Ist Deutschland der „Puff Europas“? Bundestagspräsidentin Julia Klöckner hat mit ihren Aussagen die Debatte um ein Prostitutions- und Sexkaufverbot hierzulande neu befeuert. Doch was ist dran an ihrer Behauptung? Was spricht für und was gegen ein Verbot? Und wie ist die Lage in der Region? Die wichtigsten Antworten:
Warum gibt es die Debatte um ein Sexkaufverbot in Deutschland 2025?
Klöckner (CDU) sprach sich im Rahmen einer Laudatio bei der Verleihung des Heldinnen-Awards in Berlin . „Wenn wir sonst über Frauenrechte sprechen, aber sagen, dass Prostitution ein Beruf wie jeder andere sei, dann ist das nicht nur lächerlich, sondern Verächtlichmachen von Frauen“, erklärte die Politikerin. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (ebenfalls CDU) sprang ihr bei. Beide setzen sich für das sogenannte Nordische Modell ein, das lediglich den Kauf sexueller Dienstleistungen bestraft und Bordelle verbietet, der Verkauf von Sex bleibt dabei jedoch straffrei. Prostituierte hätten also keine Strafen zu befürchten, Freier hingegen schon.
Ist Deutschland wirklich der „Puff Europas“?
Ob Deutschland wirklich die Bezeichnung „Puff Europas“ verdient hat, ist nicht zweifelsfrei zu klären. Insbesondere deshalb, da kaum Zahlen über Prostitution in Europa vorliegen – und bei der Zahl der Sexarbeiterinnen und -arbeiter von einer riesigen Dunkelziffer ausgegangen wird. Offiziell waren zum Jahresende 2024 in Deutschland rund 32.300 Prostituierte gültig angemeldet, wie beim Statistischen Bundesamt (Destatis) nachzulesen ist. 2170 Prostitutionsgewerbe, also unter anderem Bordelle, gibt es demnach hierzulande.
Schätzungen, die auch illegale Prostitution einbeziehen, liegen aber um ein Vielfaches höher. Die Frauenrechtsorganisation Solwodi geht davon aus, dass zwischen 250.000 und 400.000 Menschen mit Sexarbeit ihr Geld verdienen. Die Gewerkschaft Verdi ging bereits 2014 von einem jährlichen Umsatz im Rotlichtgewerbe von 14,5 Milliarden Euro aus. In Grenznähe zeigen sich die Auswirkungen unterschiedlicher Gesetzgebungen. Weil der Sexkauf in Frankreich verboten ist, wird etwa das Saarland seit Jahren zum Ziel vieler französischer Freier.
Was ist das Sexkaufverbot? Welche Argumente gibt es in Deutschland dafür?
Die bislang gültige Gesetzgebung schütze Prostituierte nicht ausreichend, argumentierte Klöckner. Das sieht man auch bei Renovabis so, dem Osteuropa-Hilfswerk der katholischen Kirche. Es setzt sich für ein Sexkaufverbot ein – und befürwortet ebenfalls das Nordische Modell. Renovabis-Sprecher Matthias Dörr erklärt auf Nachfrage, das Modell sei „die Regelung, die auf der Seite der Frauen steht“. Prostitution beruhe immer auf einem Machtgefälle – ein großer Teil der Sexarbeiterinnen sei nicht freiwillig in der Branche tätig. Die Situation würde sich mit der Neuregelung zudem insofern verbessern, weil die betroffenen Frauen – von denen ein Großteil aus Osteuropa kommt – nicht in Konflikt mit dem Gesetz geraten würden und deshalb gegen an ihnen verübte Gewalt vorgehen könnten. Außerdem, erläutert Dörr, „beeinflussen Gesetze auch das Bewusstsein“, sodass es nicht mehr als normal angesehen werde, sich eine Frau zu kaufen.
Was zusätzlich für ein Verbot von Prostitution sprechen könnte, sind die Ergebnisse einer Studie, die vor einigen Jahren am Alfred-Weber-Institut für Wirtschaftswissenschaften der Universität Heidelberg erhoben wurde. Sie kommt zu dem Schluss, dass in Ländern ohne gesetzliches Prostitutionsverbot Menschenhandel in einem größeren Umfang registriert werde als in solchen, in denen Prostitution verboten sei. Die Mehrzahl der Opfer von Menschenhandel seien Frauen und Mädchen, die zur Arbeit in der Prostitution gezwungen würden, hieß es damals bei Veröffentlichung der Studie.
Welche Argumente sprechen gegen das Sexkaufverbot nach Nordischem Modell?
Generell sind Erfolg oder Misserfolg des Nordischen Modells umstritten – auch in den Ländern, in denen es bereits gilt. Der Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD) reagierte mit einem Statement auf Klöckners Aussagen und die Forderung nach der Einführung des Modells. Darin heißt es: „Verbote schaden genau den Sexarbeiter*innen am massivsten, denen sie am meisten helfen sollen.“ Die Erfahrungen aus Ländern wie Frankreich und Schweden zeigten, so die Erklärung, dass Sexkaufverbote zu keiner Verbesserung führten und die Prostituierten stattdessen in die Illegalität gedrängt, ihre Sicherheitsnetze zerstört und ihre gesellschaftliche Stigmatisierung verschärft würden. Die Sicherheit von Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern lasse sich „nicht mit dem Zerstören ihrer Lebensgrundlage in Einklang bringen“.
Wie handhaben andere Länder Prostitution und Sexarbeit?
In Europa gelten ganz unterschiedliche Gesetze bezüglich Prostitution und Sexarbeit. Die Mehrheit der Staaten kann dabei laut der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes aber grob in vier Gruppen eingeteilt werden:
- Generelles Verbot von Prostitution: Albanien, Kosovo, Montenegro, Serbien, Ukraine
- Nordisches Modell: Frankreich, Irland, Island, Norwegen, Schweden, Nordirland
- Prostitution legal und reguliert: Deutschland, Niederlande, Griechenland, Österreich, Schweiz, Lettland, Ungarn
- Prostitution legal und unreguliert: Estland, Finnland, Italien, Luxemburg, Malta, Portugal, Großbritannien
In einigen Ländern, darunter Frankreich und Schweden, gilt das Nordische Modell. Es sieht neben dem Sexkaufverbot und der Entkriminalisierung der Prostituierten auch Aufklärungsarbeit und Aussteigerprogramme für Betroffene vor.
Daneben gibt es Staaten, in denen Prostitution legal und reguliert ist – es also beispielsweise wie in Deutschland gesetzliche Vorgaben für Prostituierte und Betreiber von Bordellen gibt. In Staaten, in denen Sexarbeit generell legal und unreguliert ist, gibt es Unterschiede. In manchen von ihnen sind etwa Bordelle oder Zuhälterei verboten. Außerdem gibt es, gerade im Osten und Südosten Europas, auch Länder, in denen sowohl das Anbieten als auch das Verkaufen von sexuellen Dienstleistungen grundsätzlich verboten sind.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren