Die Passanten und Einkäufer haben sich längst daran gewöhnt, an die riesige Bauruine am Beginn von Wiens bekanntester Shopping-Meile, der Mariahilfer Straße, nur ein paar Schritte von den Touristen-Hotspots an der Ringstraße entfernt. Zwei Jahre lang stand das ehemalige Kaufhaus der Kette Kika-Leiner leer, nackter Beton und offene Etagen, abgeschirmt von Plakatwänden, auf denen zu sehen war, was aus der Großbaustelle hätte werden sollen: Ein glanzvolles Kaufhaus, benannt nach der jüdischen Schauspielerin Hedy Lamarr, ein „Wiener KaDeWe“.
Es war ein Prestige-Projekt von René Benko, erworben hatte der Investor die Liegenschaft 2017, in einer Nacht- und Nebelaktion während der Weihnachtsfeiertage. Damals war Sebastian Kurz, Benkos Freund und späterer Berater, noch Bundeskanzler in Österreich und für Benkos Immobilien-Imperium Signa lief es noch blendend – zumindest dem Augenschein nach.
3.000 Gläubiger haben Forderungen in Höhe von 40 Milliarden Euro an Benko gestellt
Heute beschäftigt der Deal, für den 2017 extra eine über die Feiertage geschlossene Behörde aufgesperrt hatte, Korruptionsermittler, Anwälte und Gerichte – und die Ruine in der Mariahilfer Straße 10 gilt den Wienern als ein unschönes Denkmal, das von Milliarden-Investitionen und traumhaften Renditen, von politischem Filz, von Hybris und Ehrgeiz und schließlich der größten Pleite der österreichischen Wirtschaftsgeschichte zeugt. „Danke, Benko“ hat jemand mit roter Farbe auf die Plakatwände vor der Bauruine gesprayt.
Seit zehn Monaten sitzt René Benko in Wien in Untersuchungshaft, ihm wird unter anderem Untreue und betrügerische Krida vorgeworfen, was sich als Betrug im Zusammenhang mit einem Bankrott übersetzen lässt. Tausende Gläubiger, Banken und Investoren aus Deutschland und Österreich fordern von Benko und seinen hunderten, größtenteils insolventen Signa-Firmen Milliardensummen zurück, in Deutschland ermitteln zwei Staatsanwaltschaften gegen den gebürtigen Tiroler – Millionen an Steuergeld hatte Deutschland über die Jahre in die insolvente Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof im Besitz von Benkos Signa gesteckt. Angestellte hatten auf Gehälter und ihr Weihnachtsgeld verzichtet, in der Hoffnung, so ihre Arbeitsplätze zu retten.
Neben Deutschland und Österreich laufen auch in Liechtenstein und Italien Verfahren gegen den einstigen Millionen-Investor und seine Mitarbeiter und Berater, die Korruptionsermittler haben längst länderübergreifende Untersuchungs-Teams zusammengestellt. In einem ersten Verfahren – nur ein Nebenstrang der umfassenden Ermittlungen – wurde Benko Mitte Oktober nicht rechtskräftig zu zwei Jahren Haft verurteilt, schon im Dezember soll ein weiteres Gerichtsverfahren folgen. Versuche von Benkos Verteidigung, den gefallenen Immobilien-Mogul aus der Untersuchungshaft zu holen, scheiterten bisher.
Wer ist der Mann, der über ein Geflecht aus hunderten Immobilien-Gesellschaften und Firmen zu einem der reichsten Österreicher aufstieg – nur um wenige Jahre später ins Visier der Staatsanwaltschaft zu geraten und vor Gericht zu landen? Wie konnte Benko so reich werden?
Benko war selten in der Schule, „aber er konnte was“, sagt eine frühere Lehrerin
Ehemalige Weggefährten oder Investoren äußern sich nicht gegenüber Journalisten, mit dem einst gefeierten Tycoon, oft Mittelpunkt schillernder Society-Events, will man heute nichts mehr zu tun haben. Benko stammt aus einfachen Verhältnissen, in seiner Heimatstadt Innsbruck brach er die Schule vor dem Abitur ab. Er sei selten in der Schule gewesen, „aber er konnte was“, sei charismatisch gewesen und habe „den Schalk im Nacken gehabt“, so beschrieb ihn später eine ehemalige Lehrerin in der Bild-Zeitung.
Nach dem Schulausstieg beschäftigte sich Benko mit Immobilien, Recherchen der Plattform „Addendum“ zufolge durchlief Benko Investment-Schulungen des umstrittenen Finanzdienstleisters AWD und dessen Chef Carsten Maschmeyer. Und dann hatte Benko eine zündende Idee. Er freundete sich mit dem Baumeister Johann Zitterer an, die beiden überredeten Innsbrucker Zinshausbesitzer, ihnen die Dachgeschosse von Altbauten zu überlassen, im Gegenzug für Investitionen, wie etwa den Einbau von Aufzügen.
Wie viel von den viereinhalb Milliarden Vermögen übrig sind, ist unklar
Benko und sein Partner bauten die Dachböden zu Luxuswohnungen um – um diese danach teuer zu vermieten oder weiterzuverkaufen. Schließlich tat sich Benko mit dem Tankstellen-Erben Karl Kovarik zusammen. Benko und seine Firma, die später der Kern seines Signa-Imperiums werden sollte, kauften das Innsbrucker Kaufhaus „Tyrol“, in bester Innenstadtlage. Ein erster Millionen-Deal, der Benko die Tür zum ganz großen Immobiliengeschäft öffnete – und der Startschuss für jenes Geschäftsmodell war, das Benko schließlich ein Vermögen von rund viereinhalb Milliarden Euro einbrachte. Wie viel davon übrig ist, ist unklar. Offiziell lebt er heute am Existenzminimum.
Immo-Experten und investigative Journalisten beschreiben Benkos Vorgehen, stark vereinfacht, in etwa so: Der Signa-Chef warb erfolgreich um Investoren, kaufte Liegenschaften, um diese in der Folge aufzuwerten, etwa durch Mietsteigerungen und Lagezuschläge. Die so erfolgte Wertsteigerung diente dann als Besicherung für wieder neue Kredite, und neue Investoren. Dabei hat Benko dieses Modell streng genommen nicht selbst erfunden – „aufwertungsbasierte Kreditvergabe“ nennen Fachleute das, was in der Branche unter den Großen seit langem gang und gäbe ist. Nötig war dafür nur ein Gutachten, das eine Wertsteigerung bescheinigt und ein Geldgeber, der einen neuen, höheren Kredit gewährt. Zahlt die Firma damit einen alten Kredit ab, bleibt Geld über – und das kann als Investitionskapital dienen.
„Das funktioniert so lange, wie die Zinsen niedrig bleiben“, erklärt Ökonom Leonhard Dobusch. Der Mitgründer des progressiven Think-Tanks „Momentum“ ist einer der wenigen wirklich profunden Kenner von Benkos Signa-Imperium. Seit Jahren studiert Dobusch Benkos Geschäftstaktiken – und die gesetzlichen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die jene ermöglichen. Und der Ökonom kennt den feinen Unterschied, den Benkos Masche ausmacht.
Den meisten Investoren soll klar gewesen sein, dass die Sache „vielleicht nicht ganz sauber“ war
„Benko machte alles an Kontakten selbst, bei großen Immo-Deals ist das unüblich gewesen. Normal trifft der Buchhalter der einen Firma den Buchhalter des Vertrauens der Gegenseite, es bleibt also auf einer Art ‚Stellvertreter-Experten-Ebene‘.“ Investoren, die sonst nicht auf einer derart persönlichen Ebene verhandelt hätten, seien von Benkos Detailwissen – und wohl auch von seinem Charisma – beeindruckt gewesen, sagt Dobusch: „Die gingen dann nach Hause und sagten, hej, ich habe den Benko getroffen. Den kennt ihr aus dem TV. Extrem netter Kerl, der kennt sich aus.“ Ein derart erzeugte persönliche Nähe sei ein wesentlicher Punkt an Benkos Modell gewesen.
Außerdem: Eine Art „fear of missing out“ in der Investoren-Szene – also die Angst, angesichts des Gewinne abwerfenden und immer weiter wachsenden Benko-Karussels, in einer Zeit niedriger Zinsen, hohe Dividenden zu verpassen. Hier sieht Dobusch eine Art Sogwirkung, die immer mehr und immer neue Investoren dazu brachte, Geld in Signa-Projekte zu investieren: „Benko zahlte in einer Zeit sehr niedriger Zinsen – für Staatsanleihen gab es damals gar keine – zwischen sieben und neun Prozent Rendite aus.“ Alles, was Benko gemacht habe, sei ein „riesiges Schönwetterprogramm zu inszenieren“ – also ein Geschäftsmodell anzupreisen, das auf niedrige Zinsen und stetig steigende Immobilien-Preise angewiesen sei.
Dabei sei den allermeisten Investoren bewusst gewesen, dass Benkos Imperium nie konsolidierte Bilanzen vorgelegt habe – und es damit ein gewisses Risiko gegeben habe. Dass die Sache schon damals in den Augen der meisten Geldgeber, wie Dobusch es ausdrückt, „vielleicht nicht ganz sauber“ gewesen sei. Aber: „Eine bestimmte Größe macht es einem leichter, zu investieren.“
In Österreich hat der Gesetzgeber Lehren aus der Signa-Pleite gezogen
Tatsächlich waren es große Insolvenzen in der Vergangenheit, die Dobusch früh auf die Geschäftspraktiken des Tiroler Selfmade-Milliardärs gestoßen haben. Da ist zum einen der Oberösterreicher Cevdet Caner, dessen „Level One“ Immo-Dienstleister in der Finanzkrise 2008 Insolvenz anmelden musste – wie Benko einer, der es aus einfachen Verhältnissen ganz nach oben schaffte und dann grandios scheiterte. Andererseits sah Dobusch in der Milliarden-Pleite des deutschen Investors Jürgen Schneider in den Neunzigern Parallelen zu Benkos Modell.
Dass damals wie heute Investoren naiv in Immobilien-Blasen stolperten, sei nicht richtig. Auch etwa bei der Subprime-Blase am US-Immo-Markt hätten Investoren gewusst, dass die Blase platzen würde. Allerdings nicht, wann genau: „Man hat das damals durchaus reflektiert. Man hat sich gesagt: ‚Eben genau, weil es eine Blase ist, müssen wir schnell machen.´“ Ändern sich die Rahmenbedingungen, etwa durch eine Finanzkrise oder eine Kehrtwende bei der Zinspolitik, bedeutet das den Zusammenbruch eines Geschäftsmodells, das auf stetigem Wachstum beruht.
Anders als in Deutschland hat in Österreich der Gesetzgeber erste Konsequenzen aus dem Signa-Desaster gezogen. Für Anteils-Verkäufe von Immobilien, wie einst bei Signa üblich, gilt seit kurzem ein neuer Grenzwert von 75 Prozent. Und dank einer EU-Verordnung gelten seit Anfang 2025 neue Kreditvergabe-Regeln bei Immobilien.
Ob und wer von Benkos Gläubigern im laufenden Insolvenzverfahren Geld zurückbekommen wird, ist ebenso unklar wie die Frage, ob und wie viel Geld Benko in Stiftungen geparkt hat. Die Staatsanwaltschaft wirft Benko vor, trotz der Insolvenzwelle in seinem Firmenimperium weiter einen „luxuriösen Lebensstil“ gepflegt zu haben. Die Frage, ob Benko selbst der faktisch Bevollmächtigte der von ihm eingerichteten Privat- und Familienstiftungen ist, die bei Immo-Deals häufig dazwischen geschaltet wurden, steht im Zentrum der Ermittlungen der Staatsanwaltschaften. Für Benko und alle anderen Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.
Und die Bauruine auf der Wiener Mariahilfer Straße? Sie hat längst einen neuen Besitzer. Der Wiener Investor Georg Stumpf hat sie vor einem Jahr gekauft. Nun lässt er das, was von Benkos einst grandiosen Plänen übrig blieb, abreißen. Ein Hotel soll dort entstehen, auch eine öffentliche Dachterrasse soll dabei sein, und: ein neues Kaufhaus.
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