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Maike Kohl-Richter
13.05.2021

Warum Helmut Kohls Witwe gegen die Helmut-Kohl-Stiftung kämpft

Die Alleinerbin: Maike Kohl-Richter und Helmut Kohl im Jahr 2010.
Foto: Fredrik von Erichsen, dpa (Archiv)

Am Ende des Lebens witterte der Altkanzler überall Verräter. Seine Witwe fühlt sich verpflichtet, diesen Kampf weiterzuführen – sogar gegen eine Erinnerungsstätte.

Helmut Kohl hat Gegner, Journalisten, aber auch Parteifreunde oft spüren lassen, dass es ihm herzlich egal ist, was andere über ihn denken, sagen oder schreiben. Für die meisten Medien hatte er nur Verachtung übrig, viele politische und persönliche Freundschaften zerbrachen zum Ende seines Lebens. Doch je älter der Kanzler der Einheit wurde, desto mehr setzte ihm der Gedanke zu, was einmal über ihn in den Geschichtsbüchern stehen würde. Bis zu seinem Tod kämpfte er juristisch gegen den Biografen Heribert Schwan, dem er sich zunächst anvertraut und ihm dann das Vertrauen wieder entzogen hatte.

Er musste damit leben, dass sein Rivale Helmut Schmidt in hohem Alter zum populärsten Deutschen wurde, während ihm selbst – diskreditiert von der Spendenaffäre und gesundheitlich schwer angeschlagen – das letzte Kapitel als gefragter Elder Statesman verwehrt blieb. Nun hat der Bundestag mit großer Mehrheit beschlossen, eine Stiftung für Helmut Kohl zu gründen. Endlich Genugtuung für dessen Witwe? Endlich ein Zeichen der Versöhnung mit der CDU? Im Gegenteil.

Die Stiftung soll das Lebenswerk von Helmut Kohl erforschen

Maike Kohl-Richter hat sich mit aller Macht gegen das Projekt gewehrt. „Das Vorhaben widerspricht dem letzten Willen meines Mannes“, sagt sie – und mutmaßt in einem Schreiben ihrer Anwälte, das unserer Redaktion vorliegt, es gehe bei der Stiftung „um Gesinnung, Ideologie, Zerstörung und Geschichtsfälschung“. Woher kommt nur diese Bitterkeit? Schon in Kohls letzten Lebensjahren hatten alte Weggefährten, aber auch die beiden Söhne kritisiert, dessen zweite Ehefrau bestimme nicht nur, wer noch Zugang zum Altkanzler bekommt, sondern beanspruche auch die Deutungshoheit über das Lebenswerk der CDU-Ikone. Und genau darum geht es einer solchen Stiftung. Um eine Deutung. Sie soll an den vor vier Jahren gestorbenen Politiker erinnern, aber auch sein Schaffen objektiv erforschen – mit all den Leistungen, aber eben auch seinen Fehlern. Nach Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt ist der Pfälzer der vierte Kanzler, dem diese Ehre zuteilwird. Doch zum Feiern ist niemandem zumute.

Schon um den passenden Ort für die Erinnerungsstätte gibt es Streit. Während sich Bundesregierung und CDU einig sind, dass nur das wiedervereinigte Berlin infrage kommt, ist Kohl-Richter überzeugt, dass die Stiftung in die pfälzische Heimat des Altkanzlers gehöre und ihren Sitz in Ludwigshafen-Oggersheim haben müsse. Sie hat bereits das Grundstück neben dem Bungalow erworben, in dem Kohl während der Bonner Republik mit seiner ersten Frau Hannelore und den Söhnen lebte.

Maike Kohl-Richter lehnt Sitz im Kuratorium der Stiftung ab

Elf Seiten umfasst die Presseerklärung von Kohl-Richters Anwälten. Die 57-Jährige beklagt darin, dass sie mit dem Angebot, einen Sitz im Kuratorium der Stiftung zu übernehmen, vor vollendete Tatsachen gestellt worden sei, anstatt inhaltlich und konzeptionell eingebunden zu werden. Deshalb sei sie auf diesen Vorschlag nicht eingegangen. Die Vermutung, sie wolle in Oggersheim eine Art Kohl-Wallfahrtsort errichten, lässt die Witwe zurückweisen. „Unserer Mandantin ging es noch nie um ,tote‘ Denkmalspflege, Verherrlichung, Personenkult, Deutungshoheit oder wohlfeile Worte. Ihr geht es um Inhalte, vorurteilsfreie, quellengestützte Aufarbeitung“, heißt es in dem Schreiben. Und das führt neben dem atmosphärischen zum zweiten großen Problem der Stiftung.

Viele der Akten, Dokumente und Briefwechsel, die für eine solche Aufarbeitung von Kohls Lebenswerk gebraucht werden, befinden sich im Besitz von dessen Alleinerbin Kohl-Richter. Einen Teil davon hatte der Altkanzler ursprünglich der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung zur Verfügung gestellt, jedoch später wieder nach Oggersheim kommen lassen – als Quellen für seine Memoiren. Dort liegen sie offenbar noch heute. Kohl-Richter dürfte wenig Interesse dran haben, sie freiwillig herauszurücken.

Die Witwe fürchtet, dass die Spendenaffäre zu viel Raum einnimmt

Sie ist überzeugt, im Sinne ihres Mannes zu handeln, der nie verwunden hatte, dass die CDU sich 1999 im Zuge der Spendenaffäre von ihm abgewandt hatte. Die Verbitterung darüber hat der Altkanzler seiner zweiten Ehefrau offenkundig vererbt. Wie schwer diese Hypothek wirkt, lässt sich am Ende des Schreibens ihrer Anwälte erahnen. Sie mutmaßen, die Stiftung diene womöglich gar nicht der objektiven Erinnerung an den Kanzler der Einheit, sondern einem ganz anderen Zweck: „Wie soll unsere Mandantin darauf vertrauen, dass die geplante, angeblich (wie erkennbar nicht) politisch unabhängige Stiftung nicht doch auf Linie der sogenannten Spendenaffäre nur wieder die Fortsetzung des politischen Kampfes gegen Helmut Kohl und seine Politik ist?“

Nichts deutet auf eine Versöhnung der CDU mit dem Mann hin, der die Partei ein Vierteljahrhundert lang geprägt und das Land 16 Jahre lang als Bundeskanzler gelenkt hat.

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