Für sein Schlusswort nimmt Jörg Behrens wieder sein Manuskript zur Hand und was er spricht, hat es in sich: „Veränderung fängt als allererstes im Kopf an. Und die Verwaltung muss ihren Kopf aufmachen“, sagt Behrens, der Vorsitzende des Stadtmarketingvereins Wir in Neu-Ulm (Win). Manches, was im Rathaus geschehe, sei „absoluter Dünnschiss“, kritisiert der 54-Jährige.
Der Ärger der Geschäftsleute in Neu-Ulm hat sich über die Jahre angestaut. Behrens, im Hauptberuf Chef von Media-Markt in der Glacis-Galerie, nennt Beispiele: Der Parkhaus-Abriss am Bahnhof hätte zunächst unmittelbar vor einem verkaufsoffenen Sonntag beginnen sollen – eine Katastrophe für die Händler, die sich gerade noch abwenden habe lassen.
Die inzwischen eingerichtete Linksabbiegespur aus der Reuttier Straße in die Bahnhofstraße sei immer wieder mit neuen und widersprüchlichen Begründungen abgelehnt worden. Und bei Festen lasse die Verwaltung die Unternehmer viel zu wenig mitreden. „Dafür sind wir als Stadtmarketing-Verein da“, sagt Behrens. „Es kann nicht sein, dass man uns nur zwei Tage vorher anruft und fragt, ob unsere Mitglieder Getränke ausschenken, weil es sonst keiner tut.“
Kritik an Gerold Noerenberg und der Stadtverwaltung von Neu-Ulm, Lob für Katrin Albsteiger
Und dann sind da noch andere, kleinere Wünsche: Mehr Fahrradständer, mehr Bepflanzung, eine weniger kümmerliche Weihnachtsbeleuchtung. „Das ist eine Katastrophe, was die Stadt Neu-Ulm da zu bieten hat“, findet Lennard Lemke. Der selbstständige Hörgeräteakustiker war selbst Vorsitzender des Vereins und ist jetzt einfaches Mitglied. Auch Alt-OB Gerold Noerenberg schonen die Geschäftsleute nicht: Er habe Win kurz gehalten und nicht mitreden lassen. Wichtige Themen wie das Fahrradfahren in der Stadt hätten ihn nicht interessiert.
Es ist aber nicht so, dass die Geschäftsleute alles schlecht finden, was die Stadt macht. Immerhin profitiert Win von Zuschüssen, 2018 waren es 40.000 Euro, im Jahr darauf dank zusätzlicher Projektförderung fast 57.000 Euro. „Wir können jetzt mehr wuppen“, sagt Schatzmeister Benjamin Gasser über das gestiegene Budget, das der Stadt und den erhöhten Mitgliedsbeiträgen zu verdanken ist.
Neu-Ulm Stadtmarketing-Verein Win hat in der Corona-Zeit 31 neue Mitglieder gewonnen
Ihre Hoffnung setzen die Kaufleute in eine Frau: „Frau Albsteiger hat das Herz am richtigen Fleck, sie geht auf die Menschen zu“, lobt der Win-Vorsitzende Behrens. Die neue Oberbürgermeisterin sei offen für neue Ideen und Entscheidungen ließen sich viel schneller umsetzen. Zum Beispiel die größeren und gebührenfreien Außenbewirtungsflächen für die Gastronomie – darüber hätten sich Albsteiger und die neue, alte Neu-Ulmer Citymanagerin Ina-Katharina Barthold verständigt. Katrin Albsteiger habe ins Gespräch gebracht, den Rathausplatz ganzjährig zu bespielen und dort nicht nur vereinzelte Feste zu feiern. Auch bei den Wünschen nach mehr Fahrradständern und einer intensiveren Mitsprache setzt Win auf die im März neu gewählte CSU-Politikerin. Nur die Strukturen im Rathaus müssten sich verändern. Dort müsse überlegt werden, was möglich sei – und nicht, was unmöglich ist. „Es geht, wenn man will“, gibt sich Behrens überzeugt.
Ina-Katharina Barthold, die Citymanagerin, ist im Januar nach anderthalb Jahren zum Verein Win zurückgekehrt – als Nachfolgerin ihres Nachfolgers Florian Fuchs, der ins Landratsamt des Alb-Donau-Kreises wechselte. An dessen Arbeit scheiden sich die Geister. Win-Vorsitzender Behrens hebt hervor, dass der zuvor beim Ulmer City Marketing beschäftigte Fuchs dem Verein Möglichkeiten gezeigt habe, wie er bei Festen und Aktionstagen Geld verdienen könne. Zudem habe der Verein mit Fuchs als Citymanager erstmals an Bauausschusssitzungen teilgenommen. Inzwischen wird der Verein beim Baustellenmanagement der Stadt angehört: Die Sicht der Händler soll bei solchen Entscheidungen eine Rolle spielen.
Verein Wir in Neu-Ulm: Kritik am früheren Citymanager Florian Fuchs
Von den Mitgliedern gab es aber Kritik an Fuchs’ Wirken. Man habe überhaupt nichts vom Geschäftsführer des Vereins mitbekommen, moniert Lennard Lemke. Und der Win-Vizevorsitzende Harald Mandl sagt: „Florian Fuchs hatte nicht die Qualität von Ina Barthold.“
Die hat sich aus Sicht der Neu-Ulmer Gewerbetreibenden nicht nur bei den Sonderregelungen für Wirte verdient gemacht, Lob gibt es auch für ihre Beratung und Hilfe bei den Themen Kurzarbeit, Soforthilfen und Steuerstundungen. Die Corona-Krise hat den Unternehmen zu schaffen gemacht, dem Verein hat sie nicht geschadet: 31 neue Mitglieder hat Win seit Jahresbeginn geworben, jetzt sind es 132. Die Finanzlage ist ausgeglichen. Denn die Einnahmen sind zwar geringer. Weil fast alle Pläne und Projekte wegen Corona platzten, sind aber auch die Ausgaben zurückgegangen.
Geführt wird der Verein auch in den nächsten zwei Jahren von Behrens, Mandl und Gasser, die einstimmig wiedergewählt wurden. Was die Mitglieder von ihm erwarten können, sagt Behrens noch vor der Abstimmung: „Ich bin total unangepasst, nicht immer koordiniert und nicht immer ordentlich. Aber ich bin für Sie da.“ Wenig später holt er zu seinem Rundumschlag gegen die Stadtverwaltung aus.
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