„Ich habe Uropas Akte gefunden“, sagt Anna. „Außerdem seinen Bruder ...“ Die 15-Jährige wollte wissen: Waren ihre Vorfahren Parteimitglieder? Wer war damals in der NSDAP, der Partei der Nazis? Also hat sie im Internet recherchiert, denn dort liegen die Daten jetzt offen. Im März 2026 hat das Bundesarchiv der USA die Mitgliedsdateien der NSDAP veröffentlicht: gut 12 Millionen Seiten mit Karteikarten, die Amerikaner hatten sie nach dem Krieg beschlagnahmt. Jetzt aber stehen sie ganz öffentlich im Netz. Also alles offen und klar?
Anna aus Augsburg steht seit ihrem Fund vor neuen Fragen: Warum ist ihr Urgroßvater, ein Schneider aus Heilbronn, damals Mitglied geworden? Dann aber wieder ausgetreten? Und 1933 noch einmal eingetreten? Darüber will sie jetzt mit ihrer Familie reden. Oder verletzt sie mit ihren Fragen Gefühle? Ihr Onkel „vergöttert“ den Urgroßvater bis heute – deshalb möchte Anna in diesem Artikel auch nicht mit ihrem echten Namen stehen. Mit ihren Freundinnen, „die sich auch für Politik interessieren“, kann sie über ihre Recherche reden. Denn sie machen sich Gedanken um die Demokratie. Die 15-Jährige fragt sich, ob heute wieder ein rechtsextremer Wahn ausbrechen könnte: „Wir spüren Parallelen zu damals.“
„Es gab natürlich überzeugte Gesinnungs-Nazis, aber eben auch Opportunisten“
Wirbel um Akten: „War Opa ein Nazi?“, fragt die Zeit und der Spiegel verspricht: „Finden Sie hier heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat.“ Ferdinand Kramer gefällt dieser Ton nicht. Er ist Professor für Bayerische Geschichte der Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universität München und befasst sich auch mit der NS-Zeit. „Die formale Parteimitgliedschaft allein sagt noch wenig aus“, sagt Kramer. „Dadurch erfahren wir kaum etwas über die Motive eines Menschen. Warum jemand eintrat? Das war sehr unterschiedlich.“
Nur mit Vorsicht ließen sich Hinweise aus den einfachen Mitglieds-Daten lesen: Zum Beispiel, ob jemand auffällig früh Mitglied wurde. Oder ob Personen zu einer Berufsgruppe gehörten, auf die das Regime starken Anpassungs-Druck ausübte. „Es gab natürlich überzeugte Gesinnungs-Nationalsozialisten, oder eben auch Opportunisten. Menschen, die sich Vorteile im NS-Regime erhofften. Andere, die politischen Druck spürten, Repressionen oder um das Auskommen ihrer Familien fürchten mussten, erhofften Erleichterung durch formale Parteimitgliedschaft. Die Motive waren vielfältig, sodass jeder Versuch, eine Lebensgeschichte einzuordnen, mehr Kontext braucht.“
Recherche in der Kartei stellt Rauhut vor Schwierigkeiten
Die Suche in der Kartei ist kompliziert. „Man braucht dafür das echte Geburtsdatum der gesuchten Person, um niemanden falsch zu verdächtigen“, weiß Alfred Rauhut aus Königsbrunn. Doch in den Akten tauchte seine Großmutter Irma auf – „überraschenderweise“. Sie stammte aus Hessen, wurde 1911 geboren. Über die NS-Zeit habe Irma später kaum ein Wort gesprochen: „Zu mir nicht und auch nicht zu meiner Mutter“, sagt Rauhut. „Ich habe Großmutter Irma selten gesehen. Sie war Lehrerin und blieb distanziert zu mir."
Der 61-Jährige findet: „Wir alle müssen unsere Familiengeschichten akzeptieren“, und er hofft, dass die Akten Gedanken anstoßen. „Wir müssen uns in Erinnerung rufen, was Massenbewegungen bewirken und wie viel Gewalt sie anrichten können. Ich denke auch an die Gegenwart, an links- und rechtsextreme Bewegungen heute.“ Rauhut plant eine Reise durch Europa, zu den Orten, wo seine Vorfahren in der NS-Zeit lebten. Darunter eine Adresse, die er in den NSDAP-Akten fand.
NSDAP-Mitgliederkartei: Wie lässt sich Familiengeschichte erforschen?
Privat forschen? Ferdinand Kramer weiß Rat: In den Staatlichen Archiven liegen die Entnazifizierungs-Akten – die Alliierten und Spruchkammern prüften nach dem Krieg, wer sich mitverantwortlich gemacht hatte, in diesem System von Rassenhass und Diktatur. „Auch diese Akten und Urteile bieten meist noch keine erschöpfende Klarheit. Aber sie können ein Zugriff sein, um Weiteres zu finden.“ Kramer sagt: „Wer recherchieren möchte, kann sich auch an historische Vereine wenden. Da gibt es Institutionen wie den Bayerischen Landesverein für Familienkunde.“ Außerdem haben manche Bistumsarchive ihre Matrikel- und Familienbücher im Netz veröffentlicht, mit Angaben zu Taufe, Ehe, Tod eines Menschen. Für den Kontext helfen auch regionale Zeitungen der Epoche. Und jedes Familienarchiv: Fotos, Briefe, Funde vom Dachboden.
Thomas Strehler fand im Netz die Karteikarte seines Urgroßvaters: „Seitdem beschäftige ich mich wieder mit ihm“, sagt der 37-Jährige aus Dillingen an der Donau. 1942 trat sein Uropa der NSDAP bei. „Beziehungsweise: Er musste eintreten“, sagt Strehler, „so erzählt man sich die Geschichte in unserer Familie.“ Der Urgroßvater war Reichsbahnbeamter und schwer verwundet vom Ersten Weltkrieg. Kritische Fragen, warum er als Staatsdiener nicht in der Partei sei, habe er lange ignoriert. „Aber sie drohten ihm wohl mit Konsequenzen. Er wollte als Invalide seine Arbeit nicht verlieren.“ Die Tochter seines Urgroßvaters, also seine Großtante, fand Strehler nicht in den Akten. „Aber sie war hellauf begeistert vom System.“ Als Jugendliche stieg sie in die Gruppen der Partei ein: Bund Deutscher Mädel, Jugend-Kreisleitung.
„Ich plädiere für Nachdenklichkeit“, sagt der Historiker Ferdinand Kramer
Sie meldete sich zum Arbeitsdienst und stieß zu einer Flak-Scheinwerfer-Batterie, wo sie zur Obertruppführerin aufstieg. „Lebhaft. Umtriebig. Eine selbstständige Frau mit Führerschein“, so hätten sie Zeitzeugen beschrieben. Im Rahmen einer „nationalsozialistischen Eheweihe“ heiratete sie 1942. „Der Zeitungsbericht zu dieser eigenartigen Feier hat sich im Familienarchiv bis heute erhalten.“ Ihr Vater? Hätte sich eine katholische Trauung gewünscht. Dass er die „Eheweihe“ zuließ, sei ihm später bei der Entnazifizierung angelastet worden – er hätte sie aber kaum verhindern können, glaubt Thomas Strehler. Er fragt sich, was die Menschen damals wirklich fühlten. „Weil Daten allein wenig sagen.“
Ferdinand Kramer sagt: „Wir sind als Forscher immer dankbar für Quellen. Aber es bleibt sehr wichtig, auch historischen Kontext und Wissen zur Verfügung zu stellen. Damit niemand ratlos und allein bleibt mit dem Fund so einer Akte. Ich plädiere für Sorgfalt und Nachdenklichkeit im Umgang mit den Dokumenten, damit nicht Unfrieden und neuer Ungeist aus dieser Zeit entstehen.“
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