Ulms Ballettchefin Annett Göhre und Steffen Fuchs, Ballettdirektor in Koblenz, kennen einander seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Staatlichen Ballettschule Berlin. Zu einer beruflichen Zusammenarbeit kam es aber erst jetzt: „Creative Dialogues“ heißt ihr gemeinsamer Ballettabend, der jetzt parallel in Koblenz und Ulm läuft – ein Experiment mit zwei Compagnien, aber einem gemeinsamen Entstehungsprozess und gleicher Ausstattung.
Tanztheater bringt die Beziehung zwischen Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir auf die Bühne
Die kreativen Dialoge – gemeint sind die zwischen Steffen Fuchs und Annett Göhre im Austausch, gemeint sind aber auch die zwischen dem französischen Philosophen-Paar Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, deren Beziehung Ausgangspunkt der beiden Choreografien des Ballettabends ist. So verschieden Annett Göhre im ersten Teil und Steffen Fuchs im zweiten das Thema emotionaler und sexueller menschlicher Beziehungen durchleuchten – Leitfaden ist die Idee, die Sartre und Simone de Beauvoir lebten: Beziehung als offene Liebesmöglichkeit. Sartre und de Beauvoir lebten ihre gnadenlos offene Beziehung 51 Jahre lang, siezten sich dabei bewusst und hatten absolute gegenseitige Offenheit für die amourösen Eskapaden mit Männern und Frauen vereinbart. Diese Forderung nach totaler sexueller Freiheit führte aber unter anderem auch dazu, dass beide einen Appell zur Entkriminalisierung der Pädophilie unterschrieben.
Annett Göhres und Steffen Fuchs’ Ballettabend ist keine biografische Erzählung des Lebens des Philosophenpaares, keine positiv oder negativ wertende Betrachtung. Eine Handlung gibt es nicht, sondern nur erzählende Momente, die die Dynamik von Beziehungen ausloten. Zum Beispiel: Paare tanzen miteinander, hetero- und homosexuelle Paare, bei denen Männer in der Ausstattung von Sascha Thomsen teilweise auch als weiblich identifizierte Kleidungsteile wie einen schwingenden Rock oder romantisch-transparente Blusen tragen, die Tänzerinnen umgekehrt teilweise auch Pullunder und Krawatte.
Nicht festgelegt zu sein ist das Thema, das genetische Geschlecht an sich spielt keine Rolle – sondern Anziehung und Freiheit tun es. Ein attraktiver Mann nähert sich den Paaren von außen – und die Paarbeziehungen brechen auf, Männer und Frauen werfen sich dem Fremden an den Hals. Die stärksten Szenen in Steffen Fuchs’ Choreografie sind jene, die eine nahe Paarbeziehung mit den gleichzeitigen wilden Ausbrüchen in die emotionalen und sexuellen Abenteuer mit Dritten erzählen, auch den Kampf eines Paares um Beziehung mit diesem Dritten.
Die Musik des Ballettabends stammt zum großen Teil von französischen Komponisten aus der Lebenszeit von Sartre und de Beauvoir. Sascha Thomsen wählt für die Kostüme der Compagnie Naturfarben in Braun- und Grüntönen in Schnitten, die an die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erinnern. Dazwischen aber auch Kostüme, die ihre Träger in eine Art Humanoide verwandeln, und mit denen Annett Göhre ihre Compagnie fast roboterhaft tanzen lässt.
Zwei durchscheinende Bühnenobjekte spielen eine wichtige Rolle für „Creative Dialogues“ am Theater Ulm
Eine wichtige Rolle im Kampf zwischen Nähe und uneingeschränkter Freiheit spielen zwei große gewellte und durchscheinende Bühnenobjekte, frei verschiebbar, die trennen können, aber auch ein Beobachten aus der Distanz möglich machen. Die wortlos innigsten getanzten Momente des Abends liefern Tsung-Jui Yang und Seungah Park, die am Ende auch als ein einander im Arm haltendes Paar die Bühne verlassen. Eindrucksvoll als Paar in den verschiedenen emotionalen Zuständen agieren auch Alba Pérez Gonzales und Gabriel Mathéo Bellucci. Maya Mayzel bringt zum Abschluss ihrer Zeit auf der Ulmer Bühne ihre kraftvolle Körperbeherrschung ein.
Info: Weitere Aufführungen am 7., 11., 16. und 22. Mai.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren