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Corona-Pandemie
28.07.2021

Welchen Inzidenzwert können wir uns leisten?

Ein Schild weist den Weg zu einem Testzentrum in der Lüneburger Innenstadt.
Foto: Philipp Schulze, dpa

Die Politik wird zunehmend nervös angesichts steigender Corona-Infektionen. Vor allem der Blick nach Großbritannien macht Sorgen. Was wir von England lernen können – und was nicht.

Wer in die Zukunft blicken will, greift derzeit nicht zur Glaskugel, sondern schaut über den Ärmelkanal in Richtung Großbritannien. Dort hat die Regierung ein Experiment gestartet, das zwar höchst umstritten ist – aber das doch zumindest eine Ahnung davon geben könnte, wie sich die Corona-Pandemie auch in anderen Ländern entwickelt. Rund um den „Freedom Day“, den „Tag der Freiheit“, an dem fast alle Covid-Regeln außer Kraft gesetzt wurden, stieg dort die Zahl der Neuinfektionen zunächst dramatisch an. Und das trotz guter Impffortschritte. Von einem langfristigen und breiten Rückgang ist dort nicht auszugehen, weswegen es - Stand jetzt - für Großbritannien auch noch keine Entwarnung geben kann. Je steiler die Kurve in England wurde, umso größer werden die Sorgen in Deutschland: der Inzidenzwert wächst auch zwischen Alpen und Nordsee – noch langsam.

Doch nimmt man die derzeitigen Wachstumszahlen als Grundlage für eine (rein theoretische) Modell-Rechnung, wird klar, dass dies nicht so bleiben muss. Die Infektionszahlen steigen derzeit in Deutschland jede Woche um 60 Prozent. Bis Ende September könnte es also 100.000 Neuinfektionen pro Tag und eine Sieben-Tage-Inzidenz von 850 geben: Das wäre ein Mehrfaches des bisherigen Höchstwertes von etwa 30.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden Mitte Dezember. Wie schnell es gehen kann, bewiesen neben Großbritannien unter anderem Spanien und die Niederlande. Beide Länder bewegen sich bei einem Inzidenzwert um die 400. In den Niederlanden hat sich die Regierung inzwischen entschlossen, die Notbremse zu ziehen und Lockerungen rückgängig zu machen, seither sinken die Werte. Auch in Israel, dem einstigen Corona-Wunderkind, steigt die Zahl der Neuinfektionen weiter deutlich an: Das Gesundheitsministerium meldete am Dienstag 2112 Fälle - so viele wie seit Mitte März nicht mehr.

Die Entwicklung in Großbritannien lässt sich nicht eins zu eins übertragen

Wie sich die Entwicklungen im Ausland auf Deutschland übertragen lassen, ist bislang mit großen Unsicherheiten behaftet. Auch das verdeutlicht das Beispiel Großbritannien. Dort dürfte der starke Anstieg der Fallzahlen nicht nur mit dem Auslaufen der Corona-Einschränkungen zu tun haben, sondern auch mit der Fußball-Europameisterschaft als Pandemie-Treiber. Darauf deutet hin, dass es vor allem Männer waren, die sich zuletzt mit dem Virus angesteckt haben und dass die Zahlen inzwischen wieder sinken. Hinzu kommt: Zwar sind viele Britinnen und Briten geimpft, allerdings fast alle mit dem Wirkstoff von AstraZeneca, der vor der Delta-Variante weniger gut schützt als der Impfstoff von Biontech. In Deutschland aber liegt Biontech bei den Impfungen auf Platz 1, gefolgt von AstraZeneca, Moderna und Johnson & Johnson. Die Steigerungsraten könnten hierzulande also deutlich langsamer verlaufen als im Königreich. Hinzu kommt: Niemand weiß, ob sich nicht im Herbst eine weitere Virus-Variante ausbreitet, die die Medizin mit veränderten Eigenschaften vor ganz neue Herausforderungen stellt – etwa, weil die Impfstoffe ihre Wirkung verlieren könnten.

Allen Unwägbarkeiten zum Trotz - bei einem sind sich die meisten Experten sicher: Ausbleiben wird die vierte Welle in Deutschland nicht. Und doch wird sie anders verlaufen als die drei vorherigen. Denn: Eine Inzidenz von 100 heute ist nicht vergleichbar mit einer Inzidenz von 100 im Frühjahr. Das hat gleich mehrere Gründe. Erstens: Die gestiegene Impfquote sorgt dafür, dass sich weniger Mitglieder aus den Risikogruppen infizieren und dadurch sowohl die Belastung der Kliniken als auch die Todeszahlen beherrschbar bleiben. Zweitens: Die Medizin hat dazugelernt. In der ersten Welle war der Prozentsatz der Patientinnen und Patienten, die ins Krankenhaus eingewiesen wurden, deutlich höher als in der dritten Welle – bei einer Inzidenz von 40 waren es im Frühjahr 2020 21 Prozent der positiv Getesteten, im Frühjahr 2021 waren es bei einer Inzidenz von 300 nur noch 8 Prozent der positiv Getesteten. Doch selbst mit diesem Wert liegt Deutschland weit vor vielen anderen europäischen Staaten, dies hat allerdings „Tradition“: Auch bei anderen Krankheiten landen Patientinnen und Patienten hier schneller in der Klinik als etwa in Dänemark oder Frankreich. Drittens: Diejenigen, die sich infizieren, sind meist Jüngere und daher weniger anfällig für schwere Verläufe.

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Die Regierung warnt bereits jetzt vor neuen Corona-Regeln

Doch was heißt das? Welche Inzidenz werden wir uns künftig „leisten“ können? Auf eine feste Zahl mag sich derzeit weder die Politik noch die Wissenschaft festlegen. „200 ist das neue 50“, hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn kürzlich salopp formuliert. Der Inzidenzwert von 50 war der Punkt, an dem noch die Länder per Verordnung die Maßnahmen bestimmen konnten. Ab einem Wert von 100 trat die Bundesnotbremse in Kraft, die Ende Juni ausgelaufen ist. In Großbritannien weigert sich Premierminister Boris Johnson trotz hoher Inzidenzen die Zügel wieder anzuziehen. In Deutschland hingegen warnt die stellvertretende Regierungssprecherin Ulrike Demmler bereits jetzt, wenn auch noch abstrakt: „Wenn sich diese Entwicklung so fortsetzt, müssen wir zusätzliche Maßnahmen ergreifen.“ Am 10. August wollen sich die Ministerpräsidenten und die Bundeskanzlerin beraten.

Spätestens dann wird es auch wieder ganz grundsätzlich um die Aussagekraft des vieldiskutierten Inzidenzwertes gehen. Das Robert Koch-Institut erarbeitet gerade eine neue Berechnungsweise für die Schwere der Pandemie. Sie soll Impffortschritt und Sieben-Tage-Inzidenz unter einen Hut bringen – ganz davon verabschieden will sich das RKI nicht. In der Schweiz ist man inzwischen dazu übergegangen, die Zahl der Krankenhaus-Neueinweisungen als Richtwert zu nehmen, um staatliche Eingriffe zu planen. Erst wenn mehr als 120 Menschen pro Tag in die Kliniken eingeliefert werden, sollen die Regeln wieder strenger werden. Auf Deutschland übertragen hieße das 1200 Krankenhaus-Patientinnen und -Patienten pro Tag beziehungsweise 8400 pro Woche. Zum Jahresende 2020 hatte der Wert schon einmal bei 14.000 gelegen. Ohnehin stehen Inzidenzwert und die Quote der Hospitalisierungen, das heißt der Krankenhauseinweisungen im trotz der veränderten Lage im Zusammenhang. Zur aktuellen Lage heißt es in dem RKI-Papier, dass die Inzidenzen seit rund drei Wochen wieder stiegen, der Anteil der Hospitalisierungen ebenfalls seit rund zwei Wochen. „Die vierte Welle hat begonnen.“

Warum es nicht nur auf die Krankenhaus-Einweisungen ankommt

In einem Bericht warnen Forscherinnen und Forscher rund um die Göttinger Modelliererin Viola Priesemann zudem davor, den Druck auf die Krankenhäuser zu unterschätzen. Im vergangenen Herbst und Winter ist die Grippesaison in Deutschland nahezu ausgefallen – dank der Masken- und Abstandsregeln. Großraumbüros waren aufgrund des Homeoffice-Gebotes nahezu leergefegt, Kinder und Jugendliche trafen deutlich weniger Gleichaltrige. Das hat die Infektionsrisiken auch für andere Krankheiten reduziert. Würde aber in diesem Jahr aufgrund der gelockerten Regeln (und womöglich eines durch die Isolierung „nachlässiger“ gewordenen Immunsystems) eine Grippe-Welle auf eine Corona-Welle treffen, könnte das im schlimmsten Fall auch die Patientenzahl in den Kliniken nach oben treiben. Die bisher so entspannte Lage in den britischen Krankenhäusern könnte also aufgrund des saisonalen Effekts des Sommers täuschen und sich schnell ändern.

England feiert seine neu gewonnen Freiheit.
Foto: Alberto Pezzali, dpa

Doch selbst wenn es nicht wieder zu einem Lockdown kommt, zeigt der Blick nach Großbritannien, dass ein Anstieg der Neuinfektionen für die Wirtschaft zum Problem werden könnte. Infizierte sowie enge Kontaktpersonen müssen in Quarantäne, was Arbeitgeber in Bedrängnis bringt. Geschätzt müssen sich derzeit rund 1,7 Millionen Briten selbst isolieren, weil sie an Covid-19 erkrankt sind oder Kontakt zu Infizierten hatten. Dazu gehören nicht nur prominente Vertreter der Regierungsbank, sondern auch große Teile der Belegschaften von Supermärkten, Logistikfirmen, Pflegeeinrichtungen oder Müllabfuhren - also alle, die das Leben eigentlich am Laufen halten sollten. Die Folge: Supermarktregale leeren sich und können nicht schnell genug wieder aufgefüllt werden. Mülltonnen bleiben voll vor der Tür stehen. Pubs müssen wieder schließen, weil niemand mehr hinter dem Zapfhahn steht. Und auch in die Schulen sind vom Alltag weit entfernt: 20 Prozent der britischen Schülerinnen und Schüler befinden sich in Quarantäne.

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Die Diskussion ist geschlossen.

29.07.2021

Dieser Artikel verbreitet in vielfacher Hinsicht Fake-News!
1. der "Freedom Day" gilt nicht für Großbrittanien, sondern nur für England
2. die Infektionszahlen sind seither rapide gefallen und nicht gestiegen!
3. BionTech/Pfizer wirkt nicht besser gegen die Delta-Variante, wie das Beispiel Israel zeigt. AstraZeneca ist also zumindest nicht schlechter.
4. der Anteil weiblicher Personen unter den Neuinfektionen ist höher als der der männlichen Personen
5. ein Zusammenhang mit der Fußbal-EM ist also herbeiphantasiert

Den ganzen Artikel kann man getrost in die Tonne kloppen!

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28.07.2021

Die Autorin schreibt aus mir unerklärlichen Gründen: "Wer in die Zukunft blicken will, ... schaut über den Ärmelkanal in Richtung Großbritannien....Seit dem „Freedom Day“, dem „Tag der Freiheit“, an dem fast alle Covid-Regeln außer Kraft gesetzt wurden, stieg dort die Zahl der Neuinfektionen dramatisch an."
Das Gegenteil davon ist richtig. Der UK Freedom Day war der 19. Juli, und wie sich jeder selbst z.B. auf https://www.worldometers.info/coronavirus/country/uk/ überzeugen kann, ist seither die Zahl der täglichen Neuinfektionen um fast 50% zurückgegangen. Von 39.375 auf 21.179, Tendenz weiter fallend.
Wurde obiger Artikel möglicherweise schon vor dem 19. Juli geschrieben und dabei einfach die Prognosen der Panikmacher übernommen, welche tägliche Infektionsraten von 100.000 und mehr vorsagten?

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28.07.2021

1. Eigentlich können wir uns gar keinen leisten weil er für die Entscheider ein böhmisches Dorf ist.
2. Er ist ohne eine vernünftige Begründung einfach al auf 7 Tage festgelegt. Warum nicht auf 3,5,9 ....?
3. Der Wert für Deutschland sagt nichts, aber auch nichts aus. Dazu sind die Gegenden in unserem Lande viel zu verschieden.

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28.07.2021

Am 10.August trommelt die scheidende Kanzlerin die MP-Riege zusammen, um in einem der Verfassung unbekanntem Gremium Beschlüsse zur Verlängerung der Notstandsregelungen auf Basis des Infektionsschutzgesetzes zu treffen, ohne das eine pandemische Bedrohung nationaler Tragweite vorliegt.
Es wird irgendein Indikator mit irgendeinem Test, den die WHO zur Feststellung einer Infektion als ungeeignet bezeichnet, erzeugt, der nichts mit einer Notlage zu tun, um die Gesellschaft zu schurriegeln.
Die Risikogruppen sind geimpft und die Ungeimpften haben, wenn an CoVid erkrankt, nicht wenn positiv getestet, eher einen Schnupfen. Das ganze nennt man auch natürlich. Aber alle die sonst so dahinter her sind, der Natur ihren Lauf zu lassen, nutzen die Möglichkeiten, Verfassung, Parlament und Gesetz auszuhebeln.

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28.07.2021

Wir können uns nicht mehr leisten, dass der Inzidenzwert alleine und ausschließlich wie in der Vergangenheit als Basis für Entscheidungen und Maßnahmen benutzt wird.

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28.07.2021

Schluss damit! Die Belegung der Intensiv- und Krankenhausbetten muss relevant sein!

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28.07.2021

Der Blick auf die Hospitalisierung wäre ein richtiger Wert, da er auch unabhängig von der Corona-Infektion funktioniert, d. h. auch schwere Verläufe mit anderen saisonalen Viren wie Influenza werden abgebildet. Denn unserer Inzidenz fehlt weiterhin die konkrete Unterscheidung zwischen Alter, Erkrankung (als Symptomatik) und eben Verlaufsform (Hospitalisierung, Intensivaufnahme). Es ist rein ein Laborwert*, der ohne klinischen Befund eigentlich zu nichts taugt - außer wenn man als politisches Ziel ausgerufen hat, möglichst wenige "Neuinfektionen" zu erlauben.

*) siehe Epidemiologe G. Krause vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung: „Labordaten allein sollten nicht unser Handeln bestimmen“ https://www.welt.de/gesundheit/plus232713177/Delta-Welle-Labordaten-allein-sollten-nicht-unser-Handeln-bestimmen.html

Konsistent war das politische Ziel bei uns nie: Nach "flatten the curve" im letzten Jahr ging es im Herbst/Winter um die Vermeidung einer Überlastung des Gesundheitssystems (wobei dieser Zustand nie definiert wurde, anhand man das festmachen könnte). Jetzt sind wir bei "Vermeidung von Neuinfektionen" angekommen. Wenn man diese Ziele ständig verschiebt, wird man nie aus der Pandemie rauskommen (es sei denn, das ist so gewollt)....

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