Heute steht ein freudiger Besuch an: Mit stilechten alten Koffern betreten Hanna Münch und Katrin Jantz das Foyer des Pflegezentrums St. Elisabeth in Senden. In ihren Koffern verbirgt sich ein Hauch Zirkuswelt. Die beiden Frauen aus Ulm sind sogenannte Gesundheitsclowns. Ihre Bühne ist nicht unter der Zirkuskuppel, sondern in Altenpflegeheimen, in Palliativstationen und Kliniken. Routiniert bereiten sie sich auf ihren Besuch bei den Seniorinnen und Senioren vor – kleiden sich in ein fröhliches Outfit mit roten Fliegen, roten Schuhen und roten Clown-Nasen. Mit flinken Handstrichen verleihen sie sich ein feierliches Make-up.
Obwohl es hier keine Manege mit roten Vorhängen gibt und manche Räume mitunter nach Medizin und Desinfektionsmitteln riechen, versprühen die beiden Clowns sofort Theaterluft und Freude. „Ich bin Liesel Soda und das ist Lotti Auda. Ich bin nur so da und die Lotti ist au da.“ Ebenso großartig wie das, was sie aus ihren Koffern zaubern, ist das, was sie künstlerisch mitbringen: Lieder, Tanz, Gedichte und viele zärtliche Gesten. Sie reagieren spontan, mal mit Slapstick, mal mit leiseren, achtsamen Tönen. „Der Clown ist nicht nur zum Lachen da, sondern für alle Emotionen: Angst, Wut, Übermut oder Verliebtsein“, beschreibt Jantz.
Gerade demenzkranke Menschen sprechen auf die Berührungen der Gesundheitsclowns an
Rund vier Stunden werden sie sich im Pflegezentrum den Menschen mit Herz und Achtsamkeit zuwenden. Ihre erste Station ist bei den demenzkranken Menschen, die in einem gesicherten Bereich betreut werden. Rund 20 Menschen sind heute im Raum, in dem sich aufmerksame Pflegerinnen und Pfleger um sie kümmern. Gerade Menschen, welchen aufgrund der fortgeschrittenen Krankheit Worte und Ausdruck fehlen, sprechen auf die Berührungen der Clowns an. Münch und Jantz, die ihren Beruf als berufsbegleitende Ausbildung an der Clownsschule gelernt haben, umarmen an diesem Tag sehr viele Menschen oder halten ihre Hände.
„Die Clown-Nase klopft am Herz an und bittet um Eintritt“, beschreibt Jantz. Dabei sei es von großer Bedeutung, in kurzer Zeit aus den Gesichtern zu lesen, was gebraucht wird. „Bekannte Melodien funktionieren immer“, sagt Jantz. Und so erklingt auf der Station auch an diesem Tag etwa ein romantisches „Volare“ oder der Klassiker „Che sera“. Eine Pflegerin greift einer Bewohnerin fröhlich unter die Arme und plötzlich drehen sich mehrere Tanzpaare auf einer improvisierten Tanzfläche.
Die Clowns verfügen über ein großes Repertoire an Liedern. Neben deutschen Hits wie „Über sieben Brücken“ beherrschen sie auch bekannte Volkslieder aus Russland oder der Türkei. Liesel spielt auf einer imaginären Geige und Lotti begleitet sie auf einer echten Ukulele. Bei dem Lied „Heidi“ singen dann fast alle den Refrain mit und ein Gurt am Rollator wird zu einer Trommel umfunktioniert.
Danach geht es weiter in den Bereich der Tagespflege, wo es wohnlicher ist und sich die Frauen und Männer über die mitgebrachten Geschichten amüsieren. Ein kräftig gebauter, älterer Herr im Rollstuhl, der eine ganz Weile sehr still war, bekommt von den beiden Clowns schließlich einen Abschiedskuss auf die Stirn und alle freuen sich.
Die Gesundheitsclowns aus Ulm sind Teil des therapeutischen Prozesses
Der Leiter des Pflegezentrums, Jeton Iseni, schätzt es sehr, dass die Clowns alle drei Wochen zu Besuch kommen. Finanziert werden die Besuche größtenteils vom Förderverein St. Elisabeth, der Rest durch Spenden. „Die Clowns schaffen es mit Humor und Leichtigkeit, unsere Bewohnerinnen und Bewohner dort abzuholen, wo sie gerade stehen und werden zu einem Teil des therapeutischen Prozesses“, erklärt Iseni.
Die Nachmittage mit den Clowns seien sehr begehrt bei den Bewohnerinnen und Bewohnern. Man habe bemerkt, dass Menschen, die aufgrund ihrer Demenz sehr verändert sind, mehr Ruhe ausstrahlen, nachdem sie den Clowns begegnet waren. Vor allem über nonverbale Kommunikation kann ein guter Zugang zu Menschen mit Demenz gefunden werden.
An durchschnittlich rund 25 Tagen im Monat sind Jantz und Münch, die diese Aufgabe hauptberuflich ausüben, in insgesamt 36 Einrichtungen 80 Kilometer um Ulm herum unterwegs. Die Besuche werden vom Verein Förderkreis Gute Clowns getragen. In Deutschland sind mehrere hundert Klinikclowns im Einsatz, die regelmäßig Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Hospize besuchen. Die Idee für Klinikclowns geht auf den US-Arzt Patch Adams zurück, der seit den 1970er-Jahren dafür eintrat, Humor gezielt in der Medizin einzusetzen. Seine Überzeugung: Lachen und menschliche Nähe können den Heilungsprozess positiv unterstützen.
Nach der Tagespflege geht es für die beiden Clowns abschließend noch in den Wohnbereich und dessen hellen und freundlichen Flur. Dort finden sich rasch Bewohner ein, um die Clowns zu begrüßen. Auch hier entstehen sofort eine herzliche Wärme und rege Gespräche. „Wenn man gut sein will, muss man viel von sich selbst hergeben“, sagt Jantz. Für sie ist das Verstehen der Menschen „pure Poesie“.
Gesundheitsclowns Jantz und Münch: „Es ist der schönste Job der Welt“
Oft widmen sie sich mit ihrem Einfühlungsvermögen auch Menschen, die im Hospiz dem Ende des Lebens entgegengehen. Hanna Münch sagt, dass diese Aufgabe für sie besonders wertvoll ist. „Es bedeutet mir viel, dass die sterbenden Menschen uns ein Stück ihrer letzten Zeit schenken“, sagt Münch. Sowohl Jantz als auch Münch betonen: „Wir werden nicht reich, was das Materielle betrifft, aber dafür reich im Herzen – es ist der schönste Job der Welt.“
Im Flur treffen sie zum Ausklang noch auch auf die 86-jährige Inge Roßmeißl. Sie ist seit sechs Jahren Bewohnerin von St. Elisabeth und kam in das Pflegezentrum, weil ihr Sehvermögen stark nachgelassen hatte. „Es ist immer eine Freude, wenn die Clowns da sind“, sagt sie.
An diesem Nachmittag, der nun langsam zu Ende geht, können die beiden Clowns sicher sein, dass sie ihr Ziel, den alten und kranken Menschen Lebensfreude zu schenken, erreicht haben. Bei ihrem Abschied bleibt meist ein zufriedenes Lächeln zurück – und seitens der Clowns das herzliche Versprechen auf ein baldiges Wiedersehen.
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