Eines vorweg: Der „Torten-Thomas“, 65, isst gerne Kuchen und Torten, am liebsten Sahnetorten. Aber, und das ist wichtig, er backt nicht selbst und liefert auch keine Torten aus. Auch keine Törtchen, schon gar nicht vegane. Die fragte neulich jemand bei ihm an. Auch einer Mutter konnte er nicht weiterhelfen, die den sechsten Geburtstag ihres Sohnes feiern wollte und schrieb: „Wir dachten an Kaffee und Kuchen für alle und Sekt auf Wunsch.“ Der Torten-Thomas schreibt in solchen Fällen dann immer zurück, man sei „nur eine Hobbygruppe von Kuchen- und Tortenbegeisterten“.
Deutschland ist ein Land der Stammtische
Er möchte über Torten sprechen und sie in Gemeinschaft essen. Deshalb hat der Torten-Thomas vor einem Jahr den Torten-Stammtisch in Freiburg ins Leben gerufen. Der Torten-Stammtisch, das sind rund zwanzig Frauen und Männer, meist im Alter zwischen 60 und 70 Jahren, deutlich mehr Frauen als Männer. Darunter sind Rentner, Köche, Grafikdesigner, Physiotherapeuten. Es ist eine lose Gruppe mit einem harten Kern von rund zehn Leuten, jeder bringt mal jemanden mit, anmelden muss man sich nicht. Die „Tortenfreunde“, so nennen sie sich, sind über WhatsApp miteinander verbunden.
Deutschland ist ein Land der Stammtische: Es gibt den Excel-Stammtisch, bei dem Tabellen im Mittelpunkt stehen. Den Stammtisch der Zwillingseltern, online wie offline. Oder den Latein-Stammtisch „Circulus Latinus Monacensis“, bei dem Lateinisch geredet wird. Dabei kämpft der Stammtisch auch mit einem schlechten Image. Will man politische Gegner diskreditieren, wirft man ihnen „Stammtischparolen“ vor. Beim Urtyp des Stammtisches denkt man an alte Männer, die auf dem Dorf in einem verrauchten Wirtshaus Halbe trinken. Wilhelm Busch dichtete: „Da sitzen, eng vereint und bieder/Auch diesen Sonntagabend wieder/Nach altem Brauch im Freundschaftskreise/Die Männer und die Mümmelgreise.“
Doch die soziale Wirkung des Stammtisches ist nicht zu unterschätzen. Und bisweilen macht er auch Schlagzeilen: In Niederbayern rief im Januar ein Mann die Polizei, weil er von den Polizisten eine Einschätzung zu einem Thema brauchte, das man gerade am Stammtisch besprach. Er erhielt eine Anzeige wegen des Missbrauchs von Notrufen.
Das ist bei den Tortenfreunden noch nicht vorgekommen. Sie treffen sich jeden ersten Samstag im Monat für zwei Stunden. Ihre Themen: das richtige Backen von Brötchen oder einer Preiselbeer-Torte, Cafés am Bodensee, Wandern im Schwarzwald. Seinen Namen gab sich der Torten-Thomas dabei, bevor er den Stammtisch gründete. Als seine gleichnamige Homepage online ging. Sie ist vollgepackt mit Fotos von Kuchenstücken, fein portioniert auf einer Gabel. Unter dem Reiter „Selbstgebackenes“ finden sich eine Sacherschnitte und eine Apfelwähe – aus der Zeit, als er noch backte. Er berichtet in zahlreichen Blog-Einträgen über seine Café-Besuche. Die Cafés knipste er von außen und von innen, die Kuchen-Auslage, Stühle und Tische, seinen Teller.
Um für den Torten-Stammtisch zu werben, schaltete er eine Kleinanzeige
Eigentlich heißt der groß gewachsene Mann mit Bart und Halbglatze Thomas Seiffert. Früher wurde er „Pfleger Thomas“ genannt, weil er als Altenpfleger arbeitete. So kam er auf „Torten-Thomas“. Heute betreibt er einen ambulanten Pflegedienst mit 30 Mitarbeitern in Merzhausen bei Freiburg. Gesprächsrunden für Männer organisiert er auch noch.
Ein Samstag, 14 Uhr. Das Café „Die Kaiserin“ in einem Freiburger Gewerbegebiet ist ein Zweckbau unterhalb eines Fitnessstudios, mit hohen Decken, Betonwänden und Selbstbedienung. Sich in der Innenstadt in einem schicken Kaffeehaus zu treffen, ist kaum möglich, sagt der Torten-Thomas. Zu viel los. Dafür sind die Tortenfreunde hier fast unter sich, 14 Frauen und fünf Männer sitzen an den Tischen im hinteren Bereich. Sie tragen Namensschilder mit Kugelschreiberschrift. Der Torten-Thomas eröffnet die Treffen nicht extra, sagt nur: „Wir müssen nicht vor nackten Tischen sitzen.“ Ein Tortenfreund nach dem anderen läuft zur Auslage. Sachertorte, Wiener Nusstorte, Schokosahnerolle, Himbeer-Joghurt-Sahne-Torte, Frankfurter Kranz, Schwarzwälder Kirschtorte.
Der Torten-Thomas isst ein Stück Schweizer Nusszopf, mit Messer und Gabel, weil seine Hände nicht verkleben sollen. Zuerst isst er immer den äußeren Plunderteig mit Nussfüllung, danach den Vanillepudding in der Mitte. Ihm gegenüber sitzt Olaf, 63, der seiner Nachbarin eine Himbeere vom Teller stibitzt. „Die war eingefroren, das musst du mir sagen“, sagt er dann. Nun tue ihm der Zahn weh. Er lacht. „Ich lade dich mal zum Essen ein dafür.“
Um für den Torten-Stammtisch zu werben, schaltete der Torten-Thomas eine Kleinanzeige in der Lokalzeitung, Rubrik Hobby- und Reisepartner. Der Stammtisch fand sich bei den Gesuchen nach einer „besten Freundin“, nach „Mitreisenden“, nach „Nähe und Zärtlichkeit“. Der Torten-Thomas fertigte weiße Motto-Shirts und weiße Kappen an. Darauf ist ein Stück Schokoladentorte abgebildet, darunter steht „Torten Thomas Tortenfreunde“, jedes Wort in einer Zeile. So geht er selbst zu den Treffen. An diesem Tag hat er erstmals Shirts und Kappen für die anderen mitgebracht. Vorher habe er niemanden damit behelligen wollen, es sollte alles locker zugehen, bloß keine Vereinsmeierei. Für zehn Euro das Stück wird er sieben Shirts los.
Als er sich im März gewogen habe, sei er erschrocken: Acht Kilo zu viel!
Wie er auf die Idee gekommen ist, einen Torten-Stammtisch zu organisieren, wird der Torten-Thomas oft gefragt. Seine Antwort: Er habe Leute gesucht, mit denen er seine Begeisterung für Kuchen und Torten teilen könne. Seine Partnerin, eine Künstlerin mit eigenem Atelier, hat keine Zeit und Lust, ihn ständig in Cafés zu begleiten. Und wie ist das mit den Pfunden? Als er sich im März gewogen habe, sei er erschrocken, erzählt er: 88 Kilogramm! Das seien acht Kilo zu viel und „ein Alarm“, weil er dann einen kleinen Bauch bekomme. Damals hatte er zwei Touren durch Cafés in ganz Deutschland und Österreich hinter sich. Seitdem isst er nicht mehr jeden Nachmittag ein Stück Kuchen, stellte um auf Kekse, meldete sich im Fitnessstudio an und geht dreimal die Woche hin.
Die Begeisterung für Süßes führt weit zurück in seine Kindheit. Einst bewirtete der Torten-Thomas seine drei jüngeren Schwestern und Eltern mit Schokopudding, den er in seinem Zimmer mit Milch aufschlug. Da war er zwölf. Später backte er für seine drei Kinder Lübecker Marzipan-Nusstorte. Irgendwann fing er an, in Cafés zu gehen und Sahnetorten zu essen. Inzwischen geht er täglich, früh am Morgen, auch an Sonn- und Feiertagen, ins Café. Trinkt einen doppelten Espresso, isst ein Croissant, liest Zeitung. In einer Bäckerei wird er als Stammgast bereits eine Stunde vor dem Öffnen um 5.30 Uhr bedient.
Beim Stammtisch-Treffen wechselt er häufig den Platz, so als wolle er alle Gespräche mitbekommen. Es sind fünf neue Tortenfreunde gekommen. Sabine Henninger, 65, ist zum dritten oder vierten Mal dabei, genau weiß sie es nicht. Sie sitzt vor einem Rhabarber-Baiser-Kuchen, beginnt mit der Spitze und isst in „schönen, kleinen“ Stücken. „Ich lasse sie mir auf der Zunge zergehen.“ Henninger mag am liebsten „dicke, fette Creme- und Sahnetorten“. Wenn sie, die vor der Rente als Gastronomin arbeitete, gebacken hat, verschenkt sie Kuchenstücke oft an Nachbarn. „Kuchen backen tut der Seele gut, man kreiert etwas“, sagt sie.
Was genau aber schätzen Menschen daran, sich zu derartigen Gelegenheiten zu treffen? Der Soziologe Andreas Lange, 64 und Professor an der Hochschule Ravensburg-Weingarten, sagt: „Wir sind soziale Wesen, wir brauchen den Austausch.“ Es gebe eine Sehnsucht, mit anderen Menschen zusammen zu sein – besonders nach der Corona-Pandemie. „Kommunikation ist für uns wie für Tiere die Fellpflege.“ Sich zu treffen, sei eine andere Form der Vergemeinschaftung, als in einer WhatsApp-Gruppe zu schreiben. „Weil man sich riecht und fühlt. Man freut sich darauf, Neues zu erfahren.“
Am Stammtisch werden soziale Normen ausgehandelt, sagt der Professor
Die Soziologie bezeichnet die Gespräche am Stammtisch als „sozialen Klatsch“, der zwei Komponenten habe. Zum einen den Informationsaustausch: Hast du schon gelesen? Hast du schon gehört? Zum anderen gehe es um Positionierung. „Je nachdem, wie ich eine Information vermittle, mache ich deutlich, wie ich selber dazu stehe und wo ich damit sozial verortet bin“, erkärt Lange. Etwa: Habt ihr die Tochter von dem gesehen? Wie die rumläuft, das geht ja überhaupt nicht!“ Am Stammtisch würden soziale Normen ausgehandelt, das könne stärken und positiv sein, allerdings auch in Richtung Verleumdung gehen. „Man hat etwas aus einer unsicheren Quelle und stellt es als Wahrheit dar“, gibt Lange zu bedenken.
Kommt daher das schlechte Image des Stammtischs, die „Stammtischparole“? Das Flapsige und Lustige machten den Unterschied zu einem wissenschaftlichen Seminar aus, der Stammtisch sei ein spezielles Kommunikationsformat, sagt der Professor. „Wenn Leute verleumdet werden, ist das nicht schön. Aber man kann den Stammtisch nicht mit dem Bundestag vergleichen.“ Die Leute hätten Spaß, und es gebe immer auch Experten für einen bestimmten Bereich. „Zu sagen, die Leute am Stammtisch seien einfältig und könnten nicht argumentieren – da wäre ich vorsichtig.“
Andreas Lange ist zwar kein Mitglied eines Stammtisches, er geht jedoch dreimal in der Woche in ein Restaurant und beobachtet, wie die Leute hereinkommen, wie ihre Gesichter strahlen. „Und das, obwohl man sich zum vielleicht hundertsten Mal sieht.“ Der Stammtisch sei besonders auf dem Dorf eine wichtige Institution, in einer Stadt lockten viele andere Aktivitäten.
Das Tortenfreunde-Treffen neigt sich an diesem Tag gegen 16 Uhr dem Ende entgegen. Sabine Henninger verabschiedet sich und streift ihr Tortenfreunde-Shirt ab wie ein Fußballprofi sein Trikot nach dem Spiel. Zum nächsten Treffen in einem Monat will sie wiederkommen. Davor steht noch etwas anderes an: In zwei Wochen besichtigen die Tortenfreunde eine Backstube. Es ist die Backstube, die ihr angestammtes Café beliefert.
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