Frau Lind, Ihr neues Buch erzählt die wahre Lebensgeschichte einer Mutter mit Fünflingen. Es trägt den Titel „Die Löwenmutter“. Was hat Sie an der Vita dieser Frau so tief berührt, dass Sie ihr einen Tatsachenroman gewidmet haben?
HERA LIND: Claudia Holzgartner hatte mir ihre Geschichte in Form eines Tagebuchs mit vielen Fotos von den neugeborenen Fünflingen zugeschickt. Eine außergewöhnliche Einsendung, die sofort mein Interesse weckte und mir sehr zu Herzen ging. Zuerst war es mir zu fachspezifisch für ein großes Lesepublikum, und ich schrieb ihr zurück, dass sich ihre Aufzeichnungen sicher hervorragend für andere Betroffene eignen würden, vielleicht für eine medizinische Fachzeitschrift. Aber sie ließ nicht locker und schickte mir nach vier Monaten die Fortsetzung; nämlich, wie ihre Ehe zerbrach und wie sie es alleine schaffte, und die ging mir dann so zu Herzen, dass ich ihr spontan zusagte.
Wie recherchieren Sie grundsätzlich für Ihre Tatsachenromane?
LIND: Unter hundert Einsendungen ist im Durchschnitt eine, wo bei mir der Funke springt und ich mich quasi schock verliebe, in den Stoff und in die Heldin oder den Helden. Das heißt, es gibt eine Menge Vorarbeit, die niemand sieht. Ich lese und sondiere sämtliche Zusendungen selbst, das kann mir niemand im Vorfeld abnehmen. Wenn dann aber der eine Diamant im Heuhaufen gefunden ist, bin ich Feuer und Flamme, besuche die Protagonistin (den Protagonisten, zwei waren unter 34 Tatsachenromanen männlich) und dann gehe ich gemeinsam mit meiner Heldin, meinem Schützling auf Tour in dessen Vergangenheit. Das kann auch viel Recherche im Internet bedeuten, beispielsweise bei Schicksalen, die im Banat oder Siebenbürgen spielen, in Sibirien, in Kasachstan, in der früheren DDR, zum Beispiel im Frauenzuchthaus Hoheneck, das ich besuchte, sogar im Getto von Wilna.
Das Buch schildert den Kampf einer Mutter, trotz Verlusten und familiärer Krisen stark für ihre Kinder zu bleiben. Sie haben selbst vier Kinder. Haben Sie aus Ihrem eigenen Erfahrungsschatz auch etwas einfließen lassen?
LIND: Da haben wir uns wohl gegenseitig abgeholt: trotz und gerade wegen der Kinder stark zu bleiben, immer das Wohl und die möglichst unbeschwerte Kindheit im Auge zu behalten, das Beste aus jeder Situation zu machen. Die Szene mit dem Tischtennistisch, der bei den vielen Umzügen immer die entscheidende Rolle spielt, kommt aus meiner eigenen Erfahrung: Der muss unbedingt mit.
In Deutschland lag die Geburtenrate 2024 bei 1,35 Kindern, Tendenz sinkend. Großfamilie ist sozusagen out. Warum haben Sie persönlich sich trotzdem dafür entschieden?
LIND: Weil Kinder das Leben ungemein bereichern, einen immer mit beiden Beinen am Boden halten, einen so viel lehren, immer vor neue Herausforderungen stellen, bis an die letzten Reserven bringen und manchmal noch ein Stück darüber hinaus. Aber dann sind sie auch der größte Segen, der Sinn des eigenen Lebens, auch manchmal rückblickend des eigenen Versagens. Aber sie zeigen einem, dass sich alles gelohnt hat, und sie lieben einen, wie man ist. Man darf irgendwann ernten, was man gesät hat.
Würden Sie sich nochmals für mehrere Kinder entscheiden? Und warum?
LIND: Ja, immer wieder. Loriot schrieb, dass ein Leben ohne Hund möglich, aber sinnlos sei, für mich gilt das für Kinder. Das müssen nicht nur die eigenen sein, man kann sein Herz an jedes Kind verlieren.
Wie haben Sie das geschafft, die Familie und einen fordernden Beruf miteinander zu vereinbaren?
LIND: Das frage ich mich heute selbst, ehrlich. (lacht) Nein, ich habe damals Hilfe in Anspruch genommen, durch eine wunderbare Kinderfrau, durch mehrere Au-Pair-Männchen. Hier lege ich Wert darauf, dass gerade männliche Au Pairs eine Vorbildfunktion haben: Meine Söhne haben gelernt, dass auch, und da lehne ich mich wieder an Loriot an, „Kosakenzipfel-Träger“ sehr wohl in der Lage sind, einen Tisch abzuräumen. Heute sind meine Söhne die weltbesten Ehemänner und Väter!
Wann haben Sie denn eigentlich Ihre Bücher geschrieben? Nachts?
LIND: Das Schreiben war und ist immer meine Leidenschaft, mein Bedürfnis, irgendwann habe ich mein Hobby zum Beruf gemacht. Alles, was man mit Begeisterung und Hingabe tut, fühlt sich nicht wie Arbeit an, sondern ist sinnstiftend und beglückend. Tatsächlich schrieb ich die ersten Bücher in der Garage, setzte mein Bleiberecht gegen das Auto durch. Man muss sich einfach manchmal was trauen!
Müsste die deutsche Politik insgesamt bessere Rahmenbedingungen für Familien herstellen, damit die Geburtenrate wieder zunimmt?
LIND: Selbstverständlich, Kinder sind das Wertvollste, was unsere Gesellschaft hat, und darüber hinaus unsere Zukunft! Keine Mutter sollte als „Rabenmutter“ hingestellt werden, wenn sie wieder in ihrem Beruf arbeiten will oder auch auf ihre eigenen Bedürfnisse schaut. Jedem Kind muss unbedingt ein Kita-Platz zustehen, jedem Schulkind eine geeignete Nachmittagsbetreuung samt täglichem Sport und Musik. Nur ausgeglichene Kinder lernen Sozialkompetenz, Respekt und gewinnen dadurch Lebensfreude. Da ist dann auch gleich die Handy-Sucht vom Tisch, unter der einsame Kinder zunehmend leiden.
Sie gehören mit mehr als zwanzig Millionen verkauften Büchern wie „Ein Mann für jede Tonart“ und „Das Superweib“ zu den erfolgreichsten Autorinnen der deutschsprachigen Literatur. Sie sind auch bekannt dafür, Schicksale von Frauen in Tatsachenromanen aufzugreifen. Wie grenzen Sie sich beim Schreiben emotional von diesen oft dramatischen Geschichten ab?
LIND: Während des Schreibens bin ich ganz bei meinen Protagonistinnen, krieche förmlich in sie hinein, schreibe auch immer in der Ich-Form. Da verliere ich mich komplett in der Geschichte, lache und weine mit ihnen, leide, liebe, hoffe. Abends holt mein Mann mich mit der Schiffsglocke wieder raus; entweder eine Runde über den Mönchsberg - wir leben ja in Salzburg - oder zehn Sätze Tischtennis.
Was macht dieses Buch aus Ihrer Sicht besonders?
LIND: Überzeugen Sie sich selbst! Es ist auch für Männer sehr spannend! Hier herrscht nämlich noch das überalterte Rollenbild: Die Frau hat Haus und Hof zu regeln, der Mann geht jagen, fischen und angeln. Er reißt auch immer wieder alles aus den Angeln; bis die Frau den Mut hat, das Leben mit fünf Kindern ohne ihn zu versuchen. Und dann kommt ja auch noch ein neuer Traummann um die Ecke… der Umzugsmann Didi, den gibt es wirklich!
Wie glauben Sie, dass Romane in zehn Jahren verfasst werden? Immer noch von Menschen?
LIND: Also ich werde ganz vorn dabei sein, mit Ende siebzig, wenn der liebe Gott mich lässt! Die Flut der wahren Geschichten reißt ja nicht ab, im Gegenteil.
Für die Musik wird von Experten vorhergesagt, dass KI-basierte Musik den Markt künftig überschwemmen wird. Wie ist das beim Buch? Werden Schriftstellerinnen und Schriftsteller künftig überflüssig?
LIND: Werden gute Köche jemals überflüssig? Klar, machen wir uns gelegentlich eine Dose auf oder bestellen uns Fast Food, aber ein guter Koch ist eben nicht zu ersetzen.
Zur Person
Hera Lind, geboren 1957 in Bielefeld, gehört zu den erfolgreichsten Autorinnen der deutschen Unterhaltungsliteratur. Seit einigen Jahren widmet sie sich dem Tatsachenroman, in dem sie bewegende Schicksale und gesellschaftliche Missstände aufgreift. Ganz neu erschienen ist jetzt „Die Löwenmutter“ (Heyne, 400 Seiten, 13 Euro)
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