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30 Jahre nach dem Srebrenica-Massaker: Wie man dem Genozid gedenkt

Zeitgeschichte

30 Jahre Genozid von Srebrenica: Das schwierige Gedenken

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    Auf dem Friedhof für die Opfer des Massakers vom 11. Juli 1995 in Potočari trauern Angehörige.
    Auf dem Friedhof für die Opfer des Massakers vom 11. Juli 1995 in Potočari trauern Angehörige. Foto: Imago

    Vögel zwitschern. Ein leichter Wind streicht über die endlosen Reihen der weißen Grabstelen auf dem Gedenkfriedhof von Potočari, etwas nördlich von Srebrenica. Sie besuche das Grab ihres vor 30 Jahren ermordeten Mannes Zaim, so oft sie könne, berichtet die 78-jährige Hanifa Omerovic in dem nur wenige hundert Meter entfernten „Altersheim für die Mütter von Srebrenica“ .

    Ihr ältester Sohn habe bereits zu Beginn des Bosnienkriegs, der zwischen 1992 und 1995 tobte, sein Leben verloren und liege auf dem Stadtfriedhof begraben, erzählt die freundliche Witwe. Die beiden anderen Söhne lebten in den USA und in Deutschland. Sie würden sie zwar so oft wie möglich besuchen, „aber sie haben ihr eigenes Leben, ihre eigenen Verpflichtungen“. Es fehle ihr an nichts in Potočari, versichert die von ihrem entbehrungsreichen Leben gezeichnete Frau mit dem Kopftuch: „Das Heim ist gut. Nur selbst geht es uns nicht mehr gut. Ich falle oft, habe Zucker – und Unmengen Medikamente nötig.“

    In dem Pflegeheim wird für die Mütter der Opfer von Srebrenica gesorgt

    Mit Unterstützung der niederländischen Pronk-Stiftung sowie staatlichen und privaten Hilfsgeldern realisierte die in Srebrenica engagierte Emmaus-Bewegung die Pläne für das Pflegeheim, das in erster Linie für die Mütter in der Region gedacht ist, die nicht mehr selbstständig leben können.

    Über die Bildschirme flimmern die Aufnahmen von ausgemergelten Männern, die von ihren Peinigern selbst vor ihrer Hinrichtung noch verhöhnt werden. Still betrachten Jugendliche in dem zum „Memorial Center“ umfunktionierten Hauptquartier des früheren niederländischen UN-Bataillons „Dutchbat“ in Potočari die Fotos und Filme, die von Europas schlimmstem Massaker nach dem Zweiten Weltkrieg künden: Nach der Einnahme der unter UN-Schutz stehenden Muslim-Enklave Srebrenica durch bosnisch-serbische Truppen der Republika Srpska unter General Ratko Mladić am 11. Juli 1995 wurden mehr als 8000 Männer, Greise und Jungen in Massenexekutionen ermordet – und in den umliegenden Wäldern verscharrt. Später wurden viele Opfer ausgegraben und abermals an anderen Orten vergraben, um die Verbrechen zu vertuschen.

    „Wir wollen in der Nähe der Gräber unserer Söhne sein“, sagen Ajkuna und Nezir  Huseinovic.
    „Wir wollen in der Nähe der Gräber unserer Söhne sein“, sagen Ajkuna und Nezir Huseinovic. Foto: Thomas Roser

    Am heutigen Freitag, genau 30 Jahre später, wird am Ort des Geschehens der 2024 von der UN-Vollversammlung ins Leben gerufene Gedenktag des Völkermords in Srebrenica begangen.

    Es waren die Mütter von Srebrenica, die jahrzehntelang mit Mahnwachen und Zeugenaussagen vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal gegen das Vergessen und für die Verfolgung der Kriegsverbrecher stritten – und die Schaffung des Gedenkfriedhofs in Potočari erkämpften.

    Das Ehepaar Huseinovic hat fünf Söhne durch den Genozid verloren

    Obwohl Ajkuna Huseinovic drei ihrer fünf Söhne durch den Genozid verlor und ein weiterer nach dem Krieg im niederländischen Exil an den Folgen des erlebten Traumas verstarb, hatte die 87-Jährige aus dem Drina-Dorf Lijeske Glück im Unglück. Ihr Mann Nezir sitzt im Altersheim noch heute neben ihr auf dem Sofa: Der Landwirt war bereits vor dem Fall von Srebrenica ins sichere Modrica und später in die Niederlande geflüchtet.

    „Wir hatten bis zum Krieg ein gutes Leben, fünf Söhne, fünf Häuser, drei Traktoren, zwei Autos. Aber alle unsere Besitztümer wurden niedergebrannt und zerstört“, erzählt der 86-Jährige. Dem erlebten „Kriegstrauma“ folgte eine zermürbende Odyssee, die das Ehepaar erst elf Jahre lang in die Niederlande, dann in verschiedene Städte Bosniens verschlug. „Uns fehlte unser Dorf“, erinnert sich Nezir an seine Flüchtlingsjahre. Zwar wagten die Eheleute 2018 in Lijesce einen Neuanfang. Doch ihr Alter und der sich verschlechternde Gesundheitszustand forderten ihren Tribut: „Wir waren dort allein, konnten nicht mehr selbstständig leben. Hier leben wir in der Nähe der Gräber unserer Söhne – und es wird für uns gesorgt.“ Tränen treten Ajkuna in die Augen, wenn sie sich an ihre ermordeten Söhne Aziz, Esad und Mirsad erinnert.

    Viele Hinterbliebene sind nach wie vor auf internationale Hilfe angewiesen. Denn bisher werden lediglich Frauen, die keine überlebenden männlichen Verwandten mehr haben, vom Staat finanziell unterstützt. Alle anderen gehen leer aus – sie erhalten weder materielle noch therapeutische Hilfe. In diesen Fällen bleibt oft nur die Unterstützung durch die Familie oder die Hoffnung auf Hilfsorganisationen.

    2022 rang sich die niederländische Regierung zu einer Entschuldigung durch

    30 Jahre nach den Massenmorden ist immer noch schwer zu begreifen, warum die westliche Welt den Tätern nicht rechtzeitig in den Arm fiel. Mitte 2022 rang sich die niederländische Regierung zu einer Entschuldigung dafür durch, dass die internationale Gemeinschaft nicht in der Lage war, „den Menschen von Srebrenica angemessene Hilfe zu leisten“. Rund 350 niederländische Blauhelmsoldaten waren dort eingekesselt. Es gelang ihnen nicht, die Jungen und Männer zu schützen, die sie schließlich der serbischen Übermacht auslieferten. Allerdings retteten sie Mädchen und Frauen, die auf der UN-Basis in Potočari Zuflucht fanden. Bis heute ist umstritten, inwieweit die niederländische Einheit mitverantwortlich für das Schicksal der Opfer war.

    Besonders bitter für die Hinterbliebenen der Opfer ist, dass diese vom Kriegsverbrechertribunal der UN als Völkermord eingestuften Verbrechen, insbesondere in der Republika Srpska, aber auch in Serbien vielfach relativiert oder in Gänze bestritten werden. Schlimmer noch: Für viele ist der verurteilte Kriegsverbrecher General Mladic ein Nationalheld. Immerhin gelang es zumindest, die damals befehlsführenden Täter zur Verantwortung zu ziehen: Sowohl Mladic als auch der damalige Präsident der Republika Srpska, Radovan Karadžić, wurden verhaftet und vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt.

    Die katholische Organisation Renovabis setzt sich für Versöhnung ein

    „Die Leugnung des Genozids ist eine Beleidigung für die Opfer. Sie verhindert jedes friedliche Miteinander“, sagt Thomas Schwartz, Leiter des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis mit Sitz im bayerischen Freising. Die Organisation engagiert sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte, Versöhnung und Wiederaufbau in 29 Ländern Osteuropas – mit Schwerpunkt Balkan. Im Mittelpunkt der Versöhnungsprojekte stehen 14 multiethnische Schulzentren in Bosnien und Herzegowina. Dort sollen Schülerinnen und Schüler lernen, dass es sich lohnt, religiöse Grenzen und Feindschaften, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, zu überwinden. Zudem bietet Renovabis unter anderem Hilfe für Minenopfer, Versöhnungsworkshops oder einen Studiengang für Interreligiöse Friedens- und Dialogforschung an der Universität in Sarajewo an.

    Schwartz, der nicht nur katholischer Priester ist, sondern auch Professor an der Universität Augsburg, besucht den Gedenktag in Srebrenica am heutigen Freitag: „Ich will mich mit Demut dem Grauen und der Trauer stellen. Nur wer erinnert, verhindert Wiederholung. Nur wer Wunden anerkennt, kann sie heilen.“

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