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Corona-Pandemie
26.11.2020

Forscher warnen: Größere Weihnachtsfeiern können Superspreading-Event werden

Wenn an Weihnachten viele Menschen zusammenkommen, könnte sich das Coronavirus schneller ausbreiten.
Foto: AdobeStock

In Bayern sollen Corona-Hotspots ihre Regeln deutlich verschärfen. Modellrechnungen sehen unterdessen ein großes Risiko in den Lockerungen über Weihnachten.

Die bayerische Staatsregierung will, was die Corona-Regeln für Weihnachten und Silvester betrifft, keinen Sonderweg gehen. „Es ist im Moment wirklich nötig, so viel wie möglich gemeinsam zu machen“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Donnerstag nach der Sitzung des Kabinetts in München. Seinen Versuch, Silvester strenger zu behandeln als Weihnachten, hat er damit vorerst aufgegeben. Die Spielräume, die die Vereinbarung der Ministerpräsidentenkonferenz den Ländern im Umgang mit Corona-Hotspots lässt, will die Staatsregierung aber weiter ausschöpfen als andere. Die bayerische „Hotspot-Strategie“, die am 1. Dezember in Kraft tritt, sieht für Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 200 deutlich strengere Regeln vor. Aktuell betrifft das 27 Landkreise und kreisfreie Städte im Freistaat.

Sein Einlenken im Streit über die Vorschriften für Silvester begründete Söder damit, dass eine deutschlandweit einheitliche Regelung der „Gesamtakzeptanz“ der Corona-Maßnahmen diene. Zwar seien er und sein baden-württembergischer Kollege Winfried Kretschmann (Grüne) in der Frage der Silvester-Partys „sehr sensibel“. Wichtig aber sei, dass man die Menschen mitnehmen könne. Deshalb hätten sie den Beschluss der Ministerpräsidentenkonferenz mitgetragen, sagte Söder. Einschränkend aber fügte er hinzu, dass man beim nächsten Treffen Mitte Dezember noch einmal überlegen müsse, was die Infektionslage für die Ferien bedeute.

Augsburg ist einer von vielen Corona-Hotspots in Bayern.
Foto: Klaus Rainer Krieger

So sieht die Corona-Hotspot-Strategie aus in Bayern aus

Mit ihrer am Donnerstag beschlossenen „Hotspot-Strategie“ aber setzt die Staatsregierung ihren strengeren Kurs fort – auch wenn Söder nicht mehr von „Verschärfen“ sondern von „Vertiefen“ der Regelungen spricht. Für Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 200 bedeutet das unter anderem: Wechselunterricht in geteilten Klassen ab Jahrgangsstufe 8 (ausgenommen Abschlussklassen und Förderschulen), Schließung von Musik- und Fahrschulen, Schließung von Märkten (ausgenommen Lebensmittel) sowie Anordnung eines Alkoholverbots.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) vor Beginn einer Kabinettssitzung im Videoraum in der Staatskanzlei.
Foto: Sven Hoppe, dpa

In Regionen mit einer Sieben-Tage-Inzidenz über 300 können darüber hinaus Ausgangsbeschränkungen angeordnet werden. Auch der Schulbetrieb, Besuche in Alten- und Pflegeheimen und bestimmte, nicht lebensnotwendige Dienstleistungen können eingeschränkt werden. Obendrein seien Beschränkungen für Versammlungen und Gottesdienste möglich.

Wintersportler und andere Tagestouristen sollen zudem verpflichtend in Quarantäne müssen. Eine Ausnahmeregelung für Aufenthalte unter 24 Stunden soll nur noch bei Vorliegen triftiger Gründe gelten, insbesondere Arbeit, Schule und familiäre Angelegenheiten.

Gesundheitsministerin Melani Huml: "Die Pandemie kennt keine Pause"

Die Beschlüsse des bayerischen Kabinetts, so betonten Söder und sein Vize, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler), seien einstimmig gefasst worden. Aiwanger sagte mit Blick auf die Ergebnisse der Ministerpräsidentenkonferenz: „Ich habe gesagt, wir mögen bitte den Bogen nicht überspannen. Das ist gehört worden.“ Gesundheitsministerin Melanie Huml mahnte zu Umsicht und Vorsicht: „Die Pandemie kennt keine Pause.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gibt im Bundestag eine Regierungserklärung zur Bewältigung der Corona-Pandemie ab.
Foto: Michael Kappeler, dpa

Auch die Kanzlerin appellierte in ihrer Regierungserklärung eindringlich an das Gemeinschaftsgefühl. „Es muss jeder für sich auch mit sich abmachen, ob dieses Maximum immer ausgeschöpft werden muss oder ob man auch darauf verzichtet“, sagte Angela Merkel. Sie bat die Bürger, bei Weihnachtsbesuchen etwa älterer Familienmitglieder eine Woche des Schutzes vorzuschalten, „in der alles daran gesetzt wird, die Kontakte wirklich zu minimieren, damit Weihnachten ein sicheres Weihnachten ist“.

Modellrechnung sieht "Weihnachtseffekt" in der Corona-Pandemie

Doch gerade an dieser Sicherheit gibt es Zweifel. Denn Mitarbeiter des Forschungszentrums Jülich und des Frankfurt Institutes for Advanced Studies haben in mathematischen Modellen Szenarien für die kommenden Wochen errechnet. Und die gehen davon aus, dass die Zahl der Neuinfektionen durch die Lockerung der Maßnahmen wieder Fahrt aufnimmt.

Entscheidend ist die Zahl der Kontakte: „Das Virus hat dann mehr Möglichkeiten, sich auszubreiten“, sagt Maria Barbarossa, eine der Forscherinnen an dem Modell. Vielen Menschen sei nicht bewusst, dass sie ansteckend sind. „Größere Weihnachtsfeiern könnten die Gelegenheit sein für ein Superspreading-Event“, sagt die Mathematikerin. Hinzu kommt: Durch innerdeutsche Reisen könnte das Virus verstärkt in Regionen getragen werden, die bislang gut durch die Krise kommen.

Ein ähnliches Phänomen wie dieser „Weihnachtseffekt“ ließ sich im Laufe des Jahres schon zweimal beobachten: Nach den Winter- und den Sommerferien. Theoretisch ausgeglichen werden könnte der „Weihnachtseffekt“ dadurch, dass Kontakte im Beruf wegfallen. Barbarossas persönliche Bilanz zum Bund-Länder-Gipfel: „Das ist ein Kompromiss zwischen dem, was man sich persönlich für Weihnachten wünscht und dem, was das epidemiologische Geschehen um uns herum empfiehlt.“

Mediziner kritisierten die geplanten Lockerungen. „Weihnachten wird damit zu einem Fest mit einem Todesrisiko für manche Menschen“, sagte etwa der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, dem SWR.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: Markus Söder, der Diplomat

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