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20 Jahre Sommermärchen: War die Fußball-WM 2006 ein Nährboden für den heutigen Erfolg der AfD?

Sommermärchen

Einigkeit und Recht und Rechtsruck: War die Fußball-WM 2006 ein Nährboden für die AfD?

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    Berlin in Schwarz-Rot-Gold: Etwa 100.000 Fans bereiteten dem DFB-Team nach dem Sieg im Spiel um Platz drei einen euphorischen Empfang.
    Berlin in Schwarz-Rot-Gold: Etwa 100.000 Fans bereiteten dem DFB-Team nach dem Sieg im Spiel um Platz drei einen euphorischen Empfang. Foto: Achim Muth

    Manchmal genügen kleine Szenen, um etwas Großes sichtbar zu machen. Die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland war mehr als ein Fußball-Turnier. Sie war ein sonnendurchflutetes Gutelaunefest, das heute als „Sommermärchen“ genauso verehrt wie verklärt wird, und sie war die Geburtsstunde eines neuen Patriotismus hierzulande. 20 Jahre liegt das zurück. Merkel-Jahre. 20 Jahre, in denen sich Deutschland verändert hat und die zu einer auf den ersten Blick verwegenen Frage führen: Ist der heutige Erfolg der AfD auch ein Vermächtnis der WM 2006?

    Es ist der Tag vor dem Achtelfinalspiel der deutschen Nationalelf gegen Schweden, als an der Berliner S-Bahn-Station Waidmannslust die Klasse 5a der Katholischen Salvatorschule auf die S1 wartet. Viele der Jungs haben Trikots an. Die Vorrunde hat die von Bundestrainer Jürgen Klinsmann betreute und auf Offensivfußball getrimmte Nationalelf mit drei Siegen aus drei Spielen abgeschlossen. Deutschland ist nach Jahren des Rumpelfußballs in einem kollektiven Dauerjubel. Der Torschrei nach dem späten 1:0-Siegtreffer gegen Polen war aus Dortmund bis an den Alpenrand zu hören gewesen.

    Plötzlich singen Schulkinder die Nationalhymne

    Als in Waidmannslust die Bahn einfährt, umarmen sich plötzlich vier, fünf Schüler, wie es neuerdings auch Schweinsteiger und Klose und Ballack vor Spielen machen, und singen die deutsche Nationalhymne. Einigkeit und Recht und Freiheit aus Kinderkehlen, das ist genauso verrückt wie plötzlich all diese schwarz-rot-goldenen Überzieher für Autospiegel und Deutschlandfahnen an Balkonen. Claudia Flor ist die Klassenlehrerin, Deutsch und Religion. Sie geht dazwischen und rügt den Knabenchor: „Das könnt ihr zu Hause machen, aber nicht hier“, sagt sie resolut und gibt einige Tage später im Gespräch mit unserer Redaktion zu: „Ehrlich, ich bin noch nicht so weit.“

    Deutschland ist ein Fußballland, aber Deutschland hat eine Geschichte. Die Gräuel des Nationalsozialismus sind nicht vergessen, und sie sind eine Verpflichtung: Nie wieder. Zu Schuld und Sühne gehörte seit Jahrzehnten ein gedämpfter Umgang mit Nationalsymbolen. Und jetzt leuchtet ein ganzes Land in Schwarz-Rot-Gold. Klinsmann lebt in Kalifornien und hat dem Team nicht nur amerikanische Fitnesstrainer mit Gummibändern beschert. Der Sonnyboy wünscht sich auch eine breite Unterstützung des Volkes, einen Patriotismus à la USA.

    Aber es ist Abwehrspieler Christoph Metzelder, der als Erster aus dem DFB-Team das neue Nationalbewusstsein befeuert: „Auch bei allem, was in diesem Land in der Vergangenheit passiert ist, halte ich es für eine überfällige Entwicklung“, sagt er nach dem 4:2-Auftaktsieg gegen Costa Rica. Die Nationalhymne sei für ihn der emotionale Höhepunkt eines Länderspiels. Er glaubt, die Leute würden nicht in Sieg und Niederlage denken, die WM habe sich losgelöst vom Team. Im Spiegel wird er so zitiert: „Meine Generation ist ja in einer der stabilsten Demokratien der Welt aufgewachsen. Wir vergessen die Mahnung dieser zwölf Jahre der Nazi-Zeit nicht, wir haben sie im Kopf. Aber wir können unbefangen und unbekümmert leben, und so können wir auch Fußball spielen.“

    Sportsoziologe Sven Ismer sagt: „Es ist hoffähig geworden, eine rechtsradikale Partei zu wählen“

    Der Sportsoziologe Sven Ismer von der Universität Marburg hat für sein Buch „Wie der Fußball Deutsche macht“ die Fernsehberichterstattung rund um das Sommermärchen analysiert. Der 55-Jährige gehört einer Generation an, wie er sagt, „die ein distanziertes Verhältnis zum Patriotismus hat“. Dass plötzlich von der breiten Bevölkerung die Nationalhymne gesungen wird und Flaggen geschwungen werden, fand Ismer irritierend: „Es gab seit Jahrzehnten eine gesellschaftlich akzeptierte Norm, die besagte: Wer so etwas macht, ist vom rechten Rand.“

    So habe die WM 2006 ihren Teil dazu beigetragen, „dass es eine langfristige Legitimierung von eher nationalistischen, in der Tendenz rechten Positionen gegeben hat. Es wurde eine normative Verteidigungslinie niedergerissen.“ Was der Sportsoziologe meint: „Die Zurückhaltung wurde abgelegt. Dieses Misstrauen gegenüber rückhaltlosem Patriotismus gibt es seitdem kaum noch.“ Ismer nennt das Beispiel der AfD und ihre rhetorischen Anleihen beim Nationalsozialismus. Es sei heute noch ein Skandal, wenn mit Nazi-Parolen agiert werde. „Aber früher hätte das viel mehr Menschen dazu gebracht, sich abzuwenden und zu sagen: ‚Diese Leute kann man nicht wählen.‘“ Heute schäme sich niemand mehr, eine Partei wie die AfD zu wählen. „Ob das nun wirklich patriotisch ist oder eher im Sinne Putins, sei dahingestellt. Es ist jedenfalls hoffähig geworden, eine rechtsradikale Partei zu wählen.“

    Der damalige DFB-Pressesprecher Harald Stenger (rechts) und unser Autor und WM-Reporter 2006, Achim Muth.
    Der damalige DFB-Pressesprecher Harald Stenger (rechts) und unser Autor und WM-Reporter 2006, Achim Muth. Foto: Achim Muth

    Die Welt zu Gast bei Freunden. So lautete das Motto der WM 2006. „Aber heute erwarten wir demnächst bei den Landtagswahlen im Osten Deutschlands, dass die rechten Rattenfänger deutlich über 40 Prozent kommen“, sagt Harald Stenger. Der 75-jährige Hesse hat diese verrückten Tage damals hautnah miterlebt. Er war der Pressesprecher der Nationalmannschaft. Wobei: In den WM-Tagen war er Regierungssprecher der Bundesrepublik Fußballland. Die Pressekonferenzen aus dem riesigen ICC in Berlin wurden live im TV übertragen, noch dominierten Fernseh- und Printberichterstattung – das iPhone kam erst 2007 auf den Markt. Bei der WM waren mehr als 4000 schreibende Journalisten aus aller Welt akkreditiert und über 1000 Fotografen.

    Harald Stenger, der frühere DFB-Sprecher, sagt: „Wir Deutschen konnten plötzlich fröhlich sein“

    Stenger hat Klinsmann und das Team dafür gewonnen, offensiv in die Medien zu gehen. „Es gab parallel zu den Pressekonferenzen immer auch Einzelgespräche oder Gruppeninterviews mit Spielern und Trainern“, erinnert er sich. Er bezeichnet die WM als ein Geschenk, „sie hat das Bild der Deutschen im Ausland verändert. Wir Deutschen konnten plötzlich lustig und fröhlich sein“.

    Verantwortlich dafür sei einerseits der sportliche Erfolg gewesen mit dem Erreichen des Halbfinales und danach dem Sieg im Spiel um Platz drei, „denn das positive und erfolgreiche Auftreten des Teams weckte die Begeisterung im Land. Dadurch haben sich Millionen hinter der Nationalelf versammelt und sich mit ihr identifiziert“. Andererseits sei es das Verdienst eines Mannes gewesen, „der leider heutzutage zu wenig gewürdigt wird in der Retrospektive: Franz Beckenbauer. Diese WM hatte den Geist von Franz. Seine Lockerheit, seine Bekanntheit, seine ständige Präsenz, sein Lachen haben dazu beigetragen, ein sympathisches Bild in die Welt zu senden.“

    Es ist eine Ironie des Schicksals, dass 2016 die Enthüllungen um Schmiergeldzahlungen rund um die Vergabe der WM 2006 dazu beigetragen haben, dass die deutsche Fußball-Ikone arge Schrammen davontrug. Beckenbauer zog sich – auch krankheitsbedingt – in den Folgejahren immer mehr zurück. Er starb im Januar 2024 im Alter von 78 Jahren.

    Die zwei wohl größten Hauptfiguren der damaligen Zeit: Fußball-Legende Franz Beckenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel.
    Die zwei wohl größten Hauptfiguren der damaligen Zeit: Fußball-Legende Franz Beckenbauer und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Foto: WDR, dpa (Archivbild)

    Sportlich hat der Wettbewerb indes auch die Basis gelegt, die acht Jahre später zum Titelgewinn in Brasilien führte. Gesellschaftspolitisch sei Deutschland jedoch heute die Leichtigkeit und die Fröhlichkeit des Sommermärchens abhandengekommen, sagt Harald Stenger. Er erinnert noch an die WM 2010, wo die deutsche Elf dann bereits unter Bundestrainer Joachim Löw erneut ins Halbfinale kam und von der Welt als Multi-Kulti-Team gefeiert wurde. „Elf Spieler des Kaders hatten einen Migrationshintergrund. Ich kann mich an die Schlagzeile einer südafrikanischen Zeitung erinnern: You are the real rainbow nation.“ Die Deutschen also als wahre Regenbogen-Nation. Und heute? „Heute hat eine politische Entwicklung eingesetzt, die unseren damaligen Zielen diametral entgegensteht.“

    Für Dorothee Bär gehört die WM 2006 zu ihren schönsten Erinnerungen

    Sportsoziologe Sven Ismer sieht zwar, dass Fußballverbände immer wieder Aktionen gegen Rassismus machen. „Das Problem ist, dass diese Verbände nicht die größte Glaubwürdigkeit haben. Ich halte die Wirkung für sehr begrenzt.“ Er erinnert an die Aktion der Nationalelf mit der Regenbogenbinde bei der WM 2022 in Katar. „Eine Botschaft der Mannschaft ist dann glaubwürdig, wenn sie sportlich abliefert.“ Im Fußball gehe es nun einmal darum: Wir gegen die anderen. Wer ist besser? „Das ist die Grundstruktur, und da wäre es naiv zu glauben, Fußball habe nichts mit Politik zu tun. Ich denke, eine Fahne ist immer politisch.“

    „Ein gesunder, weltoffener Patriotismus ist kein Nährboden für Extremismus“, findet Dorothee Bär (CSU), Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt.
    „Ein gesunder, weltoffener Patriotismus ist kein Nährboden für Extremismus“, findet Dorothee Bär (CSU), Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Foto: Markus Lenhardt, dpa (Archivbild)

    Dorothee Bär sieht das anders. Die Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt ist glühender Fußball-Fan. Die 48-Jährige aus Ebelsbach im Landkreis Hassberge sitzt im Verwaltungsbeirat des FC Bayern München. Seit 2002 ist die CSU-Politikerin Mitglied des Bundestags. Für sie gehört die WM 2006 zu ihren schönsten Erinnerungen: „Es lag etwas in der Luft, das wir als Nation so vorher vielleicht nicht wirklich kannten: eine Leichtigkeit, eine Fröhlichkeit und auch eine Offenheit. Wir waren die perfekten Gastgeber.“ Auch Bär findet, dass sich durch das Sommermärchen der Umgang mit nationalen Symbolen verändert habe: „Die schwarz-rot-goldenen Fahnen an den Autos waren Ausdruck von Lebensfreude. Wir waren stolz auf die eigene Mannschaft und auf uns selbst, ohne uns anderen Nationen überlegen zu fühlen.“ Flagge zeigen sei zu etwas Selbstverständlichem geworden: „Über alle politischen Lager hinweg hat sich ein kultureller Normalfall etabliert.“

    Das Vermächtnis des Sommermärchens

    Ismers These, dass das Turnier einen Beitrag zum Erstarken der Rechten geleistet hat, stimmt die Ministerin jedoch nicht zu: Dies habe mit Verunsicherung durch weltweite Krisen zu tun, mit Vertrauensverlust in Institutionen „und mit ungelösten Fragen mit hohem Konfliktpotenzial – von der Klima- bis zur Migrationspolitik“. Die These werde auch dadurch widerlegt, so Dorothee Bär, „dass wir in nahezu allen westlichen Ländern ein Erstarken populistischer und extremistischer Parteien feststellen können, ganz ohne sportliches Großereignis“. Deshalb betont sie das Gegenteil: „Ein gesunder, weltoffener Patriotismus ist kein Nährboden für Extremismus.“ Das Vermächtnis des Sommermärchens könnte für sie sogar Teil der Lösung sein: Politik wie Gesellschaft müssten den Begriff Heimat sowie nationale Symbole positiv besetzen und so die Lebensfreude aus der WM 2006 weitertragen: „Wer sein Land liebt, spaltet es nicht.“

    Als die 5a von ihrem Schulausflug in Berlin zurückfährt nach Waidmannslust, erzählt damals Lehrerin Claudia Flor, singen die kleinen Fünftklässler wieder die Nationalhymne in der S-Bahn. Gegenüber sitzt ein älteres Ehepaar. „Mir war die Situation echt peinlich“, sagt die Klassenleiterin. „Aber dann legte plötzlich der Herr eine Hand aufs Herz und sang aus vollem Halse mit.“

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