.
Bei der Finanzierung gibt es allerdings Unterschiede: So sind der Studie zufolge Klassikfestivals stärker förderfinanziert, weisen mehrheitlich einen ausgeglichenen Haushalt auf und decken etwa 40 Prozent ihres Budgets aus öffentlichen Mitteln ab. Popularmusikfestivals sind marktorientierter, erzielen häufiger Überschüsse, tragen dafür aber höhere wirtschaftliche Risiken und Infrastrukturkosten. Der Anteil öffentlicher Förderung liegt bei rund 20 Prozent.
„Musikfestivals sind nicht nur unverzichtbare Kulturorte, die Lebensfreude stiften und Gemeinschaft schaffen“, erklärte Kulturstaatsminister Wolfram Weimer angesichts der neuen Studie. „Sie sind zugleich auch ein wichtiger Wirtschafts- und Standortfaktor, der gerade in ländlichen Regionen für Beschäftigung sorgt.“ Der Bund habe mit dem Festivalförderfonds ein Förderinstrument geschaffen, das auf die spezifischen Bedürfnisse der Festivals reagieren kann. Mit dem Entwurf zum Bundeshaushalt 2025 habe die Bundesregierung dafür gesorgt, dass der Festivalförderfonds auch künftig fortgeführt wird.
Trotz aller Unsicherheiten gibt es immer wieder neue Initiativen für Festivals
Viele Festivals haben Tradition, rund ein Drittel existiert seit 20 Jahren oder mehr. Trotzdem sorgen sich viele Veranstalter um die Zukunft der Festivals. Zehn Prozent der Popularmusikfestivals befürchten ein unmittelbares Aus, bei Klassikfestivals sind es vier Prozent. Die Unsicherheiten zeigten sich auch bei der Vorstellung der Studie in Berlin, bei der Experten aus der Festivalbranche mit dabei waren. „Viele Festivals können nicht mehr stattfinden und auch wir spüren den finanziellen Druck“, erklärte Petra Irmscher, die seit Jahren das „Umsonst und Draußen“-Festival in Würzburg mit organisiert. Die Kosten für Veranstaltungen seien in den vergangenen Jahren massiv gestiegen, die Fördergelder hingegen gleich geblieben. Irmscher forderte mehr Planungssicherheit, vor allem mit Blick auf die zunehmenden Extremwetterereignisse.
Was die Experten und Studienleiter positiv stimmt: Trotz aller Unsicherheiten gibt es immer wieder neue Initiativen für Festivals. So ist die Zahl der Neugründungen seit Corona gestiegen. Knapp 18 Prozent aller Festivals feierten 2020 oder später Premiere. Besonders häufig werden neue Festivals mit Elektro-Schwerpunkt auf die Beine gestellt, die vor allem ein junges Publikum ansprechen.
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