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Ex-Prinz Andrew festgenommen: Schock für britisches Königreich

Großbritannien

Andrew ganz unten: Ein Tag, der das britische Königreich schockiert

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    Bei der Krönungsparade für seinen Bruder Charles fuhr Andrew mit Uniform in einer Limousine. Am Donnerstag saß er im dunklen Sweater in einem Polizeiwagen, wie Videos zeigen.
    Bei der Krönungsparade für seinen Bruder Charles fuhr Andrew mit Uniform in einer Limousine. Am Donnerstag saß er im dunklen Sweater in einem Polizeiwagen, wie Videos zeigen. Foto: Toby Melville, Pool Reuters/dpa

    Schon am frühen Morgen versammeln sich etliche Fotografen und Kamerateams vor dem Tor des royalen Anwesens in Sandringham. Dort, im Osten Englands, lebt Andrew Mountbatten-Windsor seit Kurzem. Und weil der ehemalige Prinz an eben diesem Donnerstag seinen 66. Geburtstag feiert, hofft die Presse auf Bilder zum Ehrentag des in Ungnade gefallenen Königsbruders. Doch es kommt ganz anders. Die Medienleute werden Zeugen eines historischen Ereignisses. Denn kurz nach acht Uhr fahren sechs graue Landrover auf das Gelände des königlichen Landsitzes. Etwa eine halbe Stunde später verlassen drei der Wagen das Areal wieder, in einem vierten Fahrzeug soll sich Andrew befinden. Er wurde festgenommen – war zwischenzeitlich in Polizeigewahrsam. Der Ex-Prinz steht unter dem Verdacht des möglichen Missbrauchs eines öffentlichen Amtes.

    Die britischen Nachrichtensender schalten umgehend in den Dauerbetrieb. Stundenlang berichten sie live, Royal-Korrespondenten ordnen die Ereignisse ein und sprechen übereinstimmend von einem „außergewöhnlichen Moment“ für die Monarchie. Auch die Korrespondentin der Zeitschrift Vanity Fair, Katie Nicholl, wertet den Fall als historisch beispiellos. Dass sich ein in der Thronfolge geführtes Mitglied der Königsfamilie in Polizeigewahrsam befindet, markiere einen neuen Höhepunkt in einem seit Jahren schwelenden Skandal. Es sei „eine absolut außergewöhnliche Wendung“, man bewege sich „in völlig unbekanntem Terrain“.

    Andrew soll vertrauliche Informationen an Epstein weitergegeben haben

    Nach Angaben der Ermittler soll Andrew während seiner Zeit als britischer Handelsgesandter vertrauliche Regierungs- und Handelsdokumente an den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein weitergegeben haben, darunter unter anderem Berichte über Auslandsreisen sowie Informationen zu potenziellen Investitionsvorhaben. Auf die fraglichen Unterlagen stießen die Ermittler im Zuge der vom US-Kongress in den vergangenen Wochen veröffentlichten Epstein-Akten.

    Die Polizei durchsuchte am Donnerstag auch die Royal Lodge, den ehemaligen Wohnsitz von Andrew Mountbatten-Windsor.
    Die Polizei durchsuchte am Donnerstag auch die Royal Lodge, den ehemaligen Wohnsitz von Andrew Mountbatten-Windsor. Foto: Jonathan Brady, PA Wire/dpa

    Parallel zur Festnahme wird auch Andrews ehemaliger Wohnsitz, die Royal Lodge in Windsor, durchsucht. Einsatzkräfte sind an den Toren des Anwesens zu sehen. Ein Sprecher der Polizei bestätigt vor Ort „Maßnahmen auf dem Gelände“. Unweit davon spazieren Familien und Ausflügler wie gewohnt durch den angrenzenden Windsor Great Park.

    Nach seiner Festnahme wurde Andrew nach übereinstimmender Einschätzung von Rechtsexperten von Beamten vernommen und schließlich nach knapp zwölf Stunden wieder aus dem Gewahrsam entlassen. Auf Bildern war der ehemalige Prinz am Donnerstagabend auf der Rückbank eines Autos zu sehen, mit dem er die Polizeistation in Norfolk verließ. Die Ermittlungen könnten sich über Monate ziehen, bevor die Staatsanwaltschaft entscheidet, ob Anklage erhoben wird. Auf das Delikt steht theoretisch lebenslange Haft. In der Praxis wird dieses Höchstmaß jedoch nur in extremen Ausnahmefällen verhängt.

    Die Festnahme des Ex-Prinzen ist nach Einschätzung des Königshauskenners Alastair Bruce das „denkbar Schlimmste“ für die Krone. Das einzige vergleichbare Ereignis liegt mehr als 450 Jahre zurück: 1554 wurde die spätere Elisabeth I. im Zusammenhang mit dem Wyatt-Aufstand verhaftet, einer Rebellion gegen die geplante Heirat ihrer Halbschwester Königin Mary I. mit Philipp von Spanien. Schon dieser Vergleich zeige, wie fern ein solcher Vorgang dem Selbstverständnis der Monarchie sei, sagt Bruce. „Die Nation erwartet so etwas nicht von jemandem, der einst der Sohn eines Souveräns war und der Bruder eines Souveräns ist.“

    Vor dem Buckingham-Palast verläuft der Donnerstag indes zunächst wie gewohnt. Die Wachablösung zieht Touristen und Touristinnen auf den Vorplatz, auffällige Polizeibewegungen sind nicht zu erkennen. Doch im Laufe des Vormittags positionieren sich gegenüber dem Palast immer mehr internationale Fernsehteams, Kameras werden aufgebaut, Reporter gehen in Stellung, um mögliche Reaktionen des Königshauses live einzufangen. Über dem Gebäude weht die Royal Standard, die persönliche Flagge des britischen Monarchen – ein Zeichen dafür, dass sich der König im Palast aufhält.

    Völlig unerwartet meldet sich König Charles zu Wort

    Am Nachmittag meldet sich Charles III. zu Wort. Mit „tiefster Besorgnis“ habe er die Nachricht über Andrew Mountbatten-Windsor und den Verdacht auf Fehlverhalten im öffentlichen Amt zur Kenntnis genommen, erklärt er. Nun müsse ein „vollständiges, faires und ordnungsgemäßes Verfahren“ stattfinden, geführt von den zuständigen Behörden, denen die „volle und uneingeschränkte Unterstützung und Zusammenarbeit“ zugesichert werde. „Das Gesetz muss seinen Lauf nehmen“, betont der König. Während das Verfahren andauere, werde er sich nicht weiter äußern. Seine Familie und er würden jedoch weiterhin ihre Pflicht erfüllen und dem Land dienen. Die Krise könnte kaum größer sein. Bringt der Skandal um Andrew gar die britische Monarchie ins Wackeln?

    Katie Nicholl zufolge sieht sich König Charles durch die jüngsten Entwicklungen vermutlich in seiner harten Linie gegenüber seinem Bruder bestätigt. Bereits im Herbst war der Titel „Herzog von York“ aus dem offiziellen Sprachgebrauch verschwunden; statt als „Prinz Andrew“ wird er seither nur noch als Andrew Mountbatten-Windsor geführt. Anfang Februar folgte ein weiterer Schritt: Er musste die Royal Lodge in Windsor verlassen und auf das abgelegenere Anwesen in Sandringham ziehen. Nach der Festnahme sei im königlichen Umfeld durchaus „eine gewisse Erleichterung“ spürbar gewesen, berichtete Nicholl unter Berufung auf Palastkreise. Die laufenden Ermittlungen nähmen dem König nun die Möglichkeit, sich weiter öffentlich zu äußern – und verschafften dem Palast damit zumindest kommunikativ eine klare Linie.

    Ein Polizeibeamter bewacht den Eingang zur Wood Farm auf dem königlichen Anwesen Sandringham, wo Andrew festgenommen wurde.
    Ein Polizeibeamter bewacht den Eingang zur Wood Farm auf dem königlichen Anwesen Sandringham, wo Andrew festgenommen wurde. Foto: Alastair Grant, AP/dpa

    Dass es überhaupt zu der Festnahme kam, ist Nicholl zufolge vor allem dem jahrelangen Engagement von Überlebenden der Verbrechen des Sexualstraftäters Epstein zu verdanken. Die US-Amerikanerin Virginia Giuffre hatte Andrew vorgeworfen, sie als Minderjährige dreimal sexuell missbraucht zu haben – in London, New York und auf einer Privatinsel des US-Finanziers. Zwar stehe die jetzige Festnahme im Zusammenhang mit einem anderen Vorwurf, doch ohne diese Vorarbeit wäre es kaum so weit gekommen. 

    Besucher stehen vor den Toren des Buckingham Palace in London, nachdem Andrew Mountbatten-Windsor von der britischen Polizei wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet wurde.
    Besucher stehen vor den Toren des Buckingham Palace in London, nachdem Andrew Mountbatten-Windsor von der britischen Polizei wegen des Verdachts auf Amtsmissbrauch verhaftet wurde. Foto: Kin Cheung, AP/dpa

    Die Familie von Virginia Giuffre, die sich im vergangenen Jahr das Leben genommen hat, meldet sich am Donnerstagmittag mit einer Stellungnahme. Darin dankt sie der britischen Thames Valley Police ausdrücklich für die Ermittlungen und die Festnahme Andrews. „Heute sind unsere gebrochenen Herzen durch die Nachricht erleichtert worden, dass niemand über dem Gesetz steht – nicht einmal das Königshaus“, heißt es in der Erklärung. Andrew sei „nie ein Prinz“ gewesen, schreiben die Angehörigen weiter und fügen hinzu: „Für Überlebende überall: Virginia hat das für euch getan.“

    Die Festnahme des Royals ist Folge eines Skandals, der das Königshaus seit Jahren begleitet. Zum ersten Mal zugespitzt hatte er sich im Herbst 2019. Damals zeigte Andrew in der BBC-Sendung „Newsnight“, wie gründlich ein royaler Auftritt schiefgehen kann, wenn der Interviewte glaubt, seine jahrzehntelange Freundschaft zu einem verurteilten Sexualstraftäter lasse sich mit ein paar gestelzten Sätzen vom Tisch wischen. Britische Medien beschrieben das Gespräch als „Autounfall“, andere sprachen gar von einer „nuklearen Explosion“. Statt Reue zu zeigen, beschrieb er seine Treffen mit Epstein im Gespräch mit der Journalistin Emily Maitlis so beiläufig, als stünde ein Besuch bei einem Pädokriminellen ganz selbstverständlich im royalen Terminkalender. Und er erklärte, er könne sich an die Begegnung mit der damals 17-jährigen Virginia Giuffre, die ihm vorwarf, sie mehrfach missbraucht zu haben, „nicht erinnern“. Ein bemerkenswerter Gedächtnisaussetzer angesichts eines Fotos aus dem Jahr 2001, das zeigt, wie er die mittlerweile verstorbene US-Amerikanerin in London umarmte.

    Mit lapidaren Sätzen wollte er die Freundschaft zu Epstein vom Tisch wischen

    Der Skandal bekam durch die im Herbst vergangenen Jahres posthum veröffentlichten Memoiren von Virginia Giuffre und neue Details aus den Epstein-Akten zusätzliche Wucht. Darin fanden sich unter anderem bislang unbekannte Beschreibungen und Bildmaterial, das Andrew in kompromittierenden Situationen zeigt – was die öffentliche Debatte weiter anheizte. In den vergangenen Wochen berichteten traditionell palastnahe Medien spürbar kritischer; die Forderungen nach Aufklärung und Transparenz wurden lauter.

    Bei öffentlichen Terminen von König Charles, Königin Camilla sowie William und Catherine, dem Prinzen und der Prinzessin von Wales, sahen sich die Royals mit der drängenden Frage nach Andrew konfrontiert. Antworten blieben jedoch aus. Statt offensiver Aufklärung setzte der Hof in den vergangenen Monaten vor allem auf sichtbare Distanzierung zum in Ungnade gefallenen Bruder und Onkel. Dass sich der Ex-Prinz nun den Fragen der Polizei stellen muss, erfüllt auch viele Briten und Britinnen mit Erleichterung.

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