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Harry und Meghan
11.03.2021

Nach Interview mit Oprah Winfrey: Stürmische Zeiten für die Royals

Seitdem Harry und Meghan der US-Talkmasterin Oprah Winfrey ein Interview gaben, steht der Buckingham-Palast in London samt der Queen und ihrer Familie weltweit im Fokus der Medien.
Foto: Kirsty Wigglesworth/AP, dpa

Das britische Königshaus befindet sich in einer schweren Krise. Die Vorwürfe von Harry und Meghan sind erschütternd. Und wie geht der Palast damit um? Eigentlich wie immer.

Es war an einem Samstag im Monat Mai vor einer gefühlten Ewigkeit, als Tausende von Menschen ins hübsche Städtchen Windsor pilgerten, um zu feiern, wie Meghan Markle und Prinz Harry sich ewige Liebe versprachen. An jenem Mittag – sogar die Sonne schien trotz englischen Frühlings – sollte ein neuer Stil ins altehrwürdige Adelshaus Großbritanniens einziehen. Was nicht nur daran abzulesen war, dass sich die beiden unaufhörlich berührten, eine höchst unenglische Eigenart.

Es lag vor allem in der Natur des Bündnisses begründet. Harry, auf Platz sechs der Thronfolge, hatte eine unabhängige, starke Frau an seiner Seite und erlebte endlich ein Happy End. Die Nation, die das royale Sorgenkind ins Herz geschlossen hatte, seit es mit gesenktem Haupt und geballten Fäusten hinter dem Sarg seiner toten Mutter Diana herlief, verfolgte, wie er nun Meghan heiratete. Tochter einer Afroamerikanerin und eines weißen Vaters, ehemals Schauspielerin, geschieden, US-Amerikanerin.

Harry und Meghans Hochzeit ist keine drei Jahre her - eine gefühlte Ewigkeit

Da säumten also am Tag der Vermählung etliche US-Amerikaner die Straßen. Sie schwärmten von einem Märchen und wedelten ausnahmsweise mit Union-Jack-Flaggen, weil Meghan nun das geschafft habe, wovon "alle Mädchen in den USA träumen: Prinzessin werden". So fasste es eine Touristin zusammen und schob ein obligatorisches "amazing" nach. Wie die Dame aus Chicago hatten sich zahlreiche Besucher aus der Heimat der ehemaligen Schauspielerin für den freudigen Anlass ein Hütchen auf den Kopf gesetzt; macht man so in England. Hach, die Folklore, seufzten sie beseelt. Damals gingen die alten Upper-Class-Traditionen, die Dresscodes und die Pflicht zum züchtigen Auftreten, die Regeln von anno dazumal und die Etikette am Hof noch als schrullig liebenswert durch.

Meghan würde es schon richten im antiquierten Königshaus. Das Powerpaar sollte nichts weniger als die Monarchie modernisieren.

Wenige Wochen nach ihrer Hochzeit zeigten sich Harry und Meghan im Sommer 2018 noch glücklich an der Seite von Queen Elizabeth II. Doch ihr Verhältnis zum Königshaus und zu den britischen Medien verschlechterte sich schnell und dramatisch.
Foto: Matt Dunham, dpa

Keine drei Jahre später erlebt die Welt das nächste Spektakel, nur wedeln keine behüteten Fans mehr mit Fähnchen. Zahlreiche US-Amerikaner schimpfen jetzt über das veraltete System auf der Insel nach dem "Bombshell"-Interview, wie die Briten so schön sagen, des Herzogs und der Herzogin von Sussex. Ja, dieses Interview schlug ein wie eine Bombe und stürzte die königliche Familie in eine Krise.

Harry und Meghan klagten US-Talkmasterin Oprah Winfrey ihr Leid. Beklagten sich über fehlende Unterstützung trotz psychischer Probleme und Suizidgedanken bei Meghan, über Falschnachrichten, die sogar vom Palast befeuert worden seien, über das Gefühl des Gefangenseins im goldenen Käfig, über die schonungslose Boulevardpresse. Und, am schlimmsten: Sie warfen den Royals Rassismus vor. So habe ein Mitglied der Familie in Gesprächen mit Harry Bedenken über die Hautfarbe seines zu diesem Zeitpunkt noch ungeborenen Sohnes geäußert. Den Namen nannten die Sussexes nicht, und so steht nun die gesamte Sippschaft – ausgeschlossen Königin Elizabeth II. und Prinz Philip – unter Generalverdacht.

Vielleicht hätte man die aktuelle Krise kommen sehen müssen. Andrew Morton, berühmt und berüchtigt wegen seiner Biografie über Lady Diana und deren Ehe mit Prinz Charles beziehungsweise deren Anfang vom Ende, hatte pünktlich zum medialen Hochzeitszirkus 2018 ein Buch über die Prinzenbraut veröffentlicht, dem zufolge zu Meghans Vorfahren der legendäre Schottenkönig Robert the Bruce gehören soll, der im Jahre 1314 die englische Armee besiegte und im aufmüpfigen, abspaltungswilligen Norden der Insel bis heute Heldenstatus genießt. Aufgrund des Kampfs um die Unabhängigkeit von der englischen Krone.

Das Powerpaar sollte die britische Monarchie in ein neues Zeitalter führen

So schließt sich der Kreis. Die königliche Familie stehe als Symbol für die Nation, sagte Morton nun im Gespräch mit unserer Redaktion. Im Umkehrschluss bedeutet das: Harry und Meghan unternahmen mit ihrer Abrechnung auch einen Frontalangriff auf das britische Volk. Wahlweise "beschädigend" oder "vernichtend" nannten Kommentatoren wie Politiker die Enthüllungen für sowohl die Windsors als auch die Reputation des Landes. Einige Beobachter sahen schon die Monarchie stürzen.

Wie also würde wohl der Palast reagieren angesichts der Anschuldigungen? Er tat, was er immer tut: Er schwieg zunächst – und gab fast 40 Stunden nach Ausstrahlung des Fernsehinterviews dem öffentlichen Druck mit einem kurzen Statement nach. In 61 behutsam gewählten Wörtern versuchte sich die Queen an Deeskalation, zeigte sich betroffen, ohne aber die Vorwürfe anzuerkennen. Ansonsten: private Angelegenheit, thanks, und nun zurück zur Tagesordnung, die im Auftrag der Krone steht.

So stattete Prinz Charles, heftig attackiert von seinem Sohn, am Dienstag einem Impfzentrum eine Visite ab. Prinz William, Bruder von Harry, besuchte am Mittwoch eine Londoner Schule. "Wir sind keine rassistische Familie", sagte der Herzog von Cambridge bei dieser Gelegenheit, als sei die Sache damit erledigt.

Bereits nach Lady Dianas legendärem Interview hüllten sich die Royals in Schweigen

Und unter Umständen ist sie das auch. Zumindest schwingt bei den Terminen, die die Royals absolvieren, stets die Botschaft mit: Seht her, wir kommen unseren Pflichten nach! Und ihr, Harry und Meghan, eben nicht.

Auch an Harrys Mutter Diana war das öffentliche Interesse riesig.
Foto: James Fraser, dpa

Um zu verstehen, wie das Königshaus mit dem jüngsten Skandal umgeht, lohnt ein Blick in die Vergangenheit. Da haben sich die Stürme in der Regel nach geraumer Zeit wieder aus dem zugigen Buckingham-Palast verzogen. Was wurde nicht alles geschrieben im Jahr 1995 nach Dianas legendärem BBC-Interview mit Martin Bashir? Der gemeine Sofa-Royals-Fan erinnert sich an den berühmten Satz in Anspielung auf Charles’ langjährige Geliebte Camilla Parker Bowles: "Nun, wir waren zu dritt in dieser Ehe – es war also ein bisschen überfüllt." Nachdem Diana vor der Welt ihr Herz ausgeschüttet und über die Eheprobleme zwischen ihr und Prinz Charles geklagt hatte, über seine Eignung als Thronfolger, über Affären, inklusive ihrer eigenen, über ihre Bulimie und überhaupt alles, folgten Scheidung, Drama und noch mehr Drama. Mit der weiteren Folge: endgültiger Bruch zwischen Diana und der Königsfamilie. Und die Royals? Hüllten sich in Schweigen. Während Diana erst richtig loslegte.

Erinnerungen an den Umgang des Königshauses mit Lady Diana werden wach

"Meine größte Sorge ist, dass sich die Geschichte wiederholt", sagte Harry zu US-Talkmasterin Oprah Winfrey, und für einige Zuschauer mag die Äußerung eine gewisse Ironie gehabt haben, da sich just in diesem Moment die Geschichte wiederholte. Die Parallelen zum spektakulären Interview seiner Mutter sind kaum zufällig. Diana wie auch die Sussexes beschrieben die "Firma" als gefühlskalte Institution, von der sie sich im Stich gelassen fühlten und die sie unter anderem aus Neid regelrecht sabotiert hätte. "Ich befürchte, dass Harry es eines Tages bereuen wird, genau wie Diana", sagte die Autorin Penny Junor.

Bis auf seltene Ausnahmen meldet sich die andere Seite, die Institution, in diesem royalen Zirkus meist nicht zu Wort. Kann man sich vorstellen, wie Prinz William als künftiger König über seine Schwägerin herzieht oder Charles als Thronfolger über seine Ex-Frau? Kann man nicht. Die Königsfamilie fuhr mit dem Motto "Never complain, never explain" ("Sich nie beschweren, sich nie erklären") oft besser.

Nie beschweren, nie erklären - die Krisenstrategie der Queen Mum

Es handelt sich dabei um eine Regel, die von der Mutter der Königin eingeführt wurde. Queen Mum, wie sie im Volksmund hieß, könnte man als Oberkrisenexpertin bezeichnen. Sie musste mitansehen, wie König Edward VIII. nach nur 326 Tagen auf dem Thron aus Liebe zur geschiedenen US-Schauspielerin Wallis Simpson abdankte. Und damit ihr Mann 1936 zu König George VI. gekrönt wurde. Die Bürde der Krone stellte eine persönliche Katastrophe für ihn dar – und wohl auch für seine Gemahlin, die sich aber Zeit ihres Lebens an ihre verordnete Sich-nie-beschweren-sich-nie-erklären-Strategie hielt. Wie der Rest der Familie auch.

Prinz Harry feiert seinen 36. Geburtstag.
18 Bilder
Harrys Weg vom Party-Prinzen zum Royal-Aussteiger
Foto: Peter Dejong, dpa

So überstand das Königshaus in den 1970er Jahren nicht nur die Scheidung von Prinzessin Margaret, der Schwester der Queen, von ihrem Mann – immerhin die erste Scheidung im Kreis der Royals seit Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert –, sondern auch den peinlichen Prinz Charles, der sich laut heimlicher Mitschnitte danach sehnte, Camillas Tampon zu sein.

Wer den Grundsatz in der Vergangenheit missachtete, wie Problemprinz Andrew, löste in der Regel ein PR-Desaster aus. Der Lieblingssohn der Queen verlor seine Statistenrolle auf dem Palastbalkon wie auch all seine Privilegien und öffentlichen Ämter, nachdem er Ende 2019 seine Sicht der Dinge im Missbrauchsskandal um den inzwischen toten, verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein geschildert hatte. Mit diesem blieb er befreundet, auch nachdem dieser verurteilt war. Dem Prinzen selbst wird vorgeworfen, eine damals 17-Jährige zum Sex gezwungen zu haben. Man möchte annehmen, dass dies Stoff für schonungslose Schlagzeilen in den bunten Blättern hergeben würde und zu wackelnden Palastmauern führen könnte. Aber es ist ruhig geworden um den untergetauchten Andrew. Die Familie äußert sich nicht dazu. Genau: royale Krisenbewältigung.

Royale Krisenbewältigung: Sich nie beschweren, sich nie erklären

Nur einmal, nach dem Tod von Prinzessin Diana, rächte sich das Schweigen und die fehlende Anteilnahme. Das Volk erlebte in jener schicksalhaften Woche im Jahr 1997 nach Dianas Unfall eine kaltherzige Familie. Als unnahbar, steif und arrogant wurde die Queen beschimpft, bis sie endlich auf ihre trauernden Untertanen zuging. Jeder vierte Brite befürwortete damals die Abschaffung der Monarchie. Paradoxerweise sorgte diese Krise dafür, dass die Royals wenige Jahre später so beliebt dastanden wie selten zuvor. Sie lernten aus den Fehlern, fuhren eine Weile eine modernisierte PR-Strategie, reparierten den Imageschaden und ließen Glanz und Pomp wieder erstrahlen.

Kratzen Harry und Meghans Vorwürfe nun also nicht nur am schönen Schein, sondern bringen das Königshaus ins Wanken wie einst angeblich König Edward VIII., Diana und Andrew? Die Realität ist: Laut Umfragen steht die Mehrheit der Briten weiterhin hinter der Queen. Nur unter jüngeren Befragten zählen sich mehr Menschen zum "Team Meghan".

Am Donnerstag verbannte die Regenbogenpresse den Skandal bereits auf die hinteren Seiten. Zurück zum Tagesgeschäft.

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