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Tod durch Chemikalien: Hat Istanbuler Firma auch ein Kleinkind auf dem Gewissen?

Türkei

Tod durch Chemikalien: Hat Istanbuler Firma auch ein Kleinkind auf dem Gewissen?

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    Ein Rettungswagen brachte den zweieinhalbjährigen Karan in eine Klinik. Dort starb der Junge.
    Ein Rettungswagen brachte den zweieinhalbjährigen Karan in eine Klinik. Dort starb der Junge. Foto: Filmbildfabrik, stock.adobe.com

    Ein Menschenleben ist nicht viel wert in der Türkei. Diesen Eindruck haben viele Einwohner des Landes nach den Enthüllungen zum Tod der deutschen Urlauberfamilie, die offenbar durch ein Insektizid in ihrem Istanbuler Hotel vergiftet wurde. Die Justiz erließ Haftbefehl gegen den Inhaber der Kammerjäger-Firma und den Mitarbeiter, der das Gift in dem Hotel versprühte. Und wie sich jetzt herausstellt, könnte dieselbe Firma bereits ein Kleinkind auf dem Gewissen haben – durfte aber trotzdem weitermachen.

    Mit dem Satz „Unsere Spezial-Formel finden Sie sonst nirgendwo“ warb die Kammerjäger-Firma auf ihrer inzwischen gelöschten Internetseite für ihre Dienste, wie die Zeitung Hürriyet meldete. Die Justiz werde prüfen, ob nach dem Löschen der Seite die Gefahr der Verdunkelung von Beweismitteln bestehe, berichtete das Blatt.

    Angeblich war der Firmenchef aus Istanbul für den Umgang mit Giftstoffen gar nicht zertifiziert

    Der Betrieb verwendete laut Medienberichten bei der Jagd auf Bettwanzen und anderes Ungeziefer in Wohnhäusern giftige Substanzen aus der Landwirtschaft. Der Firmeninhaber habe den Berichten zufolge bei der Vernehmung ausgesagt, weder er selbst noch seine Mitarbeiter seien für den Umgang mit Giftstoffen zertifiziert. Die Zeitung Karar schreibt, der Firmenchef habe von zu Hause aus gearbeitet und sei in den sechs Jahren seit Gründung des Unternehmens nie von den Behörden kontrolliert worden, obwohl er hochgiftige Insektizide als Mittel gegen Bettwanzen über das Internet verkaufte und ohne Sicherheitsvorkehrungen per Paketversand an seine Kunden verschickte.

    Der Mann soll bei der polizeilichen Befragung weiter gesagt haben, er sei vor zwei Wochen von dem Istanbuler Hotel telefonisch mit der Schädlingsbekämpfung in einem Zimmer beauftragt worden und habe einen Mitarbeiter dorthin geschickt. Ihn selbst treffe keine Schuld am Tod der Deutschen.

    Die Firma versprühte ihr Insektizid schon im April in einer Souterrain-Wohnung im Istanbuler Stadtteil Sisli. Die Familie in der Nachbarwohnung fragte die Mitarbeiter der Firma, ob das Mittel für Kinder gefährlich sei, wie Karar berichtet. „Kein Problem“, habe die Antwort gelautet. Wenige Stunden nach dem Insektizid-Einsatz klagte der zweieinhalbjährige Karan in der Nachbarwohnung über Müdigkeit und übergab sich. Seine Familie brachte ihn ins Krankenhaus, wo er noch in der Nacht starb. Die Gerichtsmedizin erklärte, Karan sei durch chemische Substanzen vergiftet worden.

    Die türkische Opposition sagt: Der Tod der Hamburger Familie war weder ein Unfall noch ein unvermeidbarer Schicksalsschlag

    Karans Familie schlug Alarm, doch weder ihre Warnungen noch der Bericht der Gerichtsmedizin konnten die Behörden zum Handeln bewegen. Wenn die Firma damals geschlossen worden wäre, würde die deutsche Familie B. heute noch leben, sagten Karans Verwandte im Interview mit der Zeitung. So aber machte die Firma weiter. Der Tod der Hamburger Familie sei weder ein Unfall noch ein unvermeidbarer Schicksalsschlag gewesen, sagte Erhan Adem, Vizechef der Oppositionspartei CHP. Er sieht ein Staatsversagen: Die Behörden hätten Kontrollen schleifen lassen und Warnungen überhört.

    Die türkische Öffentlichkeit wird seit dem Tod der Deutschen fast täglich von neuen Vergiftungsfällen aufgeschreckt. Meistens geht es um Lebensmittelvergiftungen, wie beim Tod eines 12-jährigen Jungen, der verdorbenes Hühnerfleisch gegessen hatte. Allein in den vergangenen Tagen seien in drei türkischen Städten insgesamt mehr als 200 Menschen mit Vergiftungserscheinungen in Kliniken eingeliefert worden, meldete der Nachrichtensender NTV.

    Im Fall des kleinen Karan nahm die Staatsanwaltschaft laut Medienberichten erst Ermittlungen auf, als sich herausstellte, dass die Firma auch mit dem Tod der Deutschen in Verbindung gebracht wird.

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