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"Nummer gegen Kummer"
25.02.2021

Telefonseelsorge: Diese Corona-Ängste haben Jugendliche

Die "Nummer gegen Kummer" richtet sich in erster Linie an Jugendliche. Die greifen während der Corona-Krise eher auf die Online-Beratung zurück.
Foto: Armin Weigel, dpa (Symbolbild)

Während der Corona-Krise wählen deutlich mehr junge Menschen die "Nummer gegen Kummer". Was sie bewegt und warum in der Krise auch deutlich mehr Eltern anrufen.

Die gesamtgesellschaftliche Behandlung gegen Corona lautet Abstand halten und zu Hause bleiben. Doch die Therapie birgt Risiken und teils schwere Nebenwirkungen. Menschen sind von Ängsten geplagt, streiten sich in beengten Wohnungen, einige erleben häusliche Gewalt.

Diese Entwicklung spiegelt sich in den Anrufen bei der "Nummer gegen Kummer". Der Beratungsdienst ist gefragter denn je – nicht nur bei Kindern und Jugendlichen. Am stärksten ist die Zahl der Anrufe bei einer älteren Gruppe gestiegen.

Die Hemmschwelle für einen Anruf ist niedriger, als einen Termin mit einer Therapeutin zu vereinbaren

Seit fast 40 Jahren können Kinder und Jugendliche sich mit ihren Sorgen und Ängsten an die Beratungsstelle wenden. Der Verein Nummer gegen Kummer e.V. (NgK) ging damals aus dem Deutschen Kinderschutzbund hervor. Heute ist er selbstständig.

Offen sind die Leitungen von Montag bis Samstag, jeweils von 14 bis 20 Uhr. Die kostenfreie Rufnummer: 116 111.  Dort können Betroffene anonym sprechen. Die geschulten Telefonistinnen und Telefonisten hören zu, trösten und bieten Rat. Das kann zwar eine Therapie nicht ersetzen,  falls diese nötig ist, doch die Hemmschwelle für einen Anruf ist niedriger, als einen Termin bei einer Therapeutin zu vereinbaren. "Die Nummer gegen Kummer hat sowohl direkten als auch präventiven Hilfecharakter", schreibt der Verein über seinen Dienst. "Und ist in vielen Fällen die erste Kontaktstelle zur Vermittlung weiterer Hilfen im psychosozialen Netz Deutschlands."

Der Dienst wurde mehrfach ausgeweitet. Seit 2001 bietet der Verein eine gesonderte Beratung für Eltern an. Seit 2003 können sich die Betroffenen auch über das Internet melden – rund um die Uhr per Mail, oder zu bestimmten Uhrzeiten im Live-Chat.

Im Lockdown nutzen Jugendliche eher die Online-Beratung, anstatt zum Telefonhörer zu greifen

Die Beraterinnen und Berater nehmen alle Anrufe an. Und erfassen sie in einer Statistik. Daraus lässt sich nicht nur die Zahl der Anrufe ablesen, sondern auch die Themen, über die gesprochen wurde.

Der Verein unterscheidet dabei grundsätzlich zwischen Anrufen und Beratungen. "Nicht jeder Kontakt, beziehungsweise jede Anfrage, führt letztendlich zu einer Beratung, was unterschiedliche Gründe haben kann, wie zum Beispiel auflegen, schweigen oder Anrufe ohne ein bestimmtes Anliegen", sagt Anna Zacharias, Sprecherin des Vereins gegenüber unserer Redaktion. "Daher unterscheiden wir diese beiden Zahlen voneinander: Wie viele Ratsuchenden haben unsere Angebote kontaktiert und wie viele Beratungen haben sich aus diesen Anfragen letztendlich ergeben." Die Statistik gibt einen Einblick in die psychische Verfasstheit von Familien während der Krise.

So ist die Zahl der Anrufe durch Kinder und Jugendliche von 2019 auf 2020 leicht gesunken. Sechs Prozent weniger Anfragen wurden gestellt und zwei Prozent weniger Beratungen durchgeführt.

Die Zahl steht jedoch in deutlichem Kontrast zur Entwicklung des Online Angebots. Dort meldeten sich 2020 43 Prozent mehr Kinder und Jugendliche als im Vorjahr, die Zahl der Beratungen stieg um 31 Prozent.

 

Woran das liegt, lässt sich nicht gesichert feststellen. Einen Grund sieht der Verein im Lockdown und damit verbunden der fehlenden Privatsphäre in der eigenen Wohnung. "Wir vermuten, dass dies mit einem Mangel an vertraulicher, anonymer Umgebung in Verbindung steht", sagt Zacharias. "Wenn alle zuhause sind wird es für Kinder und Jugendliche schwierig sich für ein vertrauliches Telefongespräch zurückzuziehen, ohne dass jemand mithört. Da ist Schreiben vielleicht für einige Kinder die einfachere Möglichkeit gewesen, sich Hilfe oder Unterstützung bei uns zu suchen, da dies lautlos erfolgen kann."

Die Statistik zeigt, wie schwer die Last geschlossener Schulen und Kitas für Eltern zu stemmen ist

Nichts geändert hat sich dagegen an der Verteilung des Alters und der Geschlechter. Hier lässt sich eher ein längerfristiger Trend feststellen. Haben in den ersten Jahren nach der Einführung noch überwiegend Mädchen angerufen – fast 70 Prozent –, melden sich heute mehrheitlich Jungen.

 

Weil die Zahl der Anrufe insgesamt höher ist als die der Online-Kontaktierungen, ist die Gesamtzahl  – Telefon und Online addiert – der Beratungen von Jugendlichen nur leicht gestiegen. Anders sieht das bei den Eltern aus. Dort stieg die Zahl der Anfragen um 36 Prozent, die Zahl der Beratungen sogar um 64 Prozent.

 

Die Statistik zeigt, wie schwer die Last geschlossener Schulen und Kitas für Eltern zu stemmen ist. "Betreuung der Kinder" war mit Abstand das häufigste Thema, über das Eltern am Telefon gesprochen haben. Gefolgt von "Überforderung" und "Konflikte in der Familie".

 

Der Trend zeigt sich auch in der Gesamtzahl der Beratungen. Weil ein Großteil der Telefonate mit Jugendlichen im Pubertätsalter geführt werden, spielen Themen wie "Sexualität" oder "Partnerschaft und Liebe" in der Regel eine große Rolle. Diese wurden aber im Vergleich zu 2019 weniger besprochen. Dagegen stieg die Zahl der Beratungen zum Thema "Probleme in der Familie" deutlich, ebenso wie "Psychosoziale Themen und Gesundheit."

 

Der Verein nahm in diesem Jahr zudem das Thema "Gewalt" näher in den Blick. Und ging der Frage nach, ob die Zahlen häuslicher Gewalt durch den Lockdown gestiegen sind. Mit den Zahlen der Beratungen muss man diese Frage bejahen.

Die Studie zeigt: Fast drei Prozent mehr Anruferinnen und Anrufer berichteten, Opfer von häuslicher Gewalt geworden zu sein. Außerdem wurde in den Beratungen häufiger über sexuellen Missbrauch und psychische Gewalt gesprochen.

 

Der Verein schreibt über die Statistik: "Die psychischen Grundbedürfnisse nach Sicherheit und Versorgung, Kontrolle und Orientierung, Bindung und Zugehörigkeit sind in der Pandemie nicht mehr ohne Weiteres erfüllt." Daher seien digitale und telefonische Beratungsangebote in der Krise besonders wichtig. Deshalb soll die Beratungsstelle weiter ausgebaut werde.

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey will das Beratungsangebot weiter ausbauen.
Foto: Fabian Sommer, dpa (Archiv)

Das kündigte Familienministerin Franziska Giffey vor kurzem an. "In diesem Jahr verstärken wir die Förderung der Nummer gegen Kummer, um die Erreichbarkeit des Kinder- und Jugendtelefons, des Elterntelefons und der Online-Beratung für Kinder und Jugendliche deutlich zu erhöhen", sagte sie. Und verknüpfte die Erkenntnisse mit einer Forderung nach Lockerungen. "Die Hilfetelefone geben uns Aufschluss darüber, was Eltern, Kinder und Jugendliche bewegt. Klar ist: Sie brauchen eine Perspektive. Die Belange der Familien und besonders die der Kinder und Jugendlichen haben für mich Priorität und sollten bei den Plänen für Lockerungen im Fokus stehen."

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