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Soja-Anbau bedroht Amazonas: Indigene protestieren bei COP30 gegen Abholzung

Weltklimakonferenz COP30

Soja statt Regenwald: Warum die Wut am Amazonas wächst

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    „Der Soja-Anbau kommt, rodet alles, es entsteht ein riesiges Soja-Feld“, sagt Pagé Nato, der spirituelle Führer der Tupinamba. Der Soja-Anbau töte Tiere und zerstöre das gesamte Ökosystem.
    „Der Soja-Anbau kommt, rodet alles, es entsteht ein riesiges Soja-Feld“, sagt Pagé Nato, der spirituelle Führer der Tupinamba. Der Soja-Anbau töte Tiere und zerstöre das gesamte Ökosystem. Foto: Marcelo Sayao/dpa

    Der weiße Dampf kommt aus der Schlüssel. Pagé Nato, der spirituelle Führer der Tupinamba am Amazonas-Zufluss Rio Tapajos, pustet ihn über den Kopf seiner Gäste. Es ist ein traditionelles Willkommens-Ritual. Um die Verbindung zur Mutter Erde zu demonstrieren, stampfen die Menschen, die einen sich drehenden Ring um Nato bilden, mit den Füßen auf. Die Weltklimakonferenz COP30 in der Millionenstadt Belém ist auch bei den Indigenen ein großes Thema. Sie haben keine gute Meinung über das, was da in Belém passieren wird. Pagé Nato sagt: „Der Amazonas ist unser Zuhause. Für uns ist diese COP30 eine Farce. Die brasilianische Regierung belügt die Welt über das, was hier mit den indigenen Völkern passiert.“

    „Das Leben. Ein Biom, das für uns heilig ist. Nur für Soja!“

    Es ist vor allem ein Geschäftsmodell, das die Ureinwohner besorgt: der Soja-Anbau. Vorangetrieben vom linkspopulistischen brasilianischen Präsidenten Lula da Silva breitet sich der Anbau der Bohne immer weiter aus. Geplante Eisenbahnprojekte und Autobahnen durch den Amazonas könnten dazu führen, dass sich die Agrar-Industrie weitere Flächen des Regenwaldes einverleibt. Fast immer kommt es entlang dieser Infrastrukturprojekte zur Entwaldung, es entstehen Siedlungen oder neue Soja-Felder.

    Welche Bedeutung der Soja-Anbau in Brasilien inzwischen hat, machen diese Zahlen deutlich: Die brasilianische Regierung prognostizierte im Oktober eine neue Rekord-Getreideernte von 354,7 Millionen Tonnen. Soja bleibt dabei mit einer geschätzten Ernte von 177,6 Millionen Tonnen das wichtigste industrielle Agrarprodukt des Landes. In den vergangenen zwölf Monaten wuchs nach offiziellen Angaben die Anbaufläche noch einmal um 3,6 Prozent und um rund sechs Millionen Tonnen. Exportiert wird das Soja vor allem nach China, dem größten Handelspartner Brasiliens.

    Für das Ökosystem und die Indigenen in der Amazonas-Region hat das dramatische Folgen. „Der Soja-Anbau ist eine mörderische Kultur. Weil er tötet. Es gab riesige Wälder mit großen Kastanienbäumen, die als Nahrungsquelle dienten und in denen wir Kastanien sammelten. Und was passiert? Der Soja-Anbau kommt, rodet alles, es entsteht ein riesiges Soja-Feld“, erzählt Pagé Nato. Der Soja-Anbau töte Tiere, Wildtiere, Vögel. Er zerstöre das gesamte Ökosystem. „Das Leben. Ein Biom, das für uns heilig ist. Nur für Soja! Wir essen aber kein Soja. Das Soja geht auf einen anderen Kontinent, auf die andere Seite der Welt. Und was uns am meisten traurig macht, sind die abgeholzten Wälder. Denn dadurch entstehen diese großen Klimakrisen, die gerade passieren“, sagt er.

    Nicht nur der Soja-Anbau stößt bei der Bevölkerung am Amazonas auf heftige Ablehnung. Seit wenigen Wochen ist klar: Die Regierung Lula will auch ein hochumstrittenes Erdölförderprojekt in dessen Mündungsbecken umsetzen. Trotz heftiger Proteste von Umweltschützern erhielt der halbstaatliche Erdölkonzern Petrobras – auf Druck Lulas – die Lizenz.

    Pagé Nato vom Volk der Tupinamba (links) und der katholische Geistliche Edilberto Francisco Moura üben scharfe Kritik an der Politik der brasilianischen Regierung.
    Pagé Nato vom Volk der Tupinamba (links) und der katholische Geistliche Edilberto Francisco Moura üben scharfe Kritik an der Politik der brasilianischen Regierung. Foto: Tobias Käufer

    Der katholische Geistliche Edilberto Francisco Moura arbeitet seit Jahrzehnten in der Region mit den indigenen Völkern bei der Durchsetzung ihrer Rechte zusammen. Für den Ölrausch der Lula-Regierung am Amazonas hat er wenig Verständnis: „Wenn eine brasilianische Regierung eine Klimakonferenz im Amazonasgebiet veranstaltet und dort die Erdölförderung vorantreibt, widerspricht sie damit ihrem eigenen Vorschlag, nämlich dem Schutz des Regenwaldes“, sagt er. „Und noch mehr: Zu sagen, dass man mit dem Geld aus dem Erdöl den Amazonas schützen wird, ist ein Widerspruch. Eigentlich ist das ein Skandal.“

    Weil sich die Indigenen auf der COP30 nicht repräsentiert fühlen, planen sie einen Gegengipfel. In Belém werden während der Konferenz tausende Ureinwohner erwartet, die dort einen „Gipfel der Völker“ veranstalten wollen. Sie hoffen darauf, internationale Unterstützung mobilisieren zu können. Um sich Gehör zu verschaffen, hat sich aus ganz Lateinamerika eine Karawane zu Land, zu Wasser und in der Luft in Bewegung gesetzt. Davon, dass sich die Kameras der Welt auf diese spektakulären Demonstrationen richten werden, ist auszugehen. Auch die Indigenen wissen um die Macht der Bilder.

    Am Ufer des Flusses Guamá liegt unter anderem die „Golfinho Mar II”. Auch sie bietet ein Bild auf. Deutlich sichtbar ist ein Transparent mit einer klaren Botschaft in roter und schwarzer Schrift: „Wir fordern Finanzmittel”. Fast 200 Indigene, Mitglieder anderer traditioneller Völker und sozial-ökologische Aktivisten aus 21 Ländern, darunter Mexiko, Kolumbien, Brasilien und Chile, haben mit ihr eine symbolische Reise des Widerstands beendet, die von „Allianz der Völker für das Klima“ organisiert wurde. „Wir sind bereit, diese COP zur COP des Volkes zu machen. Es ist ein einzigartiger Moment, um die Gewalt, unter der wir leiden, anzuprangern und zu fordern, was wir wollen: Klimafinanzierung für diejenigen, die das Territorium verteidigen“, sagt die indigene Aktivistin Val Munduruku.

    „Ich selbst habe keinerlei Erwartungen an die COP“

    Ähnlich formuliert es Brasiliens Präsident Lula da Silva. „Die Welt kann nicht nur von Brasilien verlangen, den Wald zu erhalten, sondern muss auch einen Beitrag leisten“, forderte er kürzlich. Gemeint ist vor allem „der Westen“, also die reichen Industrieländer. Allerdings ist vor allem China mit seinem Soja-Hunger und Brasilien selbst, das unter Lula das Geschäftsmodell des Soja-Exports ins Reich der Mitte perfektioniert hat, für die Amazonas-Abholzung verantwortlich. Dass sich Lula an seinen wichtigsten Kunden für den Soja-Anbau wenden würde, ist bislang nicht bekannt. Peking genießt in Brasilia einen besonderen Schutz.

    Zurück nach Belém. Dort wollen tausende Indigene auch ein großes Klimalager veranstalten. Der katholische Priester Edilberto Francisco Moura steht hinter der Aktion: „Meine Hoffnung ist, dass die sozialen Bewegungen, die in Belém insbesondere beim Gipfel der Völker in großer Zahl anwesend sein werden, nach der COP den Druck der sozialen Bewegungen nutzen werden, um die Regierungen dazu zu zwingen, die Zerstörung der Umwelt zu beenden“, sagte er. „Das ist meine Erwartung. Denn ich selbst habe keinerlei Erwartungen an die COP.“

    Delegierte aus fast allen Ländern der Welt treffen sich hier zur Weltklimakonferenz.
    Delegierte aus fast allen Ländern der Welt treffen sich hier zur Weltklimakonferenz. Foto: Torsten Holtz/dpa

    Stephan Neumann vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat ist eigens nach Belém gereist, um sich vor Ort ein Bild über die Lage der indigenen Völker zu machen. Deren Klimakampf unterstützt Adveniat. Seine vorläufige Bilanz nach Gesprächen mit den Indigenen fällt ernüchternd aus. „Sie sagen uns: Unsere Stimme wird nicht gehört, wir sind ausgeschlossen von der Weltklimakonferenz Cop30. Wir haben keinen Anteil. Genau den fordern sie ein, weil sie es sind, denen der Amazonas gehört. Das sagen sie sehr selbstbewusst, weil sie es sind, die den Amazonas, die Lunge der Erde dieses Planeten, schützen.“

    Das Konfliktpotenzial jedenfalls ist enorm. Der voranschreitende Soja-Anbau, die Erdölförderung, die illegalen Banden, die den Drogen- und den Goldbergbau rücksichtslos vorantreiben: Bei den Indigenen löst all das bittere Enttäuschung über die Gastgeber der COP30 aus.

    „Wir leiden unter den Klimakrisen“

    Pagé Nato klagt an: „Der Amazonas leidet unter den Folgen. Wir leiden unter den Klimakrisen. Letztes Jahr ist dieser Fluss hier praktisch ausgetrocknet. Und es wurde kein öffentlicher Notstand ausgerufen, wir hatten kein Wasser mehr. In vielen Schulen fiel der Unterricht aus, weil sie auf den Fluss angewiesen sind, um mit Booten zu den Schulen zu gelangen.“ Der spirituelle Führer der Tupinamba geht sogar noch einen Schritt weiter und wirft der Regierung bewusstes Desinteresse an der Situation vor. „Die brasilianische Regierung versucht, uns zu dezimieren, versucht, uns zu töten, wir werden Tag und Nacht misshandelt. Wir haben Tag und Nacht Auseinandersetzungen. Das ist sehr traurig.“ Besonders bitter ist aus seiner Sicht: „Wir haben eine COP in unserem Haus, wo sie uns rausschmeißen und dann für uns diskutieren, als hätten wir kein Recht, für uns selbst zu kämpfen und zu sprechen.“

    Umgerechnet 740 Millionen Euro investiert Brasilien in die Klimakonferenz. Damit soll Ministern, Diplomaten und Aktivisten aus aller Welt ein Forum geboten werden, um Lösungen für die Klimakrise zu diskutieren. Doch ihre eigene, die indigene Bevölkerung – die kommt kaum zu Wort.

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