"Ganz ehrlich, vor dem Tag, an dem die Schwestern nicht mehr da sind, haben wir Angst", sagt Dr. Timo Meister. Mit ihrem Rückzug verlöre der Bildungskomplex nicht nur sein "Herzstück", sondern auch "gute Freunde, Ratgeber und Herzensmenschen" - doch ihr Geist werde immer präsent bleiben. Mit diesem Geist, von dem der Leiter der Fachakademie für Sozialpädagogik spricht, haben die Franziskanerinnen des Klosters Maria Stern in ihrem über 150 Jahre andauernden Wirken in Nördlingen nicht nur die Kinder der Region beeinflusst. Doch die "Sternschwestern" werden immer weniger, älter – und niemand rückt nach.
Alles begann 1868, erzählt Schwester Sigrid, Oberin und seit rund 57 Jahren Nonne in Nördlingen. Ursprünglich zum Zweck der Mädchenbildung entstanden, haben seither zahllose Kinder aus dem Rieser Umland die unterschiedlichen Bildungseinrichtungen der Nördlinger Filiale durchlaufen, zu der zwischenzeitlich sogar ein Internat gehörte. Als Krankenschwestern versorgten die Nonnen Verwundete beider Weltkriege. Heute bestehen noch die Realschule Maria Stern und die Fachakademie für Sozialpädagogik (FakS). Dort arbeiteten die Schwestern als Lehrerinnen, im Klosterkindergarten als Erzieherinnen. Bereits als die Erzieher-Ausbildung Anfang 1900 noch völlig neu war, boten die "Sternschwestern" sie an, ergänzt um weitere Bildungsangebote. Als eine der ersten hätten sie Männern die Ausbildung ermöglicht, sagt die Oberin.
Zum ersten Mal auch Jungen an der Realschule Maria Stern in Nördlingen
Hohe Schülerzahlen erforderten einen Neubau der ehemaligen Klosteranlage bis 1986. Das sei nicht nur den Bürgern schwergefallen. Doch bei einem der Proteste, weiß die Oberin noch, habe sie einem Nördlinger entgegnet: "Hier geht das Geld in die Ausbildung junger Leute und damit in die Zukunft." Zum ersten Mal besuchten nun auch Jungen die neue Realschule, die letzten Nonnen lehrten dort bis 2004. Als die Diözese Augsburg die Trägerschaft und andere die Schulleitungen übernahmen, hätten sie sich "bewusst rausgehalten", erklärt die Oberin. Schließlich hatten sie weiterhin zahlreiche Aufgaben: Noch heute helfe jede der verbliebenen zehn in der Küche, Verwaltung und an der Pforte mit, oder pflege den Garten.
Über die Klostermauern hinaus bekannt sind die Krippen von Schwester Sigrid. Ihre Kunstwerke aus 270 verschiedenen Schaubildern hat sie viele Jahre lang öffentlich ausgestellt. Altersbedingt ist das nicht mehr möglich, weshalb der Verein der "Krippenfreunde Maria Stern" übernahm. Ein weiteres kulturelles Bildungsangebot sind Schwester Josefines Meditationskurse, die seit rund 40 Jahren stattfinden.
Einer der Höhepunkte war der Fasching des Klosters in Nördlingen
Ein anderer Höhepunkt sei der Fasching des katholischen Klosters in der evangelischen Stadt gewesen, weiß Schwester Sigrid. Die dort aufgeführten Theaterstücke hätten den angehenden Erziehern das deutliche Sprechen vermittelt – unverzichtbar für spätere Elternabende. Vom großen Kostüm- und Kulissenfundus profitiere die FakS bis heute, freut sich Schulleiter Dr. Timo Meister, ebenso von der hervorragenden Ausstattung des Werkraums durch eine "umtriebige" Schwester.
Zwischen den Religionen hätten die Schwestern in all den Jahren Meister zufolge "nie einen Unterschied gemacht", viele ökumenische Gottesdienste gefeiert und den Religionsunterricht bereichert. Die Kapelle ermögliche auch heute den Studierenden einen "intimen" Ort für Nähe und Zusammenhalt. Als "Gewinn" sähen auch sie jedes Zusammentreffen mit den Schwestern, so Meister. Den "guten Kontakt" schätzt die Oberin ebenfalls. Bei Fragen oder Anliegen besuche er sie nicht mehr so oft wie früher, meint Meister, denn trotz Altersbeschwerden würden die Schwestern keinen Ratsuchenden wegschicken. Aber obwohl immer weniger Studierende die Nonnen kennen würden, blieben sie die "Wurzeln" der Schule, für deren Werk er Dankbarkeit und Respekt empfinde.
Darauf angesprochen erwidert Schwester Sigrid, sie würden sich so lange selbst versorgen wie möglich. Zu einem Auszug gebe es zwar Pläne, aber noch keine Entscheidung. Ihr "Gestell" habe sie "für gute Sachen abgenutzt", sagt die 82-Jährige, die inzwischen einen Rollator braucht. Der Stadt Nördlingen ist die ursprüngliche Schwabingerin sehr dankbar: Immer habe es gute Verbindungen und Unterstützung gegeben.