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Analyse
26.11.2020

Der Wirbel um Spahns Millionen-Villa geht weiter

Der Hauskauf von Daniel Funke und Jens Spahn (r.) sorgt für Wirbel.
Foto: dpa

Der Gesundheitsminister wollte Berichte über den Preis seiner Villa verhindern. Ein Gericht sieht das anders. Unterschätzte der CDU-Mann das Interesse an der Wohnfrage?

Jens Spahns Kauf einer mehrere Millionen teuren Villa in Berlin und die Frage, ob die Medien über den exakten Preis berichten dürfen, beschäftigen erneut die Justiz. So hat das zuständige Amtsgericht Schöneberg dem Tagesspiegel sowohl den Erwerb des Anwesens im Nobelviertel Dahlem durch den CDU-Politiker und seinen Ehemann Daniel Funke bestätigt als auch den exakten Kaufpreis. Die Informationen gelten damit praktisch als öffentlich, was in der Folge bedeuten könnte, dass Spahn ihre Veröffentlichung nicht verhindern darf.

Jens Spahn hat das politische Berlin mit dem Kauf überrascht

Der Hauskauf des Bundesgesundheitsministers hatte im Spätsommer für beträchtliches Medienecho gesorgt. Ausgerechnet der Mann, der so sorgsam auf seine Außenwirkung achtet, kauft mitten in der Pandemie und in Zeiten von Diskussionen über zunehmende gesellschaftliche Spaltung entlang der Wohnungsfrage ein Millionen-Anwesen? Das überraschte viele im politischen Berlin. Andere Berichte drehten sich um die Frage, wie sich Spahn – selbst mit seinem stattlichen Monatsverdienst von rund 20.000 Euro – einen solchen Kauf überhaupt leisten kann. Die Angelegenheit reicht zudem zurück in Spahns Vergangenheit und seine Heimat in der beschaulichen Region Westmünsterland. Die dortige Sparkasse, in deren Verwaltungsrat Spahn zwischen 2009 und 2015 saß, hatte Spahn und seinem Ehemann nämlich zwei Kredite für den Hauskauf gewährt. Der Boulevard dagegen setzte sich mehr mit der Frage auseinander, ob Spahn und sein Mann nun ein Kind adoptieren und eine „Regenbogen-Familie“ gründen wollen. Die Diskussion wurde erweitert um einen geschmacklichen Aspekt: Freunde diskreter Architektur sortieren die Spahn-Villa gnadenlos in die Kategorie „Oligarchen-Traum“ ein.

Spahns Anwalt: Kaufpreis ist Privatangelegenheit

Nichts störte den Minister aber offenbar so sehr wie die Berichte über den exakten Kaufpreis. Sein Anwalt argumentierte, es handle sich um eine Privatangelegenheit und erwirkte Unterlassungserklärungen. So kann auch unsere Redaktion derzeit die exakte Höhe des Kaufpreises nicht nennen.

Jetzt ist das Thema zurück und es scheint, als hätte Spahn vielleicht eine ganz spezielle Berliner Eigenart unterschätzt: Die überbordende Lust der Hauptstädter, über das Thema Wohnen zu diskutieren und auch zu spekulieren. Miet- und Kaufpreise für Ziegelsteine am richtigen Fleck haben in einer Stadt, in der sich die Immobilienpreise vom niedrigen Nachwende-Niveau rasant nach oben entwickelt haben, eine in anderen Gegenden kaum vorstellbare Bedeutung. Dass jemand in einer schönen Altbauwohnung oder gar einer Gründerzeitvilla residiert, kann dort vieles bedeuten. Der Bewohner kann über ein hohes Einkommen, über selbst erworbenes oder ererbtes Vermögen oder aber nichts davon verfügen. Sondern einfach früh genug dran gewesen sein. Eine Villa in Dahlem ist im Berliner Immobilien-Monopoly schwer zu toppen.

Wie die Promis wohnen - das ist in Berlin Gesprächsstoff

Die Frage, wer wie wohnt und wie er sich das leisten kann, ist Gegenstand ungezählter Gespräche. Natürlich spiegelt sich das in den örtlichen Medien wider: „So wohnt Promi XY“, ist eine häufige Schlagzeile. Dass sich etwa Kanzlerin Angela Merkel mit einer Wohnung im dritten Stock eines nicht weiter auffälligen Altbaus in Mitte bescheidet, bringt ihr viele Sympathien.

Dass Medienprofi Jens Spahn die riesige Neugier der Bürger in diesem sensiblen Punkt nicht auf dem Plan gehabt haben soll, können auch Politiker, die ihm durchaus wohlgesonnen sind, kaum glauben. Ein solcher Mangel an Gespür wiegt für sie schwerer als der womöglich politisch unglückliche Kauf selbst. Zumal der Minister auch kaum annehmen konnte, dass nicht berichtet werden würde. Gerichte haben immer wieder bestätigt, dass wer sich in die Öffentlichkeit begibt, mit deren Neugier leben muss. Dabei gibt es zwar Grenzen, doch es gilt grob gesagt: Je prominenter die Person ist, umso mehr ist erlaubt.

Neugier an Kohls Bungalow und Wulffs "Klinkertraum"

Helmut Kohls Bungalow in Oggersheim und der „Klinkertraum“ von Ex-Bundespräsident Christian Wulff in Großburgwedel waren auch früher schon ganz selbstverständlich Gegenstand von Reportagen. Zu den prominentesten Figuren der aktuellen deutschen Politik gehört Jens Spahn zweifellos. Er ist der Mann, von dem nicht nur in der CDU viele glauben, dass er „Kanzler kann“. Durch die Corona-Krise steht er als Bundesgesundheitsminister wie kein anderes Kabinettsmitglied im Rampenlicht. Es scheint ganz so, als hätte er mit dem Vorgehen gegen die Veröffentlichung von Details zu seinem Villenkauf das Interesse an seinen Wohn- und Finanzverhältnissen erst so richtig angefacht.

Lesen Sie einen Kommentar zum Thema: Jens Spahns Villa wird zum Politikum

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14.12.2020

und wieder einmal ist es unerträgliche wie die Presse in Deutschland den Neid auf andere schürt und so das ganze Volk gegeneinander aufhetzt !! bei so einer Berichterstattung muss man sich schämen ein Deutscher zu sein !!

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05.12.2020

Wenn schon Leute mit 3.000 Euro Nettoeinkommen eine Haus für eine halbe Million finanziert bekommen, wieso dann nicht bei 20.000 Euro monatlich (Nebeneinkommen nicht mitgerechnet) für ein paar Milliönchen ?
Man muß den Spahn nicht mögen, aber dieses Neiddebatte und das Geprolle ist einfach nur ekelhaft.

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05.12.2020

Herr Spahn braucht keine Finanzierung, es sind die Nebeneinkünfte der Politiker, die den Erwerb größerer Immobilien möglich machen. Das alte Lied der Taiga: Die Nebenverdienste unserer Politiker; aber das ist eine andere Geschichte.

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04.12.2020

Auch, wenn man es nicht kommentieren darf oder möchte, aber als Regierungspolitiker verdient man prächtig.

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