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Warum Frauen heute Armanis Krawatten und keine Stöckelschuhe mehr brauchen

Giorgio Armani

Modedesignerin sagt: „Gerade heute brauchen Frauen Armanis Krawatten dringender denn je“

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    Giorgio Armani schickte Frauen gerne mit Krawatte auf den Laufsteg. Die Modedesignerin Mara Michel ist überzeugt: Der Italiener war auch ein politischer Mensch.
    Giorgio Armani schickte Frauen gerne mit Krawatte auf den Laufsteg. Die Modedesignerin Mara Michel ist überzeugt: Der Italiener war auch ein politischer Mensch. Foto: AFP

    Frau Michel, Sie sind Geschäftsführerin des Berufsverbandes für Mode und Textil-Design, die Fashion Community, und selbst Designerin. Was bleibt vom verstorbenen Giorgio Armani?

    MARA MICHEL: Sehr viel! Denn Armani verstand es wie kein anderer zu spüren, wie wir Frauen, aber auch wie Männer sich kleiden möchten. Mit seinem eleganten, feinnervigen, unglaublich sensiblen Stil, seinen minimalistischen Farben, seinen wunderbaren Stoffen hat er es verstanden, den Geschmack eines Großteils der Menschen in Europa zu treffen. Das ist großartig! Sein Stil ist prägend für ganz viele junge Menschen in der Mode. Das weiß ich, ich unterrichte ja auch an Modeschulen. Und Armanis Stil, seine Modenschauen zeigten stets, dass er nicht nur ein großer Ästhet, sondern vor allem auch ein politisch denkender Mensch war.

    Wie meinen Sie das?

    MICHEL: Denken Sie nur an die Krawatten, die er den Frauen in den 90er Jahren angezogen hat – Julia Roberts beispielsweise trug damals Anzug und Krawatte. Armanis Kleidung hatte damit eine ganz klare Botschaft: Es ist Zeit für Gleichberechtigung! Lasst die Frauen endlich ins Business, lasst die Frauen endlich gleichberechtigt in die Chefetagen, die können das! Und gerade heute, vor dem Hintergrund dieser vielen neuen Machos in Politik und Wirtschaft brauchen Frauen Armanis Krawatten dringender denn je. Armani hat sie in seinen aktuellen Kollektionen auch wieder stark gezeigt, das tat er bewusst. Und er zeigte Frauen auch mit schwarzen Fliegen an einem hohen Kragen, wie gesagt, Armani war ein hoch politischer Mensch. Ich selbst trage nun wieder eine Glitzer-Krawatte in vielen Sitzungen, bewusst als Zeichen. Armani machte im Übrigen auch Schluss mit den Törtchen-Frauen.

    Mit wem?

    MICHEL: Mit den Törtchen-Frauen, also den Frauen, die auf Stöckelschuhen umher stolzieren müssen, um Männern als Törtchen zu gefallen. Bei Armani trugen die Frauen in seiner letzten Show flache Schuhe. Ich bin immer wieder entsetzt, wenn ich im Fernsehen sehe, dass Moderatorinnen in engen Hosen oder Röcken und Stöckelschuhen auftreten. Wer zwingt sie nur, diese Schuhe anzuziehen? Die Zeit von Stöckelschuhen, von diesem ganzen Sexy-Gehabe, ist endgültig vorbei, Stöckelschuhe kann man getrost aussortieren

    Mara Michel ist seit 20 Jahren Geschäftsführerin des Berufsverbandes für die Fashion Community.
    Mara Michel ist seit 20 Jahren Geschäftsführerin des Berufsverbandes für die Fashion Community. Foto: Gerd Michel

    Armani stand vor allem auch für eine zeitlose, wunderbar schlichte Eleganz. Wenn man sich so umguckt, hat man oft den Eindruck, diese Zeit ist auch vorbei, oder?

    MICHEL: Die kommt aber wieder, davon bin ich überzeugt, Jil Sander hat das ja ebenfalls bewiesen.

    Was macht Sie da so sicher?

    MICHEL: Zum einen hilft uns die Migration. Viele Menschen aus südlichen Ländern haben ein inneres Bedürfnis, sich schön zu machen, sich gut zu kleiden. Sie werden mehr und beeinflussen uns. Uns Deutschen ist das leider ein wenig abhanden gekommen, wir haben es uns zu bequem gemacht, bei uns muss alles zu oft in erster Linie zweckmäßig sein. Außerdem gibt es in der Mode vier große Strömungen, die Hoffnung machen.

    Welche sind das?

    MICHEL: Die erste Strömung wird von Labels umgesetzt, die auf Armanis minimalistische, sehr reduzierte Eleganz setzen. Die zweite Strömung setzt auf die Natur. Hier können wir uns schon jetzt auf den Sommer 2026 freuen, denn bei diesem Mode-Trend blüht der ganze Körper auf, so viel Blumen haben selten auf Kleidern geblüht. Dieser Strömung ist auch der Nachhaltigkeitsgedanke sehr wichtig. Es ist eine Strömung, die weltweit erfreulicherweise zunimmt.

    Frauen in Hosenanzügen und mit Fliege - Armanis Stil prägt viele junge Modedesignerinnen und Designer, sagt eine Expertin.
    Frauen in Hosenanzügen und mit Fliege - Armanis Stil prägt viele junge Modedesignerinnen und Designer, sagt eine Expertin. Foto: AFP

    Und die anderen Strömungen?

    MICHEL: Die dritte Strömung ist global geprägt und will die verschiedenen Kulturen weltweit repräsentieren. Diese Mode zeichnet sich durch eine intensive Farbigkeit aus und hat auch folkloristische Ansätze. Und die vierte Strömung ist die KI, also die künstliche Intelligenz.

    Das heißt, KI übernimmt Jobs?

    MICHEL: Nicht unbedingt. Klug eingesetzt, sorgt KI in der Mode dafür, dass wir viel ressourcensparender produzieren können, weil alle Entwürfe an Avataren gezeigt und geprüft werden. Bis eine Kollektion auf dem Markt ist, war es bisher üblich, dass im Vorfeld Unmengen an realen Entwürfen gefertigt wurden, also unglaublich viel Stoff gebraucht wurde, der meist komplett auf dem Müll landete. Das lässt sich mit dem Ziel nachhaltiger Mode nicht vereinbaren.

    Aber ist nachhaltige Mode wirklich so angesagt? Oft hört man, dass es doch vor allem noch immer billig sein muss...

    MICHEL: Aber schauen Sie doch, wie viele junge Menschen sich nur noch vegetarisch oder vegan ernähren und wie viele Restaurants sich darauf eingestellt haben. Vielleicht ist das Essen hier weiter als die Mode. Aber ich bin sicher: Wir werden von der billigen Massenware wegkommen müssen, da gibt es gar keinen anderen Weg. Und die Mode ist immer ein Spiegel der Gesellschaft.

    Macht die Modeindustrie da mit?

    MICHEL: Die Modeindustrie noch nicht. Aber es ist leider kaum bekannt, wie viele junge Mode-Startups wir in Deutschland haben. Sie setzen alle auf eine nachhaltige Produktion und wollen hier in Deutschland in kleinen Manufakturen Mode herstellen. Hier helfen wir bei den Gründungen. Sie brauchen allerdings finanzielle Förderungen, anders schaffen sie es nicht. In einigen Bundesländern tut sich hier zum Glück langsam etwas. Diese Mode-Manufakturen müssten aber viel stärker unterstützt werden.

    Bis ins hohe Alter arbeitete Armani Tag für Tag. Nun ist er gestorben.
    Bis ins hohe Alter arbeitete Armani Tag für Tag. Nun ist er gestorben. Foto: Claudio Onorati/ANSA/dpa

    Da wären wir dann wieder bei Armani: Seine Kollektionen sind für viele völlig unerschwinglich und auch Mode aus kleinen Manufakturen ist doch teuer, oder?

    MICHEL: Ich gebe Ihnen recht: Armani war und ist ein Luxuslabel, Armani-Mode kann sich wirklich nicht jeder leisten. Manufakturen erlauben jedoch Preise, die leistbar sind für alle, es muss sich bei der Mode nur ein höheres Qualitätsbewusstsein durchsetzen. Es kann doch keiner wollen, dass wir weiterhin unzählige Tonnen Kleidung vernichten und verbrennen und immer wieder billigste Massenware kaufen, obwohl die Kleiderschränke längst übervoll sind. Jeder, der einmal drüber nachdenkt, wird zu dem Schluss kommen: lieber ein paar schöne, qualitativ wertvolle Kleidungsstücke, die wirklich passen, als diesen billigen Ramsch, der oft gar nicht kleidsam ist. Armani macht es vor: Konzentrieren wir uns auf zeitlose nachhaltige Eleganz, sie kleidet jeden.

    Zur Person

    Mara Michel ist seit 20 Jahren Geschäftsführerin des Berufsverbandes für die Fashion Community, vorher war sie 20 Jahre deren Präsidentin. Im Deutschen Kulturrat Berlin ist sie Sprecherin für Design. Sie ist selbst Modedesignerin und hat italienische und preußische Wurzeln.

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