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Ulm

31.01.2020

Nach Giftattacke auf Babys: Geht das Vertrauen in die Klinik verloren?

Eine junge Krankenschwester soll versucht haben, fünf Säuglinge mit Betäubungsmittel zu töten.
Bild: Alexander Kaya (Symbolfoto)

Plus Nach der Giftattacke auf fünf Säuglinge sind nicht nur die Eltern erschüttert. Die Verantwortlichen geben Einblick in Sorgen und neue Sicherheitsvorkehrungen.

Als den Verantwortlichen des Ulmer Uniklinikums klar war, dass fünf Babys auf einer Überwachungsstation mit dem Betäubungsmittel Morphin vergiftet wurden, rief Klaus-Michael Debatin persönlich bei den Eltern der fünf Kinder an. Sie seien schockiert gewesen, aber auch dankbar – und in gewisser Weise sogar erleichtert, berichtet der Ärztliche Direktor der Kinderklinik.

Schockiert über das unglaubliche Verbrechen, für das die Ermittler noch immer kein Motiv kennen oder nennen wollen. Dankbar für die Aufklärung – und in gewisser Weise erleichtert, endlich den Grund dafür zu kennen, warum die Babys in jener Nacht in tödliche Gefahr geraten waren: Eine junge Krankenschwester soll den Säuglingen das Betäubungsmittel Morphin mit Muttermilch gemischt in den Mund gespritzt haben.

Mehrere Stunden lang kämpfte das Klinikteam um das Leben der Kinder, die zwischen einem Tag und einem Monat alt waren. Zwei Tage dauerte es, bis der Zustand der Babys stabil war. Folgeschäden sind nach Angaben von Professor Dr. Debatin durch die Gift-Belastung nicht zu befürchten – das belegen nach Angaben des Mediziners Studien. Gefährlich sei Morphin dann, wenn es angewendet werde: „Es lähmt das Atemzentrum“, erklärt der Mediziner.

Eine junge Krankenschwester soll versucht haben, fünf Säuglinge mit Betäubungsmittel zu töten.
Bild: Alexander Kaya

Tatsächlich litten die Säuglinge unter Atemaussetzern, in der Fachsprache: Apnoen. Und sie litten unter Veränderungen der Herzfrequenz, auch das ist eine Folge von Morphin. Dass die Klinikmitarbeiter schnell handelten, verhinderte den Tod der Neugeborenen, unter denen auch Frühchen waren.

Morphin in der Muttermilch: Krankenschwester soll Babys in Ulm vergiftet haben

Der Vorfall sei geeignet, das Vertrauen in das Uniklinikum Ulm zu erschüttern, sagt der Leitende Ärztliche Direktor und Vorstandsvorsitzende Udo X. Kaisers. Er entschuldige sich für den Vorfall und für die Sorgen und Ängste, die dadurch verursacht worden seien. Auch die Mitarbeiter des Uniklinikums seien bestürzt und vom Vertrauensverlust betroffen: „Sie arbeiten den ganzen Tag und teilweise schon jahrzehntelang für den Patienten.“ Der Vorfall wird in der Kinderklinik in Gesprächen aufgearbeitet, die Mitarbeiter bekommen psychologische Betreuung. Der Ärztliche Direktor Klaus-Michael Debatin bestätigt: „Wir sind alle erschüttert.“

An eine Serie von Verbrechen glaubt er nicht – die Uniklinik hat wie berichtet rückblickend nach Auffälligkeiten gesucht und keine Anzeichen gefunden. „Wir gehen von einer Einzeltat in einer Einzelsituation aus“, sagt Debatin. Die Ermittlungsbehörden prüfen diese Frage noch, wie der Leitende Oberstaatsanwalt Christof Lehr am Donnerstag sagte.

Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln nach Vorfall an der Kinderklinik in Ulm

Hat die Einzelsituation, von der Debatin ausgeht, Auswirkungen auf die Zukunft der Einrichtung? Jährlich werden dort 50.000 Patienten stationär behandelt, weitere 300.000 ambulant. Wie viele von ihnen in der Kinderklinik versorgt werden, kann das Klinikum nicht aufschlüsseln. Bleiben Patienten fern, weil sie das Vertrauen in die Kinderklinik oder sogar in das Universitätsklinikum insgesamt verloren haben?

Diese Frage beschäftige die Verantwortlichen, räumt Debatin ein. Kaisers spricht sogar von einem zentralen Punkt, der das Uniklinikum umtreibe. Er verspricht: Man werde alles tun, verloren gegangenes Vertrauen wieder zu erarbeiten. „Auch wir sind potenzielle Patienten, auch wir haben Kinder“, sagt Kaisers über sich und seine Kollegen. Klaus-Michael Debatin glaubt indes nicht an schwerwiegende Auswirkungen für die Mediziner auf dem Michelsberg. „Ich bin da ganz zuversichtlich“, betont der Ärztliche Direktor der Kinderklinik. Er habe zuletzt sehr viele Fragen beantwortet. Die Uniklinik hat eine Telefon-Hotline für Eltern, Angehörige und Patienten geschaltet.

Aus den Gesprächen zieht Debatin einen Schluss, zum der er auch selbst kommt: „ Alle Beteiligten halten das für ein singuläres Ereignis.“ Die Eltern hätten nicht den Verdacht, dass es eine Serie von Giftattacken oder anderen Vorfällen gegeben haben könnte. Und der Ärztliche Direktor ist überzeugt: „Wir haben eine sehr gute Universitätsklinik hier.“

Neue Sicherheitsvorkehrungen an der Kinderklinik in Ulm

Trotz dieser Überzeugung hat die Kinderklinik neue Vorkehrungen getroffen. Der Zugang zum Betäubungsmittelschrank ist nun restriktiver – auch die verdächtige Krankenschwester durfte ihn öffnen. Nun gibt es solche Schränke nicht mehr auf jeder Station. Auch die Zahl derer, die ihn öffnen dürfen, ist eingeschränkt worden. Ein Vier-Augen-Prinzip für die Entnahme von Medikamenten soll aber nicht eingeführt werden. Das sei zwar denkbar, aber nicht üblich, gibt sich Debatin zurückhaltend. Kriminelle Energie lasse sich im Übrigen auch durch die strengsten Sicherheitsvorkehrungen nur schwer aufhalten.

Neben den psychologischen Hilfsangeboten für die insgesamt 400 Beschäftigen der Kinderklinik ist die ohnehin geplante Supervision der Mitarbeiter nun im Zug dieses Vorfalls eingeführt worden; gemeint ist eine Beratung der Mitarbeiter, die die Qualität der Arbeit sichern und verbessern soll.

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