So hell und silbern wie gerade scheint die Zukunft im Hintergrund nicht immer auf. Da ragt eines dieser riesig-runden Ariane-6-Bauteile Richtung Hallendach bei MT Aerospace. Und davor steht Dorothee Bär. Wie eine große Sonne aus Aluminiumverbundstoff wirkt das Raketenstück hinter der Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Mal geht die Sonne auf, mal geht sie unter. Bisher ist sie noch jeden Morgen wieder aufgegangen.
Qua Amt ist Bär also für Zukunft zuständig. Und an diesem Montag im Januar hat sie Ortstermine bei zwei Unternehmen, die massiv am Firmament wirtschaften. Bär ist in der „Space City“. So nennt sie Augsburg. Die CSU-Politikerin besucht zwei Tochtergesellschaften des börsennotierten Bremer Raumfahrt- und Technologiekonzern OHB. Dessen Boss, Marco Fuchs, ist angereist. Ulrich Scheib, Vorstandsvorsitzender von MT Aerospace, führt den Firmenrundgang an. Danach wird der Ministerinnen-Tross noch in der Rocket Factory, dem berühmtesten Startup der Stadt, andocken. Zunächst aber erkundet Bär die fast unendlichen Weiten der Produktionshallen von MT Aerospace. Das Unternehmen hat als Zulieferer von Tanks und Außenhaut Teil am Erfolg der europäischen Rakete Ariane 6, prosperiert, stellt zusätzliches Personal ein und will nun auch Weltraum-Tankstellen entwickeln und bauen.
3-D-Modell einer Weltraum-Tanke für Ministerin Dorothee Bär
Dorothee Bär bekommt ein 3-D-Modell so einer Space-Tanke überreicht. Über eine Stunde hat sie, Politprofi-Routine, interessiert zugehört, sachkundig nachgefragt und auch mal Hand an ein Luftverteidigungssystem gelegt. MT Aerospace ist auch im Rüstungssektor als Zulieferer unterwegs. Zwischendrin, auf der kleinen Tour, ist sie auch ihrem Parteichef begegnet. Bei einem Tisch mit 3-D-Drucken sieht man Markus Söder auf einem Foto, wie er ziemlich freudig eine Mandalorian-Miniatur in den Händen hält. Mit dem Starwars-Fan Söder ist in Bayern (und zum Teil auch in Berlin) die Macht. In der CSU kann er Sonnen auf- und untergehen lassen.
Bär hat von ihm nach der Bundestagwahl einen Posten bekommen, der viele Chancen birgt. Für sie und das Land. Die 47-Jährige ist schon ewig in der Spitzenpolitik. Im Bundestag ist die Fränkin, Mutter dreier Kinder, seit 2002. Sie war schon Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium, Staatsministerin und Bundesbeauftragte für Digitalisierung, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Nun also Ministerin für Zukunft.
Was soll die Hightech-Agenda?
Im Oktober stellte sie im Berlin Gasometer, dort wo auch der Koalitionsvertrag unterzeichnet worden war, mit Bundeskanzler Friedrich Merz die Hightech-Agenda der Regierung vor. Die soll Deutschland mit Milliarden (wieder) zum führenden Standort für neue Technologien machen. Bei KI, Quantentechnologien, Mikro- und Biotechnologie, bei der Fusion, klimaneutraler Energieerzeugung und Mobilität. Alles Innovationspolitik, und die, sagte Merz, habe höchste Priorität. Bär hat also was vor. In Augsburg klingt das zum Beispiel so: „Wir haben Unternehmen, die weltweit vorne mitspielen können.“ Der ganze Großraum in Südbayern, ob Augsburg oder München, sei ein großes Ökosystem, das sich vernetzt. „Das ist ganz entscheidend.“
Was auch im Job immer hilft: Bär ist selbst sehr gut vernetzt. Auch mit dem Berliner CSU-Strategen Alexander Dobrindt. Sie ist präsent in Talkshows und sozialen Netzwerken. Allerdings zählte sie nie zu den Publikumslieblingen im eigenen Laden, zu viel Fassade, zu wenig Substanz, lästern manche. Auf dem Parteitag im Dezember kassierte sie bei der Wahl der CSU-Vizes das schwächste Ergebnis – wieder einmal. Es war aber ohnehin ein Tag zum Vergessen für Bär. Als sie in der Rede von CSU-„Sonnenkönig“ Söder endlich erwähnt wurde, ging ein Raunen durch den Saal. „Keine Frage, wir erwarten uns nicht viel von dir, aber viel Geld nach Bayern, liebe Doro, he, he, das wäre schön“, sagte der Chef über seine Ministerin – und selbige hatte unten in der ersten Reihe sichtlich Mühe, Contenance zu wahren.
Warum sagte Söder, was er auf dem Parteitag über Bär sagte?
Eine bewusste Geringschätzung, eine Stichelei oder doch nur ein verunglückter Satz aus dem Affekt heraus? Hinter den Kulissen jedenfalls wird viel getuschelt seitdem und selbst einen Monat später, bei der Klausur der CSU-Bundestagsabgeordneten in Kloster Seeon, war Söders Fauxpas noch ein Thema. Er selbst räumte ein, dass der Spruch daneben gewesen war und entschuldigte sich in der Landesgruppe demonstrativ bei Bär. Doch was bleibt, ist der Eindruck, dass „die Doro“ nach all den Jahren eben immer noch ein bisschen belächelt wird. Nach außen gibt sie sich abgeklärt: „Ich wusste schon, während er es gesagt hat, dass er es nicht so meint. Er hat sich mittlerweile mehrfach dafür entschuldigt. Und jetzt ist auch mal wieder gut“, sagte sie dieser Tage der Süddeutschen Zeitung. Bär ist Kummer gewohnt, sie trat schon als Jugendliche in die Junge Union und später in die Partei ein, in der es junge Frauen nicht leicht haben. Erst recht damals nicht.
In Berlin hängt ihr immer noch ihre Zeit als Staatsministerin unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) nach. Seinerzeit sollte das Land schon einmal digital werden, doch Bär konnte mit kleinem Stab im Kanzleramt wenig voranbringen – außer schicke Bilder auf Instagram. Sie weiß sich in Szene zu setzen. Mode ist für sie kein lästiges Muss, sondern Lust an verschiedenen Stilen und leuchtenden Farben. Bär kann in einem Raum zum Zentrum werden, allein wenn sie ihn betritt. Bei den Wählerinnen und Wählern in der fränkischen Heimat ist sie ohnehin beliebt, holte bei der Bundestagswahl mit 50,5 Prozent der Erststimmen das beste Ergebnis in ganz Deutschland. Zwar kam ihr zugute, dass es in ihrem Wahlkreis keinen AfD-Kandidaten gab. Aber was solls: Bestes Ergebnis ist bestes Ergebnis.
Die Digitalpolitik der Bundesregierung macht jetzt der frühere Manager Karsten Wildberger. Ein Vorteil, wenn man so will. Und Bärs Vorgänger an der Spitze des Forschungsressorts hatten den Nachteil, dass sie dem Titel nach auch für Bildung zuständig waren und ständig danach gefragt wurden, wie die Schulen besser werden könnten. Weil die Zuständigkeit für die Schulen aber in der Hand der Länder liegt und von diesen eifersüchtig gehütet wird (was bliebe vom Föderalismus ohne die Bildungskompetenz?), konnten die Minister vor Bär wenig erreichen und enttäuschten deshalb. Sie konnten den Ländern höchstens einen Sack mit Geld vor die Tür stellen, den diese dankend annahmen, aber über die Verwendung selbst verfügten.
Dorothee Bär verschenkte Schlüsselanhänger mit Mini-Kosmonauten
Mit der Verantwortung für die Raumfahrt hat Bär nun ein Thema besetzt, das wichtig ist und sich gut verkaufen lässt. Schon in den nächsten Jahren wollen Amerikaner und Europäer wieder gemeinsam Astronauten zum Mond bringen. Das Trainingszentrum für die Mission steht in Köln, mit Alexander Gerst („Astro Alex“) hat die Ministerin einen starken Botschafter für die Mondfahrt, der mit leuchtenden Augen vom Blauen Planeten erzählt. Zu einem Weihnachtsessen mit Journalisten verschenkte Bär Schlüsselanhänger mit Mini-Astronaut. Die Mondfahrt ist die Schauseite ihres Programms, zu dem aber auch Drohnen, Raketen, modernste Computertechnik und Start-ups gehören.
Wie die Rocket Factory in Augsburg (RFA). Bär ist inzwischen mit OHB-Boss Fuchs bei einem der inzwischen bekanntesten Start-ups des Landes, nicht nur der Stadt, angekommen. Hier auf dem früheren Osram-Gelände sieht es zwar mehr nach altem Industrie-Europa aus, aber in den Hallen tun sich Dinge, die Zukunft verheißen. Die RFA wurde 2018 von den Ingenieuren Jörn Spurmann und Stefan Brieschenk gegründet. Im Werden begriffen sind hier sogenannte Microlauncher, das sind vergleichsweise sehr günstige Trägerraketen, die Satelliten in die Erdumlaufbahn befördern sollen. Der Bedarf in einer zunehmend digitalisierten Welt ist massiv wachsend. Die RFA ist eine „New Space“-Firma, die „junge Wilden“, sagt Brieschenk, der die Ministerin empfängt. Wie zum Beleg ist sein Sakko an der Schulternaht ein wenig aufgerissen. Er sagt: „Wir müssen es schaffen, Raketen zu bauen wie Autos.“ Nur mit einer halben Million PS.
Wann startet die erste Rakete der Rocket Factory Augsburg?
Weil das aller Fortschritte zum Trotz bisher noch nicht geklappt und RFA den Erstflug mehrfach verschoben hat, wird Bär nun Zeugin eines kleinen Schauspiels. OHB-Boss Fuchs triezt Brieschenk mit immer neuen Nachfragen zum Starttermin. Bis der schließlich sagt: „Wir haben den ganz aggressiven Plan, dass wir diesen Sommer zum Fliegen kommen.“
Das wäre wohl in Bärs Sinn. Wenn man sich in der Branche bei diversen Terminen umhört, bekommt sie viel Lob für die Ministerratskonferenz der Europäischen Weltraumorganisation (ESA), die im Oktober in Bremen stattfand. Deutschland sagte dort Investitionen in Höhe 5,4 Milliarden Euro in die europäische Raumfahrt zu. Wohl gut angelegtes Geld. Denn eine neue Studie von Roland Berger zeigt, wie schnell die Branche wächst: Der Markt für die Raumfahrt-Infrastruktur - Startrampen, Trägersysteme Satelliten - soll bis 2040 auf galaktische 264 Milliarden Euro vervierfachen. Aber damit nicht genug. Der Markt für weltraumgestützte Lösungen, wie zum Beispiel Navigation, Erdbeobachtung und Satellitenkommunikation soll sich auf noch galaktischere 1,7 Billionen Euro ausweiten.
Das hört sich nach enormen Möglichkeiten an. Erst recht für eine Raumfahrtministerin. Brieschenk sagt zu Bär auch. „Jeder Tag hier ist ein Tag mit Druck.“ Wer wüsste das besser als die Politikerin, die um die CSU-Sonne kreist. Sie sagt zu Brieschenk: „Wenn Sie erfolgreich sind, bin ich es auch.“
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