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  3. Interview: Ökonom zur Pandemie: "Kliniken haben zu viel Personal eingespart"

Interview
24.03.2020

Ökonom zur Pandemie: "Kliniken haben zu viel Personal eingespart"

Gesundheitsökonom Wasem: "Ich würde mir wünschen, dass wir deutlich mehr testen würden"
Foto: Reiner Zensen, Imago Images

Exklusiv Deutschlands bekanntester Gesundheitsökonom Jürgen Wasem fordert wegen der Corona-Krise mehr Geld für Pflege, Investitionen und Katastrophenvorsorge.

Kann man bereits sagen, wie gut die Krankenhäuser für die Krise gerüstet sind oder bewegen wir uns im Bereich der Spekulation?

Jürgen Wasem: Vor der Corona-Krise bestand eine breite Übereinstimmung in der Gesundheitspolitik und bei den Gesundheitsökonomen, dass wir in Deutschland zu viele Krankenhäuser und Überkapazitäten bei den Betten haben. Das entpuppt sich jetzt als positiv. Dass die Krise bislang in Bezug auf die Todeszahlen so viel glimpflicher als etwa in Italien verläuft, hängt auch damit zusammen, dass wir deutlich umfangreichere Krankenhauskapazitäten haben.

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Ist bereits absehbar welche mittel- und längerfristigen Folgen die Krise für Gesundheitssystem hat?

Wasem: Wir müssen als Gesellschaft nach der Krise die Frage erörtern, wie viele Reservekapazitäten wollen wir vorhalten und finanzieren. Bisher haben wir solche Vorhaltekapazitäten nur in einigen Bereichen - zum Beispiel für Schwerstbrandverletzte - vorgehalten, möglicherweise entscheiden wir uns, dass wir das dauerhaft auf höherem Niveau wollen. Ein anderer Punkt: Dass die Krankenhäuser aus ökonomischem Druck zu stark Pflegekräfte abgebaut haben, ist schon vor der Krise klar gewesen. Es wird auch hier auf ein neues Gleichgewicht ankommen. Denn einerseits will die Gesellschaft keine unwirtschaftlichen Strukturen finanzieren. Andererseits wollen wir mehr Pflegepersonal. Und damit wir es bekommen, müssen wir ihm auch bessere Arbeitsbedingungen bieten und es besser bezahlen. Das alles galt schon vor Corona, aber es gilt jetzt umso mehr.

Wie bewerten Sie die jüngste harte Auseinandersetzung um die Krankenhausfinanzierung der Corona-Patienten-Versorgung zwischen Klinken, Klinikverbänden und Bundesgesundheitsminister Spahn?

Wasem: Die Kliniken haben auf den ersten Gesetzentwurf aus dem Gesundheitsministerium sehr scharf reagiert, weil sie sich wohl mehr erwartet haben. Der aktuell vorliegende Gesetzentwurf kommt ihren Vorstellungen wohl weit entgegen. Er ist jetzt sehr "krankenhausfreundlich". Wenn es jetzt noch Fundamentalopposition gibt, würde ich sagen, die schießt über das Ziel hinaus.

Wie bewerten Sie aus gesundheitsökonomischer Sicht die gegenwärtige Krisenpolitik? Ist es auch aus dieser Sicht das Beste die Empfehlungen der Virologen zu übernehmen?

Wasem: Wir müssen wegen der Herdenimmunität erreichen, dass 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung infiziert werden, ohne dass bis dahin die Krankenhäuser und Arztpraxen zusammenbrechen. Ich würde mir wünschen, dass wir deutlich mehr testen würden – da erweist sich ja die Strategie in Südkorea  als sehr erfolgreich. Wir müssten viel offensiver testen und dann die Infizierten isolieren, damit die Ausbreitung verlangsamt wird.

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Könnten sich jetzt Fehler oder Versäumnisse der Gesundheitspolitik der Vergangenheit jetzt rächen? Etwa im Bereich Pflege?

Wasem: Bei der Pflege war auch schon vor Corona klar, dass es Fehlentwicklungen gegeben hat. Da haben zu viele Krankenhäuser zu viel Personal eingespart. Und zwar – das ist mir jetzt wichtig – hauptsächlich deswegen, um finanziellen Spielraum für Investitionen zu gewinnen. Denn das ist das Hauptproblem im Krankenhaus: Die Bundesländer kommen ihrer Verpflichtung, die notwendigen Krankenhausinvestitionen zu bezahlen, vollkommen unzureichend nach. Wird die Inflation berücksichtigt, geben die Bundesländer heute halb so viel Geld für Investitionen der Krankenhäuser aus wie vor 25 Jahren. Wenn wir da keine grundlegende Änderung bekommen, werden alle Bemühungen, die Situation der Krankenhäuser zu verbessern, schnell an Grenzen stoßen.

Zur Person: Jürgen Wasem (60) zählt zu den bekanntesten Gesundheitsökonomen in Deutschland. Die Frankfurter Allgemeine zählte den Professor für Medizinmanagement an der Universität Duisburg-Essen als Berater vieler Stellen im Gesundheitssystem zu den zehn einflussreichsten Ökonomen in Deutschland.

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