Dass sich Fuchs und Berliner gute Nacht sagen, ist Hauptstadtalltag. Dass Wolf und Berliner aufeinandertreffen, ist dagegen unüblich. Gleichwohl sind einem Zeitungsbericht zufolge im Stadtgebiet regelmäßig Wölfe unterwegs: Die „Premiere“ war 2020 im Südosten Berlins, als ein weibliches Jungtier nächtelang durch den Wald zwischen Grünau und Schmöckwitz streifte. Wald und Wolf – und fast fertig ist der „Tatort“. Denken dessen Macherinnen und Macher vermutlich, und führten kürzlich bereits im Schwarzwald ein „Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“-Stück mit Berg und Tobler auf. Es bleibt ein Rätsel, dass sich „Tatort“-Folgen fortwährend ähneln.
„Gefahrengebiet“: Bonard steckt in einer späten Midlife-Crisis
Rätselhaft auch, dass Kommissarin Susanne Bonard (Corinna Harfouch) in „Gefahrengebiet“ (Sonntag, 20.15 Uhr, ARD) zu Beginn der Ermittlungen einfach und aus nicht überzeugenden Gründen abhaut, in den Wald rund um den Teufelsberg im Berliner Westen. Wenige Tage vor ihrer Verrentung lässt sie den Kollegen Robert Karow (Mark Waschke) stehen, Sekt und Schnittchen seien eh nicht ihr Ding. Bonard, offensichtlich in einer späten Midlife-Crisis, schließt sich einer mysteriösen Survival-Trainerin (Anne Ratte-Polle) an, die in der Nähe des Tatorts biwakiert. Der ebenfalls mysteriöse Mit-Biwakierer Noah Farrell (Nils Kahnwald) nimmt vorsichtshalber Reißaus. Vorerst.
Es beginnt eine Art deutscher Nordic-Noir-„Tatort“, also einer, der an düstere Skandinavien-Krimis erinnert. Im Grunewald, wo er gedreht wurde, nebelt es, die Birken und die Spaziergängerin Edda Odin (Catherine Stoyan) wirken gar schauermärchenhaft. Die nach dem Totengott benachnamte Hundehalterin war auf die Leiche eines Obdachlosen, samt Bissspuren, gestoßen und hatte behauptet: Ein Wolf geht um. Was dem Ermittlerduo Bonard/Karow auf die Nerven geht. Unter anderem. Dabei hatten sich die beiden – sie: Dozentin an der Polizeiakademie, er: Typ einsamer Wolf – zuletzt weiter angenähert.
Corinna Harfouch war ein Gewinn für den Berliner „Tatort“
Ach ja: Um Prepper, Bunker, Kränkungen, Technikgläubigkeit und Sex geht es obendrein. Mit einem „Tatort“, in dem Ermittlungsarbeit geleistet würde, hat der letzte Fall von Bonard jedoch kaum etwas zu tun. Kein guter Krimi, aber ein teils sehenswerter Film – weil Regisseurin und Drehbuchautorin Mira Thiel Harfouch nochmals die Gelegenheit schenkt zu zeigen, welch großartige Schauspielerin diese ist und welch Gewinn die 71-Jährige für den „Tatort“ war. Dass sie ihn nach nur sechs Folgen wieder verlassen würde, hatte sie vor zwei Jahren im Interview mit unserer Redaktion angekündigt: „Es wäre ja auch absurd, wenn ich mit 75 immer noch ,Tatort‘-Kommissarin wäre und im Rollstuhl die Verbrecher jage.“
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