Am 23. April 1946 meldete die toskanische Firma Piaggio in Florenz ein Patent an
55.000 Lire kostete das Urmodell
Das Geräusch beginnt in der Ferne. Das Summen kommt näher, verstärkt sich zu einem Knattern. Die Gangschaltung greift ein. Das Geräusch beginnt von Neuem, eine Motorenoktave tiefer, um sogleich wieder anzusteigen. Erster, zweiter, dritter Gang. Jetzt prescht das schmale Zweirad, eine Vespa, vorbei. Es ist – es war – der Sound Italiens. Zweitakter, verbleibe, du warst so schön!
Ein flotter Mensch sitzt auf dem Sattel. Mit Sonnenbrille vielleicht und wallendem Haar, als es in Italien vor dem Jahr 2000 noch keine allgemeine Helmpflicht gab. „Ciao bello!“ Aus dem Auspuff dringt eine übel riechende weißgraue Wolke, die noch eine ganze Weile den Geruch des Moments verdichtet. Es ist die Note des italienischen Großstadtverkehrs im 20. Jahrhundert, gesundheitsschädigend, aber einzigartig. Wie klingt dieses Motorensummen? Nach Insekt natürlich, nach einer Wespe.
Die Vespa (italienisch für Wespe) wird an diesem Donnerstag 80 Jahre alt. Sie hat Generationen von Italienern und Motorliebhabern aus der ganzen Welt begleitet und begeistert. Sie steht für Italien, für Stil und Freiheit. Hollywood hat ihr in Filmen wie „Ein Herz und eine Krone“ (1953) mit Gregory Peck und Audrey Hepburn unvergessliche Denkmäler gesetzt.
Popsänger haben ihr musikalische Monumente errichtet. Lunapop sangen 1999 über das Modell „50 Special“: „Wie wunderbar ist es, mit Flügeln unter den Füßen herumzufahren! Eine Vespa Special nimmt dir alle Sorgen!“
Am 23. April 1946 hatte die toskanische Firma Piaggio in Florenz das Patent Nummer 25546 für ein „modello di utilità“, ein Gebrauchsmuster, angemeldet. Es handelte sich um eine neuartige Anordnung von Karosserie, Schutzblechen, Rahmen und Motorteilen. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Diktaturen in Deutschland und Italien war gerade zu Ende gegangen. Zwei Monate später sollten die Italiener abstimmen zwischen Monarchie und Republik.
Und während Europa sich neu ordnete, kümmerte sich der Luftfahrtingenieur Corradino D‘Ascanio aus den Abruzzen um die Entwicklung eines praktischen Motorrollers.
Die Legende will, dass D‘Ascanio Motorräder für unbequem und unpraktisch hielt. Man machte sich die Hosen schmutzig, verbrannte sich die Beine am Auspuff. Antriebsketten waren in der Nachkriegszeit schwer zu bekommen, D‘Ascanio also montierte das Hinterrad direkt an den Motorblock, den er unter einer Blechhaube verschwinden ließ. Wie wunderbar wehten die Röcke schon auf der ersten Vespa im Fahrtwind! Ein Beifahrer hatte bequem Platz.
Pannen? Kein Problem. Das Rad war nur von einer Seite befestigt und lässt sich auch von Amateuren wechseln. „Klingt wie eine Wespe!“, soll Firmenchef Enrico Piaggio ausgerufen haben.
Eine Ikone war geboren – und sie war erschwinglich. 55.000 Lire kostete das Urmodell, zahlbar in Raten, das entspricht heute etwa 1300 Euro. Das war nach dem Weltkrieg viel Geld, aber vielen war es das wert. Bis zu acht Monate mussten die Kunden auf ihre Vespa warten. Bereits die ersten Vespamodelle waren so erfolgreich, dass sie sogar in der UdSSR kopiert wurden.
Als es die Bezeichnungen noch gar nicht gab, stand der Roller schon für „Lifestyle“ und „Dolce Vita“. Im gleichnamigen Film von Federico Fellini (1960) ließ der Regisseur die rasenden Fotoreporter, sogenannte paparazzi, auf Vespas herumrasen.
Eines der großen Vespa-Erfolgsmodelle war die 150 GS aus den 1950er Jahren. Sie galt als schönster Motorroller weltweit und ist heute ein begehrtes Sammlerobjekt. Die Vespa wurde zum Symbol derjenigen, die sich in Szene setzen wollten. Die Massenmotorisierung Italiens begann.
Als der Wirtschaftsstandort Italien in den 1990ern in die Krise geriet, hatte auch Piaggio große Schwierigkeiten. Die knatternden Zweitaktmotoren erfüllten die Umweltauflagen nicht mehr, die Konkurrenz in Asien baute viel billiger. Mit Roberto Colaninno kam das Unternehmen ab 2003 wieder auf Erfolgskurs, der Manager investierte in Innovationen und modernisierte die Produktion. Piaggio wurde zum größten Zweiradhersteller Europas.
1996 war bereits der ruhigere Viertakter eingeführt worden, die neuen Vespamodelle wurden zum Lifestyle-Produkt. Heute produziert Piaggio nicht nur in Pontedera, sondern auch in Vietnam und Indien.
Seit 2018 gibt es den ersten vollelektrischen Roller der Marke, die Vespa elettrica. Doch es sind die Klassiker-Modelle, die die Herzen der Vespafreunde höher schlagen lassen. Ende Juni kommt es in Rom zum großen Geburtstagstreffen. Zehntausende Vespa-Fahrer aus der ganzen Welt werden erwartet. Das wunderbare Vespa-Knattern wird dann kaum zu ertragen sein.
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