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Viraler Trend: Hunderte sammeln mit dem Spazierclub Schritte

Berlin

Spazieren statt Joggen: In Berlin schlendern Hunderte gemeinsam durch die Straßen

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    Beim neuen Spazierclub in Berlin kommen Hunderte zusammen und spazieren gemeinsam durch die Straßen.
    Beim neuen Spazierclub in Berlin kommen Hunderte zusammen und spazieren gemeinsam durch die Straßen. Foto: Anja Volkwein

    Die Sonne brennt kurz nach Mittag warm auf den Gehweg, und vor dem Späti im Süden Berlins schiebt sich eine kleine Menge zusammen wie vor einem Konzert – nur ohne Gedränge. Die Leute kennen sich nicht, oder nur ein kleiner Teil. Doch sie haben etwas zusammen vor. Sie wollen einen Spaziergang machen.

    Zusammengehalten werden sie von Allan Anders. Er macht Stimmung nicht mit seinen Ansagen, sondern durch seine Präsenz. Das Handy ist oben, er sendet live an seine Leute – die Botschaft ist klar: Kommt ruhig dazu, auch wenn ihr euch noch unsicher fühlt. Die meisten hier sind jung, aber dazwischen tauchen auch ältere Gesichter auf. Die eine oder andere schiebt einen Kinderwagen oder hält den Hund an der Leine. Immer wieder geht die Späti-Tür auf, weil sich noch jemand ein Getränk für den Weg holt: Matcha-Tee, Blockkaffee oder Cola. Es liegt entspannte Vorfreude in der Luft: gleich loslaufen, gemeinsam 10.000 Schritte sammeln, Sonne genießen.

    Spazierclub statt Running-Club: In Berlin treffen sich Hunderte zum gemeinsamen Spazieren

    In Berlin trifft sich zum zweiten Mal der noch junge Spazierclub. Gemeinsam soll es vom Späti an der Bezirksgrenze zwischen den Stadtteilen Schöneberg und Wilmersdorf zum Straßenfestival Karneval der Kulturen nach Kreuzberg gehen. Das Ziel sind entspannte 10.000 Schritte und eine gute Zeit.

    Initiator dieser ungewöhnlichen Bewegung ist Allan Anders. Er ist Musikmanager, Spätibesitzer und startete vor etwa sechs Monaten auf der Videoplattform TikTok seine Gedanken zu teilen und sich mit anderen Menschen auszutauschen.

    Er habe immer zu einem Running-Club, also einem Treff, bei dem sich Menschen zusammen joggen, gehen wollen, berichtet Anders. „Aber ich dachte, ich bin zu fett und kann nicht mithalten.“. Besonders die Hürde, das erste Mal hinzugehen, sei für ihn zu hoch gewesen. Als eine Freundin wenig später selbst einen Running-Club gründete, überwand er sich, ging hin und merkte: Das ist gar nicht so schlimm. „Dann habe ich überlegt, was ich machen kann, damit andere sich auch trauen“, erzählt er weiter.

    Beim neuen Spazierclub in Berlin kommen Hunderte zusammen und spazieren gemeinsam durch die Straßen.
    Beim neuen Spazierclub in Berlin kommen Hunderte zusammen und spazieren gemeinsam durch die Straßen. Foto: Anja Volkwein

    Seine Idee: Den Druck rausnehmen und statt zu joggen, einfach spazieren gehen. Mitte Mai lud Anders das erste Mal zu seinem „Spazierclub“ ein. Er lädt ein Video auf TikTok hoch und berichtet von seiner Idee: „Spazieren gehen, 10.000 Schritte sammeln, Spaß haben und Leute kennenlernen, alles ganz locker.“ Treffpunkt: sonntags 12 Uhr vor seinem Laden, dem Deutschrapspäti. Das Video geht viral. Aus den anfänglichen 30 Anmeldungen wurden 300. „Das war unglaublich. Wir waren direkt beim ersten Mal so viele Leute und es hat wahnsinnig Spaß gemacht“, schildert Anders begeistert. Und die Begeisterung hält an.

    Entspannte Atmosphäre beim Spazierclub: Fröhlicher Tross zieht durch die Innenstadt

    Auch dieses Mal sind 400 bis 500 Menschen gekommen. Einige waren beim ersten Mal dabei, viele haben über TikTok davon erfahren. Mit etwa einer Stunde Verspätung zieht der Trupp in Richtung Karneval der Kulturen los. Das Tempo ist so gewählt, dass niemand abgehängt wird. Wer sonst bei sportlichen Gruppen Angst hätte, nicht mitzuhalten, merkt schnell: Hier ist Mitmachen nicht mit Leistung verknüpft. Anstrengend ist höchstens das Drumherum: Ampeln, Kreuzungen, das ständige Neu-Sortieren, weil die Gruppe sich wie ein Akkordeon auseinanderzieht und wieder zusammenschiebt.

    Allen Anders (mitte) und Nour Idelbi laufen beim Spazierclub vorne weg und sorgen für ausgelassene Stimmung.
    Allen Anders (mitte) und Nour Idelbi laufen beim Spazierclub vorne weg und sorgen für ausgelassene Stimmung. Foto: Anja Volkwein

    Und trotzdem macht gerade diese Größe Spaß. Auf dem Gehweg zieht der Club Blicke auf sich: Manche Passanten bleiben stehen, andere fragen kurz, was hier los ist. Es fühlt sich an wie ein kleines Event, ohne dass man dafür ein Ticket braucht. Aus den mitgebrachten Musikboxen läuft ein Beat, zwischendurch wird auf dem Gehweg getanzt, gelacht, für Selfies posiert. Die Gespräche entstehen zufällig: über Musik, den Kiez, warum man heute hier ist. Einige laufen zu zweit oder zu dritt, andere schließen sich spontan an. Wer allein gekommen ist, bleibt nicht lange allein – aber niemand wird dazu gedrängt, sofort Anschluss zu finden.

    Spazierclub geht viral und soll noch weiter wachsen

    Den Hype um die Spazierclub-Idee möchten Allan Anders und Mitbegründerin Nour Idelbi nutzen und das Projekt größer denken. Sie seien bereits mit einigen anderen Städten im Austausch, um dort auch gemeinsames Spazierengehen auf die Beine zu stellen, sagt Idelbi. „Wäre es nicht cool, wenn Sonntag, 12 Uhr, überall spazieren gehen angesagt ist?“, fragt sie. Außerdem haben die beiden vor, den Spazierclub in Richtung Musik und Kultur auszubauen. „Wir würden gerne Künstler engagieren, die den Spaziergang begleiten und dabei performen“, erzählt Idelbi.

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