Startseite
Icon Pfeil nach unten
Panorama
Icon Pfeil nach unten

Über-Tourismus und Mietwahnsinn: So blickt Corina d‘Ampezzo auf die olympischen Winterspiele

Olympia

Cortina d‘Ampezzo blickt mit gemischten Gefühlen auf den Start der Olympischen Spiele

  • |
  • |
  • |
  • |
    Cortina – hier finden ab 6. Februar Olympische Spiele statt.
    Cortina – hier finden ab 6. Februar Olympische Spiele statt. Foto: Julius Müller-Meiningen

    Es ist fast acht Uhr abends, als das vom Olymp geraubte Feuer endlich da ist. Manuela Angeli schreitet langsam mit der Fackel in der rechten Hand den Corso Italia hinauf. Die frühere Eiskunstläuferin war der lokale Star der Winterspiele von 1956, die auch schon hier ausgetragen wurden. Heute ist sie 86 Jahre alt, ein weiblicher, verständlich müder Prometheus, gekleidet ganz in Weiß. An der „Bar Sport“ wird der Jubel der Menge so laut, dass Angeli ein paar Sekunden innehalten muss. Ungläubig blickt sie in die aufgeregten, geröteten Gesichter. Es ist der Moment, an dem die Olympischen Winterspiele in ihrem Dolomiten-Dorf Cortina d‘Ampezzo angekommen sind. Am kommenden Freitag findet die Eröffnungsfeier in Mailand statt.

    Prometheus hatte den Göttern das Feuer vom Olymp geraubt, und den Menschen Fortschritt, Zivilisation und Schutz vor Kälte gebracht. Göttervater Zeus bestrafte den rebellischen Titanen dafür lebenslang. Was ist der Preis, den Cortina, die „Perle der Dolomiten“ für dieses Turnier bezahlen muss? Viele Athletinnen und Athleten freuen sich, dass Olympia wieder an einen scheinbar authentischen Wintersportort zurückkehrt. Aber auch dieses menschengemachte Wunder wird Folgen haben.

    Offiziell herrschen in Cortina Optimismus und Vorfreude

    Offiziell herrschen Optimismus und Vorfreude. Die Lokalzeitung Il Gazzettino titelt am Tag, nachdem das Feuer angekommen war: „Das Fest hat begonnen!“ Der Corriere delle Alpi schreibt: „Die Flamme umarmt Cortina und seine Menschen, 70 Jahre danach“. 1956 wurde der Ort mit Olympia weltberühmt. Damals begann eine tiefe Transformation vom Bergnest zum Weltdorf. Der Ort habe es geschafft, schreibt das Blatt, „sich der ganzen Welt zu öffnen, ohne dabei seinen eigenen Traditionen untreu zu werden“.

    Luxusboutiquen säumen den Corso Italia, auf dem vor allem ältere Italienerinnen ihre Pelze spazieren tragen. 
    Luxusboutiquen säumen den Corso Italia, auf dem vor allem ältere Italienerinnen ihre Pelze spazieren tragen.  Foto: Julius Müller-Meiningen

    Nicht alle im Ort sehen das so. Da wird geschimpft über die Baustellen, den Dreck, die Kosten. „Sehen Sie, ich soll dann mit den Einkaufstüten auf dieses Metallgerüst steigen und riskieren, auf dem Glatteis auszurutschen“, beschwert sich eine Frau im Pelz über die improvisierte Fußgängerbrücke, die gerade im Zentrum aufgebaut wird. „Competitions go, mountains stay“, ist mit großen weißen Lettern auf das Schaufenster eines Bergbekleidungsgeschäfts gepinselt. Man kann jenes Memento als Erinnerung an die Vergänglichkeit menschlichen Strebens lesen, auch als leise Olympia-Kritik. Lauter Protest scheint jedenfalls nicht Ampezzaner Art. In Cortina, 5000 Seelen mitten in den Dolomiten, finden von kommendem Freitag an zwei Wochen lang die Skiwettbewerbe der Frauen, Curling, Snowboard- sowie die Rodel- und Bobwettbewerbe statt. Es ist ein Revival mit ungewissem Ausgang.

    Olympia als Wirtschaftsbooster: Fünf große Hotels im Ort werden gerade renoviert

    Die silberne olympische Fackel steht nun auf der Kommode im holzgetäfelten Amtszimmer von Bürgermeister Gianluca Lorenzi. Das Feuerchen flackert in einer kleinen Laterne und soll dann zum Beginn der Spiele, synchron zur Einweihungsfeier im Mailänder San-Siro-Stadion entzündet werden. Lorenzi, gebürtiger Ampezzaner und noch ein Jahr im Amt, fiel das Weltereignis in den Schoß. Er bemüht sich dieser Tage als Krisenmanager, kümmert sich etwa um Verkehrsprobleme. Auf einer engen Bergstraße, auf der ab kommender Woche zehntausende Olympiagäste per Bus heran chauffiert werden sollen, bleiben ständig die Lastwagen stecken. Die Gipfel um das Dorf herum wirken mächtig, übermenschlich. Cortina ist klein, empfindlich, seine Straßen sind es auch.

    Die silberne olympische Fackel steht nun auf der Kommode im holzgetäfelten Amtszimmer von Bürgermeister Gianluca Lorenzi.
    Die silberne olympische Fackel steht nun auf der Kommode im holzgetäfelten Amtszimmer von Bürgermeister Gianluca Lorenzi. Foto: Julius Müller-Meiningen

    „Olympia ist ein Booster für die lokale Wirtschaft“, sagt Lorenzi und zählt die positiven Effekte auf: Fünf große Hotels im Ort werden gerade renoviert, von ausländischen Investoren. „Wichtige Firmen“, sagt der Bürgermeister. Er erläutert, was Olympia noch gebracht hat: eine neue Bobbahn, Renovierung des Eisstadions, Erweiterung der Zufahrtsstraße aus Belluno. Im Frühjahr kommt eine neue Fußgängerzone dazu, später ein unterirdischer Parkplatz mit 600 Plätzen. „Sogar neun neue Wohnungen sind gebaut worden!“ Hört man Lorenzi zu, dann steht Cortina kurz vor einer neuen Blüte.

    Cortina hat sich über die Jahre stark verändert

    Die Realität eine Woche vor Beginn der Spiele ist eine andere. Über tausend Arbeiter sind noch im Ort, sie montieren, bauen, werkeln. Schnee mischt sich mit braunem Matsch. Wenn man eine Pause von diesem lauten Inferno will, fährt man am Besten aus dem Ort den Berg hinauf und ist kurz darauf wie verzaubert. Es hat viel geschneit in der Nacht, der Himmel ist strahlend blau, die Landschaft schneebedeckt. Wie tausend Edelsteine funkeln die Schneekristalle. Eine Märchenlandschaft hat sich schon früh morgens aufgetan, nachdem die Sonne hinter der Punta Sorapiss aufgegangen ist und das Tal in ein orangefarbenes Licht getüncht hat. Man versteht jetzt, warum Cortina mit seinen vielen weißen Giebeln „Königin der Dolomiten“ genannt wird. Unten in der Pfarrkirche mit ihrem ikonischen Turm wird in einer rauchigen Nische eine gläserne Marien-Ikone verehrt. Auf einer Erläuterung daneben steht: „Wie schön ist die Schöpfung, die uns umgibt!“

    In Cortina d‘Ampezzo wird fleißig gebaut.
    In Cortina d‘Ampezzo wird fleißig gebaut. Foto: Julius Müller-Meiningen

    Wie also ein milliardenschweres Weltereignis veranstalten, ohne diese Schönheit anzutasten? Vielleicht ist es dafür auch schon zu spät. Cortina hat sich über die Jahre stark verändert. Nach der Olympiade 1956 kamen die Reichen und Schönen und mit ihnen der Wohlstand. Ingrid Bergman, Sophia Loren, Brigitte Bardot, Clarke Gable waren Stammgäste, ebenso wie der Mailänder und der Turiner Geldadel, die Morattis und Agnellis. Der James-Bond-Streifen „In tödlicher Mission“ wurde 1980 hier gedreht und brachte zusätzliche Prominenz. Luxusboutiquen säumen den Corso Italia, auf dem – wo, wenn nicht hier - vor allem ältere Italienerinnen ihre Pelze spazieren tragen. Immer mehr Hotels wurden gebaut, und doch setzt ein alter Flächennutzungsplan dem Auswuchern auf Wald und Wiesen Grenzen.

    Einheimische halten in Cortina nur noch 20 Prozent der Immobilien

    „Dass Cortina heute so ist wie es ist, ist auch unsere Verantwortung“, sagt Roberta De Zanna. Das gilt im Guten wie im Schlechten. Die gebürtige Ampezzanerin betreibt selbst ein Schmuckgeschäft am Corso Italia. Nachmittags sitzt sie bei einem Aperol Spritz in der Bar „La Suite“. Es ist Aprés-Ski-Zeit, man merkt das auch an der immer lauter werdenden Musik. Als eines der exklusivsten Skigebiete der Welt rangeln die Reichen in Cortina um Zweitwohnungen, Einheimische halten laut De Zanna nur noch 20 Prozent der Immobilien. „Das ist auch unsere Schuld, wir haben schließlich verkauft“, sagt die Gemeinderätin von der Opposition.

    „Dass Cortina heute so ist wie es ist, ist auch unsere Verantwortung“, sagt Roberta De Zanna. 
    „Dass Cortina heute so ist wie es ist, ist auch unsere Verantwortung“, sagt Roberta De Zanna.  Foto: Julius Müller-Meiningen

    Der durchschnittliche Quadratmeterpreis in Cortina liegt bei rund 13.000 Euro, wie in Paris, London oder New York. Lokale Familien, viele von ihnen zählen zur Sprachminderheit der Ladiner, haben dem Dorf den Rücken gekehrt. Saisonarbeiter können sich kaum ein Zimmer leisten. Im letzten Jahr wurden in Cortina gerade einmal 17 Kinder geboren. Das ist zu wenig Nachwuchs, um zu verhindern, dass die Zukunft des Ortes eines Tages von anderen gestaltet wird.

    Der neuen Rodelbahn fiel ein Wald zum Opfer

    „Olympia beschleunigt diesen Trend“, sagt De Zanna. Sie freut sich jetzt auf die Spiele in ihrem Heimatort, will aber die „Gewalt, die wir erlitten haben“, nicht vergessen. Die Spiele seien von oben herab dekretiert worden, vom nationalen olympischen Komitee, der Regierung, der Stiftung Mailand-Cortina. Das Dorf habe keine Stimme gehabt. De Zanna hätte sich eine Volksabstimmung gewünscht, wie andernorts. „Wir hätten Nein sagen können.“ Orte wie Calgary, Sion, Innsbruck oder Barcelona entschieden sich gegen eine Bewerbung für die Winterspiele 2026. „Olympische Spiele sind an einem so empfindlichen Ort wie hier nicht tragbar“, meint sie. Und doch finden sie statt.

    Der neuen Rodelbahn sei ein ganzer Wald zum Opfer gefallen, sie verschandele die Natur und sei mit Kosten von 120 Millionen Euro übermäßig teuer gewesen. „Die Gemeinde bleibt auf 600.000 Euro Schulden und Instandhaltungskosten jährlich sitzen“, prophezeit De Zanna. Die neue Appollonio-Socrepes-Gondelbahn sei auf einem Erdrutsch-Gebiet errichtet worden - unverantwortlich. Auch mit dem fünf Kilometer vom Ort entfernten Olympischen Container-Dorf in Fiames, das nach den Spielen wieder abgebaut wird, ist De Zanna nicht zufrieden. Mit jenen 40 Millionen Euro hätten leerstehende Häuser im Ort saniert und für Athleten hergerichtet werden können.

    Wegen Olympia geht ein Riss durchs Dorf

    Das Problem ist auch: De Zanna ist in Cortina mit ihrer offen geäußerten Kritik ziemlich alleine. Ein gegen das Event gegründetes Bürger-Komitee ist in den Tagen vor Olympia nicht erreichbar. Es gab Streit und Diskussionen im Vorfeld – für und gegen Olympia. „Aber wenn es darum geht, aktiv zu werden, beteiligt sich das Dorf nicht“, sagt De Zanna. Das liegt wohl auch daran, dass es sich alles in allem in Cortina nicht schlecht lebt. Die Frage ist: Wie lange noch?

    So werden die Besucher der „Königin der Dolomiten“ bei der Olympiade nur ganz leise Zeichen des Missmuts sehen. Viele der rund 2500 Ladiner im Ort, Angehörige der Sprachminderheit, die bis nach dem Ersten Weltkrieg zu Tirol zählte, haben an vielen Balkonen und Fenstern im Ort ihre blau-weiß-grünen Fahnen aufgehängt. „Sie haben uns nichtmal gefragt, ob wir in unseren traditionellen Kostümen bei den Siegerehrungen dabei sein wollen“, beschwert sich Elsa Zardini, Präsidentin des Ladinerverbandes von Cortina. „Als ob es uns nicht gäbe!“ Auch sie meint: Seit Olympia kommt, gehe ein Riss durchs Dorf. Das Wichtigste sei, diese Kluft im Ort nach Olympia wieder zu kitten. Dann beginnt es zu schneien. Cortina verschwindet im dichten Nebel, wird beinahe unsichtbar. Es ist, als hole das Dorf noch einmal ganz tief Luft, bevor die Spiele wirklich beginnen.

    Diskutieren Sie mit
    XXX 0 Kommentare
    hier kommen komentare rein

    Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.

    Anmelden

    Sie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren