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Wie gefährlich ist der Islamismus? Forscherin Florence Bergeaud-Blackler im Interview

Islamismus

Wissenschaftlerin Florence Bergeaud-Blackler im Interview: „Islamisten kennen keine Diversity“

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    Expertin für Islamismus: die französische Anthropologin und Islamismusforscherin Florence Bergeaud-Blackler.
    Expertin für Islamismus: die französische Anthropologin und Islamismusforscherin Florence Bergeaud-Blackler. Foto: Stefanie Schoene

    Frau Bergeaud-Blackler, Frankreich hat in den letzten zehn Jahren mehrere hundert Menschenleben durch islamistische Anschläge verloren, darunter zwölf Journalisten der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und den Lehrer Samuel Paty. Haben Sie mit Morddrohungen gerechnet, als Ihr Buch über die Muslimbruderschaft erschienen ist?
    FLORENCE BERGEAUD-BLACKLER: Es war mir klar, dass es kein Spaziergang wird. Ich beschäftige mich ja seit 30 Jahren mit den Strukturen dieses globalisierten Netzwerks. Ich werde schon lange bedroht. Genau wie auch andere Kollegen in Europa, die sich mit diesem Thema beschäftigen. Über mich streuten die Muslimbrüder das Gerücht, ich arbeitete für die Polizei. Leider sind diese Strategien manchmal erfolgreich. Kollegen brachen ihre Forschungen schon ab, weil es ihnen zu mühsam wurde. Die Muslimbrüder wollen kontrollieren, was über den Islam gesagt wird und verhindern, dass unkontrolliert Wissen über ihr Programm und ihre Organisationen verbreitet wird.

    Die Muslimbruderschaft hat seit den 1960ern, ausgehend von München, auch in Deutschland ihre Zelte aufgeschlagen. Seit langem schon ist sie ein Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes, der ihre Moscheen und Institute zum nicht gewalttätigen, politisch-religiösen Extremismus zählt. Was ist ihr Ziel?
    BERGEAUD-BLACKLER: Der Frèrismus, wie ich die Muslimbruderschaft nenne, ist die Ideologie, die die Muslimbrüder vor hundert Jahren zunächst in Ägypten, dann in der muslimischen Sphäre und schließlich im Westen entwickelt haben. Er ist dabei, aktiv die demokratischen Gesellschaften im Sinne eines fundamentalistischen Islam umzubauen. Eine gut gebildete muslimische Elite arbeitet mit den – teils unwissenden – Eliten Europas daran, ein islamisches Gesellschaftssystem aufzubauen. Ein modernes Kalifat, eine langsame kulturelle Transformation. Es ist ein Eliteprojekt. Die Menschen auf den Straßen Europas spüren diesen Wandel, wenn sie darüber sprechen, gelten sie jedoch als Rassisten und Islamfeinde. Wenn der Frèrismus weiterwächst, dann liegt das daran, dass er nicht weiter untersucht wird. Und daran, dass Katar, die Türkei und die EU weiterhin ihre Projekte finanzieren. Sie sind es, die in den Zielgesellschaften islamistische Räume öffnen, helfen, die Landschaft und die Sprache im Sinne der Muslimbrüder zu verändern, islamkompatibel und schließlich islamkonform zu machen.

    Keine Organisation sagt von sich, sie gehöre zur Muslimbruderschaft. Wie erkennt man sie?
    BERGEAUD-BLACKLER: Es sind informelle Netzwerke, die sich mit Themen wie Inklusion, Antirassismus und Islamfeindlichkeit befassen und personelle Verflechtungen mit den zentralen Organisationen wie der Deutschen Muslimischen Gemeinschaft in Berlin oder dem Dachverband Föderation der islamischen Organisationen in Europa aufweisen. Ein weitgespanntes, internationales Netz aus Stiftungen, Vereinen, Moscheen, Wohnheimen, EU-geförderten Projekten, einflussreichen Gelehrten, Tiktok-Influencern und Fatwa-Instituten. Der Koran und die Überlieferungen, die Sunna, sind für sie nicht historisch, sondern ewig gültig. Der Koran ist Gesetz. Muhammad wird als idealer muslimischer Prototyp, als verpflichtend nachzuahmendes Vorbild sakralisiert. Diese extreme Unantastbarkeit Muhammads war es, die die Terroristen die Legitimation gab, Charlie Hebdo anzugreifen.

    Sie sagen, die Muslimbrüder suchten gezielt Verbündete an Universitäten. Vor allem das linksliberale Milieu lasse sich hier gut instrumentalisieren. Ist das nicht zu konstruiert?
    BERGEAUD-BLACKLER: Nein. Unterstützer finden sie in postkolonialen, antirassistischen Kreisen, unter Akademikern, die sich als links verstehen. Diese legitimieren ihre Diskurse als antikolonial oder emanzipatorisch und tragen sie in das akademische Milieu. Nehmen Sie den Hijab, der den weiblichen Körper bis auf Hände und Gesicht bedecken muss. Er steht im Widerspruch zur europäischen Idee von Emanzipation und Gleichberechtigung der Geschlechter. In soziologischen Studiengängen wird er jedoch als Identitätsmerkmal, als normales Kleidungsstück, als Symbol für Freiheit, Feminismus und Antirassismus untersucht. Das schafft Akzeptanz. Die Studien übersehen jedoch: Islamisten kennen keine Diversity, außer die von Gott gewollte. Das anzusprechen, gilt heute als islamfeindlich.

    Immer wieder hört man auch den Begriff Islamophobie. Gibt es die?
    BERGEAUD-BLACKLER: Es gibt Rassismus, ja. Der gehört bekämpft, aber er betrifft nicht spezifisch den Islam. Eine Phobie? Man hat das Recht, den Islam nicht zu mögen oder sogar Angst vor ihm zu haben. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass der reflexartige Vorwurf „Islamophobie“ eigentlich der Vorwurf der Blasphemie ist. Er verhindert Debatten und Forschungen über islamistische Phänomene. Das dient den Falschen und ist gefährlich für die Sicherheit und die demokratischen Werte unserer Länder.

    Zur Person

    Florence Bergeaud-Blackler, Professorin und Forschungsbeauftragte des Nationalen Zentrums für Wissenschaftliche Forschung (CNRS) in Paris, warnt vor der Muslimbruderschaft. Die Dynamik der Bewegung werde verkannt, und die Eliten Europas stützen Islamisten durch Diskursverengung und Tabuisierungen. Seit ihrer Studie zur Muslimbruderschaft steht die französische Anthropologin und Islamismusforscherin unter Polizeischutz. Ihr neustes Buch trägt den Titel „Kalifat nach Plan. Frèrismus und seine Netzwerke in Europa“ (Schiler & Mücke, 440 S., 28 Euro).

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