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Neuburg-Schrobenhausen

20.03.2020

Corona-Krise: Spargelernte beginnt fast ohne Helfer

Unter der wärmenden Folie ist der Spargel herangewachsen. Im Wittelsbacher Land könnte die Ernte beginnen, doch wer macht die Arbeit?
Bild: Alexander Heinle

Plus Grenzschließungen behindern die Anreise von Saisonarbeitern aus dem Ausland. Zu den Ernteschwierigkeiten kommt auch die Sorge um den Absatz.

Die Spargelernte beginnt – in diesem Jahr allerdings mit wesentlich weniger Erntehelfern, als geplant. Die Corona-Krise hat auch hier zu Einschnitten geführt. Tschechien, Ungarn und Polen haben die Grenzen geschlossen. Ihre Staatsbürger könnten zwar nach Deutschland einreisen, müssten nach der Heimreise jedoch 14 Tage in Quarantäne verbringen. Für die Spargelernte ist das ein Problem.

Denn Erntehelfer aus Polen oder Rumänien stellen vielerorts einen Großteil des Personals, so auch in Ainertshofen bei Inchenhofen. Auf dem Waglerhof hat die Ernte am Mittwoch begonnen und bis jetzt gibt es 13 Helfer. Normalerweise habe er 40 Mitarbeiter, erzählt Paul Gamperl. „Wir werden nicht alles stechen können“, sagt er. Warten könne er allerdings auch nicht, die Grenzen sind immerhin bis zum 5. April geschlossen. Ein bisschen Hoffnung bleibt: Auf seinem Hof kann man von Anfang April bis Ende Juni den Spargel auch selbst stechen, gerne als Familienaktivität.

Wie Spargelbauern in der Region mit der Corona-Krise umgehen

Noch schlechter sieht es in Linden aus. Robert Degmaier vom Spargelhof Degmaier im Schrobenhausener Stadtteil spricht von Chaos. „Die letzten drei Tage waren schlimm. Ich habe versucht, Arbeiter herzubringen, normalerweise beschäftige ich 14 Erntehelfer. Aber die haben Angst oder sind an der Grenzen abgewiesen worden. Am Donnerstagmorgen ist es mir dann gelungen, per Flugzeug fünf Rumänen über Memmingen reinzubringen. Da gibt es noch Direktflüge.“ Der Flughafen Frankfurt habe dagegen dichtgemacht, am Mittwoch seien da Leute nach Rumänien zurückgeschickt worden, weiß Degmaier. „Die Bundespolizei braucht eine Arbeitsbescheinigung, die Behörden sollen Vordrucke ausstellen, mit denen man die Leute durch den Zoll bringt. Das gilt aber nur für die bundesdeutsche Grenze. Die Rumänen sind an der ungarischen Grenze abgewiesen worden.“ Polnische Saisonarbeiter dagegen, hat er erfahren, reisten aus Angst nicht ein oder weil es keine Busverbindungen mehr gebe. „Die Linien fahren nicht mehr. Man muss sehen, wie das weitergeht. Wir ernten noch nicht, nächste Woche werden wir anfangen“, so Robert Degmaier.

Corona-Krise: Spargelernte beginnt fast ohne Helfer

Seine größere Sorge sei aber eigentlich die Vermarktung. „Ich mag nicht daran denken, was passiert, wenn eine Ausgangssperre kommt. Ich philosophiere die ganze Zeit, aber ich habe keine Lösung gefunden.“ Gedanklich habe er sich bereits auf massive Einbußen eingestellt, er sagt aber auch: „Ein solider Betrieb wird es aushalten.“

Statt 700 Erntehelfer arbeiten auf dem Spargelhof Lohner derzeit nur 60

In Inchenhofen auf dem Spargelhof Lohner ist man dagegen noch positiv gestimmt, aber auch hier zeichnen sich Probleme ab. Das Großunternehmen hat aktuell 60 Erntehelfer, man bräuchte etwa 700. Momentan kommen die vorwiegend rumänischen Helfer nicht über den Landweg nach Deutschland, aber „bis nach Ostern kann es anders aussehen“, sagt Josef Lohner, einer der beiden Geschäftsführer. Er hat noch etwas Zeit. Die Ernte beginnt bei ihm kommende Woche mit dem bis dahin verfügbaren Personal. Lohner hofft auf Nachzügler nach Ostern, und dass das Unternehmen „mit einem blauen Auge davonkommen“ wird.

Von den fehlenden Saisonarbeitern sind aber nicht nur Spargelbauern betroffen. Auch Gemüseanbauern brechen jetzt, da die Pflanzen eingesetzt werden müssen, die Helfer weg. Mit ihren Fragen wenden sie sich dann an den Bayerischen Bauernverband (BBV), der im Augenblick aber auch nichts tun kann. „Wir bekommen täglich Anrufe von Landwirten, die wissen wollen, wie die Lage ist und wie es weitergeht. Doch ich kann ihnen auch nur sagen: Europa ist dicht“, sagt Erika Meyer, die Geschäftsführerin des BBV in Ingolstadt. Es sei derzeit einfach äußerst schwierig, Leute zu kriegen.

BBV befürchtet einen massiven Einbruch des Absatzes beim Spargel

Und die Aussichten seien nicht besser. Denn in Folge der Restriktionen werde auch ein Großteil des Absatzmarktes wegbrechen, ist sich Erika Meyer sicher. Kantinen haben geschlossen, Gasthäuser müssen seit diesem Wochenende ebenfalls für mindestens zwei Wochen komplett zusperren. Sie vermutet, dass beim Spargel „mindestens 50 Prozent des Absatzes“ verloren geht. Denn allein über den Verkauf an Straßenständen, auf Wochenmärkten oder an Supermärkte könne der Verlust nicht kompensiert werden. Gleiches gelte für Gemüse, das ebenfalls normalerweise zu einem nicht unerheblichen Teil in die Gastronomie wandere.

Während der BBV bei den Saisonarbeitskräften auf die Unterstützung der Politik hofft und auch an die Solidarität der Bürger appelliert, den Landwirten unter die Arme zu greifen, hat der Verband bezüglich des schwindenden Absatzes keinen Plan B. Auch wenn Erika Meyer betont, dass es in Zeiten wie diesen andere Branchen gibt, die deutlich stärker in Mitleidenschaft gezogen werden, gibt sie doch zu bedenken: „Wir reden von Familienbetrieben, deren Haupteinnahmequelle droht auszufallen.“

Spargelsaison: Aber die Gaststätten müssen jetzt komplett schließen

Von den Ereignissen überrollt fühlt sich indes auch Heidemarie Felbermaier vom Gasthof „Zu Müllers“ in Winkelhausen, wo normalerweise von Ostern bis Mitte Juni jede Menge Spargel auf den Teller kommt. „Wir haben dann Veranstaltungen, haben Busse. Aber ich hab’ mich im Moment mit dem Thema Spargel noch gar nicht beschäftigt“, sagt die Wirtin. „Wir leben von Tag zu Tag. Eigentlich hätten wir am Sonntagmittag vorgehabt aufzumachen, aber das hat sich jetzt erledigt.“

Wolfgang Degenmeier von der Kastlmühle in Sinning hat diese Sorgen nicht. Er baut als reiner Familienbetrieb das Edelgemüse auf nur rund 0,33 Hektar an. „Wir machen das wie vor 30, 40 Jahren, ganz ohne Doppel- oder Dreifachtunnel, für die eigene Kundschaft.“ Zu fünft werde der Spargel bei ihm gestochen, „die Familie hilft mit. Wir machen das nach der Arbeit. Das ist meine Philosophie, ich setze nicht auf Massen und Mengen.“ Insofern sei es für ihn eine kleine Genugtuung, wenn die großen Betriebe, die nicht einmal aus dem Landkreis kämen, ihre Ernte aber als Schrobenhausener Spargel vermarkten dürften, auch einmal Sorgen hätten.

Spargelerzeugerverband vermittelt Helfer für die Spargelernte

Einige Spargelbauern bauen auch Erdbeeren an. Für die Erdbeerernte bleibt jedoch noch etwas Zeit – es geht erst im Mai los. Auch hier wird es schwierig, wenn es keine Erntehelfer gibt. Erdbeeren können jedoch von Kunden selbst gepflückt werden, und so hoffen die Bauern, dass zumindest diese nicht auf dem Feld bleiben.

Hotline: Der Spargelerzeugerverband Südbayern hat die Erntehelferhotline „Sie suchen – wir suchen“ gestartet, Telefon 08252/89480 und E-Mail info@griesers-hotel-post.de

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