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Was ein 75 Jahre altes Stück am Broadway über die USA von heute erzählt.

New York

Das Stück der Stunde in den USA: Wie der amerikanische Traum am Broadway endet

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    Nathan Lane und Laurie Metcalt spielen in „Tod eines Handlungsreisenden“ am Broadway dieses berühmte Ehepaar Willy und Linda Loman. Die Produktion ist gerade das Stück der Stunde in den USA.
    Nathan Lane und Laurie Metcalt spielen in „Tod eines Handlungsreisenden“ am Broadway dieses berühmte Ehepaar Willy und Linda Loman. Die Produktion ist gerade das Stück der Stunde in den USA. Foto: Emilio Madrid

     „Ich. Bin. Willy. Loman“, ruft Broadway-Legende Nathan Lane in der Rolle seines Lebens, in der Rolle jenes Willy Loman eben, seine Frau Linda, mitreißend gespielt von Laurie Metcalf, heult auf. Es ist fast ein Kampfschrei, ein Beharren, auf den eigenen Wert, eine Antwort auf den Sohn, der Willy zuvor als „nobody“ bezeichnet hatte. Das Drama im Winter Garden Theater am Broadway nimmt seinen Lauf, noch bis in den August hinein. Der Name Donald Trump fällt während der Vorstellung kein einziges Mal. Die Aufführung sucht auch sonst keine Anklänge an die Jetztzeit. Und doch könnte Arthur Millers „Der Tod eines Handlungsreisenden“, jenes uramerikanische Theaterstück aus dem Jahr 1949, das Hier und Heute kaum besser treffen.

    Ausgerechnet das mehr als 75 Jahre alte Abstiegsepos ist derzeit das heißeste Stück am Broadway, Anwärter auf gleich neun Tony Awards, dem Theater- und Musical-Oscar, der am 7. Juni verliehen wird, kurz bevor die USA ihren 250. Geburtstag feiern. Das Stück wird in allen großen Magazinen besprochen, der New Yorker, das liberale Vorzeigeblatt der Ostenküsten-Elite, lieferte gleich ein mehrere Seiten langes Porträt Laurie Metcalfs, New Yorks Schauspielerin der Stunde.

    Das Publikum sucht Antworten im Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“

    In diesem alten Stoff also suchen die Besucherinnen und Besucher Antworten auch auf das Hier und Heute, auf den Irrsinn der Trump-Regierung, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten ihres Landes und die Schattenseiten, auf die zunehmende Zerstrittenheit nicht nur der amerikanischen Gesellschaft. Die Wiederauflage dieser großen amerikanischen Tragödie ist jeden Tag so gut wie ausverkauft, obwohl das Stück mit fast drei Stunden Dauer die Gewohnheiten des auf verdaulichere Häppchen getrimmten Broadway-Publikums arg strapaziert.

    Stattdessen: keine langweilige Minute. Willy Loman, der Vertreter, also der Handlungsreisende, verzweifelt nicht nur an seinem Arbeitgeber und seinen Kindern, er fühlt sich vor allem verraten, weil der amerikanische Traum, den er immer predigte, bei ihm nicht hielt, was er sich davon versprochen hatte. In einem Land, in dem jeder, der ohne schlechtes Gewissen dem Profit huldigt, nach oben kommt, fällt für ihn nichts ab. Dazu kommt die Tragödie in der Familie. Biff, der einst vielversprechende Sohn, der im American Football seinen Weg zu machen schien, entdeckt seinen Vater mit einer fremden Frau, als er ihn auf einer seiner Vertreterfahrten besucht. Die heimliche Affäre des biederen Familienvaters liegt bleischwer unter dem Stück und macht die Loyalitätsbekundungen von Gattin Linda, dieser starken Frau, umso ergreifender. Und Happy, der andere Sohn, der Frauen so ausnutzt, wie, so will es Miller wohl sagen, der Kapitalismus Amerikas Arbeiter? Er bringt den schlimmsten Satz des Stücks, als ein Dinner der drei Loman-Männer furchtbar schiefgeht – „Nein, das ist nicht mein Vater“, sagt er, als eine Frau ihn darauf anspricht, „das ist bloß irgendein Typ.“

    Die Hauptfigur ist ein vom Entsetzen gelähmter Mann, der völlig allein ist

    Lane, 70, passt gut in die Rolle des Willy Loman, eine der großen Rollen des amerikanischen Theaters. Glaubwürdig verkörpert er einen, wie Arthur Miller schrieb „vom Entsetzen gelähmten Mann, der völlig allein ist und um Hilfe ruft, die niemals kommen wird“, eine Rolle, in der bereits Dustin Hoffman und Philip Seymour Hoffman am Broadway brillierten. Dramatiker Miller ist hierzulande vor allem als Lebensabschnittspartner von Marilyn Monroe bekannt, unvergessen seine Charakterisierung des Schauspiel-Stars als „das traurigste Mädchen“, das er je gekannt habe. Mit dem „Tod eines Handlungsreisenden“ hat er ein zeitloses Stück geschaffen, dessen Kritik an den sozialen Umständen auch heute nichts von seiner Schärfe verliert.

    Am Broadway stehen die Schauspieler und ihr Können im Zentrum, das Bühnenbild (Regie: Joe Mantello) ist zurückhaltend. Eine Art Großgarage im Industriestil mit einer Pritsche, ein paar Stühlen, einem Tisch. Alles gruppiert um den burgunderroten Chevy aus dem Jahr 1964, das Auto, mit dem Willy zunehmend erfolglos und gesundheitlich geschwächt seine Vertreterfahrten unternimmt. Scheinwerfer setzen die Bühne manchmal in gleißendes Hell, dann ist es wieder dunkel. In dieser dunklen Höhle hält Biff, der in einem Job nach dem anderen scheitert, dem Vater seine Lebenslügen vor, in dieser Dunkelheit zerbricht die Familie Loman. Dieses amerikanische Drama findet nicht in einem Haus statt, sondern in einer Garage, en passant irgendwie, auf dem Sprung, auch das passt in eine Zeit, in der Gewissheiten fast zufällig zu zerfallen scheinen.

    Man ertappt sich unweigerlich bei der Frage, ob Willy Loman heute Trump wählen würde, oder, auf Deutschland gewendet, die AfD, ob seine Verzweiflung in politischem Extremismus enden würde. Im Stück sucht er keinen Ausweg in der Politik, sondern rast in den Tod.

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