Es hat einige Überzeugungsarbeit gebraucht, bis die CSU im Bayerischen Landtag eingelenkt hat. Bereits im Jahr 2009 hatte Arif Tasdelen für die SPD-Fraktion das Thema auf die Tagesordnung gesetzt. Doch die Staatsregierung hatte sich über Jahre hinweg einer Reform des Bestattungsrechts in Bayern verweigert. Seit dem 1. April 2021 ist nun die Sargpflicht auf bayerischen Friedhöfen aufgehoben. In der Praxis bedeutet das aber auch zwei Monate danach noch keineswegs, dass auf allen Friedhöfen dem Wunsch von Muslimen entsprochen wird.
Muslimen und anderen Gläubigen ist es rechtlich nun auch im Freistaat erlaubt, ihre Verstorbenen ohne Sarg zu bestatten und sie statt dessen in ein Tuch zu hüllen. Allerdings enthält der Text auch einen umstrittenen Passus. Wörtlich schreibt das Gesundheitsministerium: „So kann zu prüfen sein, ob der Anblick eines nur in ein Tuch gehüllten Leichnams andere Friedhofsbesucher befremden könnte.“ Städte und Gemeinden müssten nun im Einzelfall beurteilen, ob eine Bestattung im Leintuch das sittliche Empfinden der Allgemeinheit verletze oder nicht. Die Grünen-Abgeordnete Gabriele Triebel kritisierte in der Süddeutschen Zeitung, diese Formulierung suggeriere, dass traditionelle Bestattungen im Leintuch geschmacklos wären.
In Mindelheim dürfen Verstorbene nicht ohne Sarg bestattet werden
Im Islam werden Verstorbene traditionell in weißen Tüchern ohne Sarg bestattet. Bisher war es allerdings in Bayern aus hygienischen Gründen verboten, Verstorbene ohne Sarg zu beerdigen. Muslimische Grabfelder gibt es aber schon seit Jahren auf immer mehr Friedhöfen in Bayern. Auch in Mindelheim ist das so. Hier war die Stadt einer Anregung von Stadtrat Mehmet Yesil (SPD) gefolgt. Diese Gräber sind streng nach Osten ausgerichtet, also nach Mekka, der wichtigsten Pilgerstätte der Moslems. Bisher allerdings mussten Verstorbene auf diesen besonderen Grabfeldern auch im Sarg bestattet werden.
Die Akzeptanz in Mindelheim ist sehr überschaubar, was Yesil bedauert. Viele Muslime fühlten sich nicht wirklich angenommen, auch wenn sie schon lange in der Stadt leben. „Wenn man Integration vollenden will, dann gehört auch das Bestattetwerden in Mindelheim dazu“, betont er.
In der Regel werden Verstorbene aus der türkischen Gemeinschaft aus Mindelheim in die Türkei geflogen und dort nach muslimischem Ritus bestattet. Yesil schätzt, dass 50 bis 80 Prozent der Türken in Deutschland so verfahren. Auch Aleviten bestatten ihre Verstorbenen nach muslimischem Ritus.
Der Vorsitzende des türkisch-islamischen Vereins in Mindelheim, Alettin Özdemir sagt, wenn jemand stirbt, kommt sehr schnell ein türkisches Bestattungsunternehmen, das alle Arbeiten übernimmt. Die Zentrale von Ditib hilft, auch das Europazentrum der Aleviten in Köln, weiß Yesil.
Leichen werden häufig rasch in die Türkei geflogen und dort beerdigt
Dazu zählt auch der rasche Transport des Leichnams in die Türkei über den Luftweg. Denn anders als bei Christen legen Muslime sehr viel Wert darauf, dass Verstorbene möglichst schnell beerdigt werden. Das geschieht in der Regel bereits am ersten oder zweiten Tag nach dem Ableben. In der Corona-Zeit, räumt Özdemir ein, hat es aber oft länger gedauert. Diese Form der Bestattung in der alten Heimat ist sehr teuer. Deshalb haben sich die meisten mit einer Sterbeversicherung für diese letzte Reise abgesichert. Yesil sagt, dafür zahlten Familien bis zu 50 Euro im Monat. Je früher eine solche Versicherung abgeschlossen wird, umso günstiger fällt sie aus.
Seit die Sargpflicht nicht mehr besteht, gab es unter den Muslimen in Mindelheim bisher noch nicht den Wunsch, Verstorbene mit einem Tuch auf dem Mindelheimer Friedhof zu bestatten. Auf die neue Situation müssen sich auch die Verantwortlichen der Friedhöfe einstellen. In München ist es deshalb bereits zu Probebestattungen gekommen. Da wurde am offenen Grab geübt, wie ein Leichnam im Tuch hinabgelassen werden muss.
Mindelheim will Einzelfälle für den Friedhof prüfen
In Mindelheim ist die Friedhofssatzung seit der neuen Rechtslage nicht verändert worden. Die Stadt als Träger des Friedhofs prüft laut Julia Beck vom Büro des Ersten Bürgermeisters jedoch vor Ort, ob Bestattungen in einem Leichentuch ohne Sarg in der Friedhofssatzung oder durch Entscheidung im Einzelfall zugelassen werden können. Die Friedhofsverwaltung plant eine Neufassung der Satzung, die dem Stadtrat vorgelegt werden soll. Im Grundsatz sei die Sargpflicht bei Erdbestattungen nicht aufgehoben.
Mehmet Yesil will nun bei seinen Stadtratskolleginnen und Kollegen Überzeugungsarbeit leisten. Der Stadtrat solle sich damit befassen und eine „Herzensangelegenheit der Muslime“ erfüllen.
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