Er war einer der Ersten, vielleicht der erste Covid-19-Patient auf der Intensivstation des Uniklinikums Ulm. Das war im März 2020. Heute ist der Familienvater aus dem Ulmer Umland 52 Jahre alt, er leidet an den Folgen der Erkrankung. So sehr, dass er mittlerweile dauerhaft erwerbsunfähig ist. So sehr, dass ihm sogar die Energie fehlt, die Langzeitfolgen ausführlich zu beschreiben.
Am Freitag, 8. April, findet im Bürgerhaus in Senden der erste Aktionstag Long-Covid der Gesundheitsregion plus Landkreis Neu-Ulm statt. Sechs Vorträge widmen sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Krankheit, außerdem stellt sich die neu gegründete Selbsthilfegruppe Long-/Post-Covid-Plattform Ulm vor. Christine Lübbers, Geschäftsführerin des Selbsthilfebüros Korn, lobt das Konzept: An diesem Tag werde ganzheitlich informiert, viele seien eingebunden. Es geht um Seele, Körper, die Maßnahmen der Staatsregierung und den Austausch untereinander. Marc Löchner, Geschäftsführer der Gesundheitsregion plus, sagt: "Ich hoffe, dass wir die Bevölkerung zu diesem Thema aufrütteln und dass wir Betroffenen eine Hilfestellung geben können." Betroffene, die die Folgen manchmal erst mit Verzögerung spüren. Betroffene, die enorm leiden.
Familienvater war einer der ersten Covid-Patienten am Uniklinikum Ulm
Die Leidensgeschichte des heute 52 Jahre alten Familienvaters begann mit einer Operation, Folge eines Bandscheibenvorfalls. In der Reha infizierte er sich mit dem Coronavirus. Anfangs spürte er Erkältungssymptome, später bekam er Fieber und Gliederschmerzen. Das, was er in den beiden vergangenen Jahren erlebt und erlitten hat, schildert der Mann in einem schriftlichen Erfahrungsbericht. Über Corona und die Folgen zu sprechen, fällt ihm schwer. "Ich stürze da sehr oft in ein emotionales Loch und es zieht mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weg", beschreibt er. Während des Schreibens, berichtet er, sei er mehrmals von sehr schlimmen Emotionen übermannt worden und habe eine Pause einlegen müssen.
An einem Freitag im März 2020 war der Mann, der seinen Namen nicht in diesem Artikel lesen möchte, beim Arzt. Am Montag darauf hatte sich die Erkrankung verschlimmert, der heute 52-Jährige litt an Atemnot. Sein Hausarzt schickte ihm einen Rettungswagen, der den Mann ins Universitätsklinikum Ulm brachte. Er kam auf ein Corona-Zimmer, dann wurde seine Lunge untersucht. "Nach dem Röntgen verlegten sie mich auf ein normales Zimmer. Daraufhin bin ich zu Bett gegangen, eingeschlafen und circa drei Wochen später auf der Intensivstation in Stuttgart wieder zu mir gekommen", berichtet der Mann. In der dortigen Lungenklinik, so die Hoffnung, sollte er noch besser behandelt werden können. Manches weiß der Familienvater bloß aus den Berichten seiner Angehörigen.
Es gab bisher etwa 55.000 Corona-Infektionen im Kreis Neu-Ulm
Etwa 55.000 Corona-Infektionen hat es im Landkreis Neu-Ulm gegeben. Weil manche Leute mehrmals erkrankten, schätzt Marc Löchner die Zahl der Infizierten auf 53.000. Im Durchschnitt leidet etwa jeder zehnte genesene Covid-19-Erkrankte an diversen anhaltenden oder neu auftretenden gesundheitlichen Beschwerden, die zum Teil länger als zwölf Wochen dauern. Fachleute bezeichnen Beschwerden, die mindestens vier Wochen nach der Infektion bestehen, als Long Covid. Mit Post Covid werden Beschwerden bezeichnet, die wenigstens zwölf Wochen nach der Infektion bestehen. Wie viele Menschen im Kreis Neu-Ulm betroffen sind, ist unklar.
An die Zeit im Koma hat der Mann dunkle Erinnerungen, etwa dass er sich den Beatmungsschlauch herausgerissen habe. War es wirklich so oder geschah das nur in seinem Kopf? Er weiß es nicht mehr. Albträume wie der, dass zwei Leute neben seinem in einer Stahlwanne liegenden Körper stehen und darüber sprechen, wie man diesen ausschlachten könne, plagen ihn bis heute. Durch die Arbeit mit einem Psychologen hat er sie aber zumindest halbwegs in den Griff bekommen. Die Träume sind seltener und nicht mehr so heftig. Die Therapie, berichtet der Mann, habe ihn auch vor Kurzschlusshandlungen bewahrt: "Ich wusste schon oft nicht mehr weiter, hatte keine Kraft mehr und wollte, dass es einfach aufhört."
Zu seelischen und körperlichen Leiden kommt Ärger mit der Bürokratie
Noch im Krankenhaus übte der Mann mithilfe einer Physiotherapeutin das Stehen, fünf Minuten wirkten wie stundenlange Schwerstarbeit. Dann übte er gehen, danach Treppensteigen. In der Reha im Schwarzwald ging es weiter, ein paar Meter mit dem Rollator an der frischen Luft wurden zum großen Lichtblick – auf den ein Rückschlag folgte. Auf einer Treppe blieb der Atem weg, an den Tagen danach war der Familienvater von der Sauerstoffflasche abhängig.
Die Rückkehr nach Hause fühlte sich gut an: "Nach einem Vierteljahr wieder in den eigenen Wänden, bei der Familie. Das war ein sehr erhebendes Gefühl." An Arbeit war nicht zu denken, die Kraft fehlte. Die Anträge auf Erwerbsunfähigkeit und auf einen Behindertenausweis gestalteten sich mühsam und langwierig. Sein Arbeitgeber würde ihn in Teilzeit weiterbeschäftigen, er selbst würde gern wieder versuchen zu arbeiten. Doch womöglich verlöre der Mann dann seinen Status als Erwerbsunfähiger.
Aktionstag Long-Covid findet am 8. April in Senden statt
Neben den psychischen Folgen und dem Ärger um die Papiere sind da noch die körperlichen Leiden. Fortschritte gibt es: "Meine Gleichgewichtsaussetzer, Stürze und Beinahe-Stürze sind weniger geworden." Weniger zwar, aber weg sind sie nicht. Das Gedächtnis wieder zu verbessern, ist ein mühsamer Prozess für den heute 52-Jährigen. Und es ist nicht so, dass es immer nur bergauf ginge.
"Mein Gesundheitszustand ist momentan wieder sehr durchwachsen. Die Erschöpfung ist stärker geworden und tritt häufiger auf", berichtet der Mann. Die Lungenfunktion habe auch wieder abgenommen. In zwei Jahren habe er sich von 50 auf 70 Prozent hochgekämpft, nun sei sie wieder auf 60 Prozent zurückgegangen – ohne ersichtlichen Grund für die Verschlechterung. Die Erschöpfung zu überwinden, koste jeden Tag neue Überwindung. "Es ist immer wieder eine neue Herausforderung, meinen Gehirnnebel zu durchbrechen und klare Gedanken zu fassen", beschreibt er.
Am Freitag, 8. April, von 15.30 bis 18 Uhr findet der Aktionstag Long-Covid im Bürgerhaus Senden statt. Eine Anmeldung bis Donnerstag, 7. April, unter E-Mail ahsen.guenes@lra.neu-ulm.de oder Telefon 0731/7040-60135 ist erforderlich. Es gelten Maskenpflicht und die 3G-Regel.