166 Brotschneidemaschinen liegen in Reih und Ordnung auf dem Boden des Ausstellungsraums. Eine kleine, wohlsortierte Formation von Schnittgeräten. Jedes hat eine Handkurbel, ein rundes, gezacktes Sägeblatt – alle Modelle gleichen sich und doch ist jedes anders. Auf Flohmärkten hatte der Künstler die Küchenmaschinen gesammelt, jede trägt eine Geschichte in und mit sich. Die Böden sind aus kargem, unlackierten Holz oder aus Plastik mit Blümchenmuster, orange oder weiß, blau, rostig. An dieser ganzen Installation kann man sich kaum sattsehen. Raimund Kast, Projektleiter der Schau im Ulmer Stadthaus, erklärt: „200 Maschinen hätten es werden sollen. Das hat er aber leider nicht mehr geschafft.“ Er? Das ist Thomas Kahl, ein Ulmer Künstler, der 2017 starb und dem das Stadthaus nun eine Ausstellung widmet.
Genau das, was die 166 Maschinen eigentlich schneiden, machte Kahl bekannt. Brot, gemalt auf Leinwand. Zwei rechteckige Farbfelder, darauf ein Laib, nicht mehr und nicht weniger – könnte man meinen. Doch dann sieht man weitere Motive, die diese Ausstellung zeigt, die Kahl im selben Stil malte: Tomaten, Zitronen, Gewichte. Geht es um Grundbedürfnisse? Nahrung oder Gerechtigkeit? Sind die Tomaten knallrote Früchte der Versuchung? Ist es der Wink, dass so ein Stück Leben schnell vergeht? Vanitas? Barock in Popästhetik? Erklärungen bot Kahl fast nie. Der Künstler starb früh.
Eine Ausstellung im Ulmer Stadthaus würdigt Thomas Kahl
Geboren wurde er 1963 in Sachsen, 1980 kam er nach Ulm. Kahl gründete das Kollektiv „Die fantastischen Vier“, das sich später nach ihrem Atelier „Künstlergruppe Kradhalle“ benannte. Kahl wurde ein fester Teil der – so formuliert es Karla Nieraad, Leiterin des Stadthauses – „Off-off-Kultur“ in Ulm. Seine Werke liegen abseits des museumsüblichen Hauptprogramms. „Revoluzzer“ nannte man ihn, einen „Sozi“ oder aber einfach: „Tommy“. Für die Ulmer Galeristen Tobias Schrade und Martina Strilic war er ein Freund. Sie haben die Ausstellung mit entworfen. Sie soll kein Nachruf sein, sondern eine Fortsetzung. „Wir wollen das Werk hier erschließen, damit es auch ohne den lebenden Künstler weiter gedeiht“, sagt Strilic.
Die Schau folgt Kahl von seinen Brot-Bildern der 90er-Jahre bis zum letzten Totentanz-Werk. Was es mit Ursprung und Ende des Lebens auf sich hat, wollte Kahl durchleuchten. Eine Bildkonstruktion zeigt eine goldene Maus mit Zylinder, umgeben von vielen Formeln, mit einer echten Schaufel, die aus dem Gemälde ragt. Der Titel des Werks: „X=unbekannter Forscher“. Und „Thomas Kahl, der unbekannte Forscher“ heißt die Ausstellung.
Thomas Kahl zeigt das volle Leben und den Tod
Das Leben blickt einem in den Bildern, Dioramen und Installationen der Schau wie eine Spielerei entgegen. Hat Kahl da einen Fuchs gemalt oder einen Teufel? Und was haben die Spielkarten, Farbe Herz, damit zu tun? Leben erscheint hier als Trick, zwischen Lust und Glauben – und doch sagen die Werke viel mehr. Mariengestalten des 21. Jahrhunderts hat Kahl mit Eigensinn und Ironie porträtiert. Da ist zum Beispiel Jennifer „Maria“ Lopez mit leuchtend rotem Haar vor dem Kreuz. Zwei Schritte weiter nähert man sich dem Abgrund: ein Bild von Amy Winehouse, die, hoch gefeiert, früh starb. Alle Motive des Lebens und Verderbens verdichten sich in Kahls Werk schließlich in einer großen, abgründigen Collagen-Serie: In acht Bilderrahmen hängen bedeutungsschwere Symbole, Gasmasken und Fotos von Pin-up-Girls, Heiligenbilder und Knochen.
Am Ende der Ausstellung steht das Ende des Lebens. Es ist ein stilles Arrangement: Zwei Bojen liegen am Boden, ein Bänkchen steht daneben. Ein Vorhang aus buntem Papier raschelt in der Brise eines Ventilators. Setzt man sich, blickt man auf Röntgenbildschirme, die Fotos von tiefruhigen See-Stillleben in warmes Licht tauchen. Der Titel dieser Bilder-Reihe von Kahl, eines seiner letzten Werke: „Das Mutterschiff bringt uns nach Haus.“ Der Galerist Tobias Schrade erinnert sich. Dieser Titel, diese Bilder, warum so klar und plakativ? – das habe er Kahl gefragt. Die einfache Antwort des Künstlers: „Weil’s besser nicht ging.“
Die Ausstellung ist bis zum 26. April im Stadthaus zu sehen.
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