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Tanzen gegen den Kälteterror in der Ukraine: Wie die Menschen in Kiew Putins Angriffen trotzen

Lebe im Moment, genieße jeden Augenblick: Das lehrt der Krieg den Menschen von Kiew.
Foto: Till Mayer
Krieg in der Ukraine

Tanzen gegen den Kälteterror: Wie die Menschen in Kiew Putins Angriffen trotzen

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    Techno-Beats wummern durch Kiefern und davor über eine gigantische Fläche aus Eis und Schnee. Das „Kiewer Meer“ vor den Toren der ukrainischen Hauptstadt ist doppelt so groß wie der Bodensee. Seit Mitte der 1960er Jahre ist der mächtige Dnipro-Strom hier aufgestaut, um Energie aus Wasser zu gewinnen.

    Das Eis auf dem Kiewer Meer ist so dick, dass Autos darauf driften

    Es muss ein harter Winter sein, damit die 922 Quadratkilometer des „Kiewer Meeres“ zufrieren. Bis auf minus 20 Grad sank die Temperatur in den vergangenen Tagen. Das Eis ist dick. So dick, dass Autos mit heulenden Motoren in Ufernähe darauf driften. Der Schnee wirbelt auf, zieht lange Fahnen und endet in einer dichten Wolke, wenn sich oft nicht ganz taufrische Sportboliden um die eigene Achse drehen. Es ist ein regelrechter Auto-Walzer auf dem Dnipro.

    Olga blickt über die Eisfläche mit den Schneefahnen in der Ferne. Den Familien hinterher, die mit knirschenden Schritten scheinbar dem Horizont entgegenlaufen. Mit Hund und dem im aufblasbaren Reifen platzierten Kleinkind im Schlepptau.

    DJ Serhii legt auf und der gefrorene Dnipro wird zum Dance-Floor.
    DJ Serhii legt auf und der gefrorene Dnipro wird zum Dance-Floor. Foto: Till Mayer

    20 Meter hinter Olga legt DJ Serhii mit Schnurrbart und Kunstpelz auf. Auf der Nase sitzt eine gewagte Sonnenbrille, das Gesicht wird umrahmt von einer mächtigen Fleece-Mütze. Hinter ihm zieht sich der Wald am Ufer entlang. Serhii steht an einem kleinen DJ-Pult mit Lautsprecher-Boxen links und rechts und dick eingemummelten Techno-Fans, die davor ausgelassen tanzen. Hunderte sind gekommen. 

    Auf dem Eis wird nahe Kiew das Leben gefeiert, es sind Auszeiten von der Eiszeit

    „Herrlich“, sagt Olga, schließt die Augen und lässt die milde Wintersonne auf ihr Gesicht scheinen. Neben ihr steht Anastasia und nickt. „Ein kleiner Urlaub vom Krieg“, sagt sie. Die beiden 27-Jährigen sind so ziemlich beste Freundinnen. Schon seit Schulzeiten, wie sie stolz berichten.

    Die Party hat bei einigen bereits einen Spitznamen gefunden: „Freezing Man“. Quasi die ukrainische Edition vom „Burning Man“ in der heißen Wüste Nevadas. Kälte statt Hitze, Eis und Schnee statt Sand. Auf dem Eis wird nahe Kiew ebenso das Leben gefeiert. Ein wenig verrückt und mit einer Inbrunst und Improvisation, die das Herz wärmt. Auch an anderen Stellen finden in diesen Tagen solche Partys statt – dort, wo das Wasser zu dickem Eis gefroren ist, aber auch zwischen Wohnblocks steigen in der Hauptstadt immer wieder spontane Feiern, heißer Tee und Glühwein werden ausgeschenkt. Es sind kurze Auszeiten von der Eiszeit.

    Auf dem gefrorenen "Kiewer Meer" lässt es sich auf Eis und Schnee gut "driften".
    Auf dem gefrorenen "Kiewer Meer" lässt es sich auf Eis und Schnee gut "driften". Foto: Till Mayer

    Russlands Angriffe auf die ukrainische Energie-Infrastruktur sollen die Kälte zur Waffe machen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schrieb am Dienstag in sozialen Medien, Russland ziehe es vor, die kältesten Tage des Winters auszunutzen, um Menschen zu terrorisieren, statt sich der Diplomatie zuzuwenden. Selenskyj sprach von einer Rekordzahl eingesetzter ballistischer Raketen. Moskaus Militär habe mehr als 70 Raketen verschiedener Typen und Marschflugkörper sowie 450 Kampfdrohnen eingesetzt. Landesweit treffen die Raketen und Drohnen ihre Ziele: Kraftwerke und Umspannstationen. Es sind Tausende, die Putin in den vergangenen Monaten gegen die Ukraine schickte. Die Hauptstadt Kiew trifft es dabei besonders hart.

    Das Rote Kreuz warnt vor Lebensgefahr nach dem Angriff auf Kiewer Energieversorgung

    Nach den neuerlichen russischen Angriffen auf die ukrainische Energieversorgung warnt auch das Deutsche Rote Kreuz vor zunehmend lebensbedrohlichen Zuständen für Teile der ukrainischen Bevölkerung. „Das Leid der Menschen ist für uns schwer vorstellbar“, sagt Christof Johnen, Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des DRK. „Bei zweistelligen Minusgraden müssen viele Menschen seit Tagen ohne Heizung und Strom ums Überleben kämpfen.“ Für kranke, ältere und obdachlose Menschen könne die Kälte sogar lebensgefährlich werden, warnt Johnen. Insgesamt wachse in der Bevölkerung die Gefahr verschiedener Krankheiten durch die starke Belastung des Immunsystems. Das Rote Kreuz hat seine Ukraine-Hilfe noch einmal verstärkt.

    In der Hauptstadt feiern die Menschen unterdessen die, die das Leben möglich machen. Die Energietechniker haben Helden-Status in der Stadt. „Sie arbeiten nach den Angriffen Tag und Nacht. Aber kaum haben sie die Situation stabilisiert, kommt die nächste Attacke oft auf das gleiche Ziel“, erklärt Olga. Für die beiden jungen Frauen ist das Ziel der russischen Kriegsführung klar: Kiew soll im Winter unbewohnbar werden. Laut Bürgermeister Vitali Klitschko haben bereits 600.000 Menschen die Stadt verlassen. Strom gibt es meist nur für wenige Stunden, in vielen Gebäuden gibt es keine funktionierende Heizung, kein fließendes Wasser. Vor besonders betroffenen Gebäudeblocks haben der Zivilschutz und Hilfsorganisationen Zelte als Wärmepunkte errichtet. Vor Geschäften, Supermärkten und Cafés röhren im ganzen Land die Generatoren.

    Auszeit von der Eiszeit: Olga (Mitte) und Anastasia (rechts daneben) feiern das Leben.
    Auszeit von der Eiszeit: Olga (Mitte) und Anastasia (rechts daneben) feiern das Leben. Foto: Till Mayer

    „Es ist schwierig“, sagt Olga. Putins Kälte-Krieg trifft sie mit voller Wucht. „Ich habe keine Heizung, kein Wasser, Strom nur für wenige Stunden am Tag“, erklärt sie. Wasser schleppt sie in Plastikflaschen heran. Die Nächte verbringt sie mit Trainingsanzug und dickem Pullover samt Jacke unter vielen, vielen Decken. Eine Wollmütze verdeckt das blonde Haar bis tief in die Stirn. Mit den Flammen des Gasofens bringt sie ein wenig Wärme in ihre Wohnung. Oder mit einem Elektroheizer, wenn denn Strom da ist. Mit allenfalls 13 bis 14 Grad plus beziffert sie die Zimmertemperatur. 

    „Deswegen ist der ‚Freezing Man‘ hier so gut für mich. All das kann ich vergessen. Der Winter hat auf einmal eine schöne Seite. Ich lade hier meine eigenen Batterien auf. Selbst Putin kann das nicht verhindern“, meint sie.

    Sie sagt: „Heute nacht schlägt vielleicht eine Drohne in mein Haus ein“

    Anastasia hat es besser als ihre Freundin: „Ich habe Heizung und eine warme Dusche, davon können leider die meisten hier nur träumen. Unser Gebäude hat einen großen Generator zur Versorgung. Olga kam auch zu mir, als es besonders schlimm war. Sie ist immer willkommen.“ Beide junge Frauen haben Menschen an den Krieg verloren, die ihnen nahestanden. „Es ist sehr schmerzhaft. Ich denke auch an die, die ihre Heimat im Donbas verloren haben, deren Häuser und Leben durch Russland zerstört wurden. Einige von ihnen werden auch hier sein“, erklärt Olga, die gebürtig aus Kiew stammt.

    „An die Zukunft zu denken, ist nicht leicht. Ich möchte einmal Kinder. Was, wenn der Krieg Jahre weitergeht? Ich denke, ich werde trotzdem eine Familie gründen“, meint Olga. Ihre Freundin schüttelt den Kopf: „Nicht, solange der Krieg andauert. Wir leben jetzt nur im Moment. Heute Nacht schlägt vielleicht eine Drohne in mein Haus ein. Jeden Augenblick kann uns alle hier der Krieg das Leben kosten.“

    Olga stimmt ihr zu. An einen baldigen Frieden glauben die beiden nicht. Als der Namen Trump fällt, winken sie nur ab. „Putin will unsere Freiheit und Kapitulation. Er wird sich nicht mit der Ukraine zufriedengeben“, sind sich die beiden Freundinnen sicher. Also wollen sie aushalten. „Eine bessere Unterstützung unserer Luftabwehr würde uns etwas bringen“, sagt Anastasia. Dann verabschieden sich die beiden, gehen Richtung DJ-Pult zum Tanzen. „Der Frühling wird kommen, wir Ukrainer sind stärker als der Winter. Und das hier ist unser Land“, ruft Olga zum Abschied.

    Andrij mit seiner Familie: "Es ist nicht leicht, in einem Krieg für seine Familie Verantwortung zu tragen."
    Andrij mit seiner Familie: "Es ist nicht leicht, in einem Krieg für seine Familie Verantwortung zu tragen." Foto: Till Mayer

    Nicht weit von ihnen entfernt steht Andrij und zieht seiner Vierjährigen die dicke Wollmütze tief über beide Ohren. „Es ist nicht leicht, in einem Krieg für seine Familie Verantwortung zu tragen. Nachts müssen wir oft bei Alarm durchs Dunkel in den Keller hasten. Es ist kalt. Meine Kleine erträgt das tapfer. Ich hoffe, es wird so bleiben. Jetzt freue ich mich, dass meine Frau hier ausgelassen tanzt. Das ist gut für die Seele“, sagt der 38-Jährige. Er selber blickt traurig.

    Der Kurzurlaub vom Krieg in der Ukraine endet, die Dunkelheit zieht auf

    Ob er auf einen baldigen Frieden hofft? Der Familienvater schüttelt den Kopf. „Russland wird allenfalls kurz aufhören, dann geht es erst recht weiter“, ist er sich sicher. Ob er an die Zukunft denkt? „Viel zu oft wegen meiner Familie“, sagt der IT-Spezialist. Er setzt an, um zu erklären. Dann wird er schweigsam. „Was denke ich über die Zukunft? Bitte entschuldigen Sie, ich kann die Worte nicht finden. Es ist sehr, sehr schwer für mich“, sagt er leise. Dann zieht ihn seine Tochter weiter hinaus aufs Eis. 

    Langsam verwandelt sich die Sonne in ein tiefes Rot. Die Kälte nimmt schnell zu. Die letzten Selfies werden vor imposanter Kulisse gemacht. In der Ferne driften noch immer die Autos über Schnee und Eis. Doch viele machen sich auf den Heimweg. Die Straße führt direkt am Ufer entlang Richtung Kiew. Grau ragen in der Ferne die Wohnblocks eines Vororts der Hauptstadt auf. Eine graue Masse im Grau des hereinbrechenden Abends. Ab und an leuchten kleine Lichtpunkte in Fenstern. Dort schalten die ersten ihre Akku-betriebenen LED-Lichter an.

    Kiew im Energie-Notstand: Glück, wer einen Generator oder ein autarkes Heizungssystem im Haus hat.
    Kiew im Energie-Notstand: Glück, wer einen Generator oder ein autarkes Heizungssystem im Haus hat. Foto: Till Mayer

    Die Straße führt weiter über den Damm. Auf ihm thronen die Gebäude des Wasserkraftwerks. Nach einem russischen Treffer produziert das Kraftwerk keinen Strom. Jetzt fangen sich die Lichtkegel der Autoscheinwerfer in den Sperrholz- und Blechplatten, die Teile des Einschlags abdecken.

    Der Kurzurlaub vom Krieg endet, die Dunkelheit zieht auf. Die Kälte, die jetzt kommt, ist kein Freund mehr. Es ist eine Waffe. Doch der „Freezing Man“ hat vielen Menschen Kraft gegeben. Er wird dem Krieg wieder die Stirn bieten. In den Sozialen Medien in dunkeln Wohnungen ploppen die ersten Fotos und Filmchen auf. Wintersonne, Schneewolken, Techno-Sound und glückliche Gesichter. „Djakuyu“, steht in vielen Kommentaren schlicht darunter. Danke.

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