Wie wäre es, wenn man einen Wolf in einen Schafstall ließe? Es sind Vergleiche wie dieser, die seit Wochen in Paris kursieren. Seit bekannt wurde, dass der chinesische Online-Billigmode-Händler Shein ins Traditionskaufhaus BHV an der Rue de Rivoli, wo auch der Louvre liegt, einziehen wird. Inzwischen ist der Termin bestätigt: 5. November, 13 Uhr. Das berichtete jetzt unter anderem die Zeitung Le Parisien – und schrieb über die Wut von Kaufhaus-Mitarbeitenden und Stammkunden: „Diese Marke hat hier nichts zu suchen.“
Shein setzt auf „Ultra-Fast-Fashion“
Die Tausend-Quadratmeter-Filiale im BHV ist das weltweit erste Ladengeschäft von Shein überhaupt. Und das ausgerechnet in Paris, der Stadt der Haute Couture. Zudem sollen noch dieses Jahr Läden in den Galeries-Lafayette-Filialen in Dijon, Reims, Grenoble, Angers und Limoges entstehen. Was ein ungewöhnliches Nebeneinander an Marken in mittlerer und gehobener Preisklasse und Niedrigstpreis-Artikeln ergeben wird.
Das 2008 gegründete Unternehmen Shein setzt auf Schnelllebigkeit mit ständig neuer Ware und hat vor allem eine junge Kundschaft in Europa und den USA im Visier – für seine „Ultra-Fast-Fashion“. Abgesehen von Pop-up-Läden verfügte es bislang über keine stationären Geschäfte. In Frankreich führte das Vorhaben, dies zu ändern, zu einer nicht mehr abebbenden Welle an Protesten. Der Aufschrei in Branche, Politik und bei Nichtregierungsorganisationen ist groß.
„Vor dem Pariser Rathaus erschaffen sie den neuen Shein-Megastore, der – nachdem er Dutzende französischer Marken zerstört hat – darauf abzielt, unseren Markt noch massiver mit Wegwerfprodukten zu überschwemmen“, schimpfte etwa Yann Rivoallan, Chef des Modehandelsverbands Fédération Francaise du Prêt à Porter Féminin. Mehrere französische Modeketten wie Jennyfer und NafNaf hatten zu Jahresbeginn Insolvenz anmelden müssen. Kritiker werfen Shein unlauteren Wettbewerb und unmoralisches Geschäftetreiben vor, werde die überwiegend aus Plastik bestehende Ware doch zu Dumping-Preisen angeboten. Einem Bericht der OECD zufolge missachtet das Unternehmen Arbeitnehmer- und Menschenrechte und umgeht Umweltstandards und Transparenz-Regeln. Shein wies die Vorwürfe zurück.
Zehntausende unterzeichneten die Petition „Paris verdient etwas Besseres als Shein“
Der Widerstand hat konkrete Folgen: Mehrere französische Marken gaben ihre Verkaufsflächen im BHV auf. Die Besitzer von Galeries Lafayette, die ihre Läden vor vier Jahren teilweise an den Kaufhausbetreiber Société des Grands Magasins (SGM) verkauften, zu dem das in finanziellen Schwierigkeiten steckende BHV gehört, kündigten juristische Schritte an. Sie argumentierten, die unter ihrem Dach untergebrachten Geschäfte müssten zu den eigenen Werten und der „Premium-Positionierung“ passen. Und die Petition „Paris verdient etwas Besseres als Shein“ unterzeichneten Zehntausende. Sogar die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo meldete sich zu Wort, sie sei „tief beunruhigt“ angesichts der Pläne von Shein. SGM wiederum verteidigte seine Entscheidung zugunsten des chinesischen Moderiesen: Sie werde „die Stadtzentren wieder beleben“ und 200 direkte und indirekte Jobs schaffen. Sowie: Shein habe in Frankreich 23 Millionen Kunden.
Für den emeritierten Wirtschaftsprofessor und Mitbegründer der „Beobachtungsstelle Gesellschaft und Konsum“ Obsoco, Philippe Moati, ist Shein – trotz der Proteste – letztlich der Gewinner. „Es erfährt eine Form der Legitimierung und einen Ansehens-Zugewinn.“ Frankreich, erklärt er, sei nicht zufällig auch als erstes Land für dauerhafte Geschäfte und eine strategische Partnerschaft mit dem Modelabel Pimkie ausgewählt worden. Denn in Frankreich sei der Widerstand gegen Billigmode aus China besonders groß. „Indem es sich hier niederlässt, hofft Shein, das Feuer zu löschen.“
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