Als der Zweite Weltkrieg am 8. Mai 1945 endete, war das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, in dem Sie über Monate festgehalten wurden, schon befreit. Erinnern Sie sich an diesen Tag?
GINETTA KOLINKA: Nein, überhaupt nicht. Ich war an Typhus erkrankt. Deshalb war ich am 8. Mai 1945 vielleicht grundsätzlich frei, aber nach Hause kam ich erst im Juni. Die Nazis begannen im Oktober 1944, Auschwitz zu evakuieren und ich wurde nach Bergen-Belsen gebracht, ins Lager Raguhn und schließlich nach Theresienstadt. Ich hatte das Glück, im Zug zu fahren. Wäre ich bis zur Befreiung des KZ Auschwitz im Januar 1945 geblieben, wäre ich bei den Todesmärschen dabei gewesen. Ich weiß nicht, ob ich das überlebt hätte.
Wie war es für Sie, nach Frankreich zurückzukehren?
KOLINKA: Ich kann mich nicht an das Gefühl erinnern. Sicherlich war ich froh darüber, aber ich bin nicht vor Freude explodiert, so wie viele Menschen bei der Befreiung von Paris im August 1944. Ich war immer noch geschwächt und wusste zunächst nicht, was mit meiner Familie passiert ist, ob meine Mutter und meine Schwestern überlebt hatten. Ich wusste nur, dass mein Vater und mein kleiner Bruder Gilbert ermordet worden waren. Ich selbst hatte ihnen bei der Ankunft in Auschwitz dazu geraten, in den Lastwagen zu steigen, um nicht zu Fuß bis zum Lager laufen zu müssen. Das boten die Nazis denen an, die müde waren. Das war sehr perfide, denn der Wagen fuhr sie direkt zu den Gaskammern, was ich natürlich nicht ahnen konnte. Ich selbst fühlte mich fit genug, um zu gehen.
Wie haben Sie die Ankunft zu Hause erlebt?
KOLINKA: Zuerst wurden alle Deportierten nach Lyon gebracht. Dort erkannte mich eine Frau als Mitglied der Familie Cherkasky, das ist mein Mädchenname. Sie sagte mir, dass meine Mutter und meine Schwestern am Leben sind und in unsere alte Wohnung zurückgekommen waren. Von Lyon fuhren wir nach Paris, dort kamen alle Deportierten in ein Ankunftszentrum in einem großen Pariser Hotel, dem Lutetia. Uns wurden in verschiedenen Büros immer die gleichen Fragen gestellt und dann die Antworten abgeglichen. So sollten Kollaborateure aufgespürt werden, die sich als Deportierte ausgaben. Als ich gehen durfte, nahm ich einen Bus bis zu unserer alten Wohnung. Im Haus stieß ich auf unsere alte Concierge, die mich für meinen Bruder hielt. Man hatte mir meine Haare abrasiert, da sie voller Läuse waren. Ich trug eine weite deutsche Soldatenjacke, vielleicht um meine Magerkeit zu verstecken. Ich wog nur noch 26 Kilo.
Und dann haben Sie endlich Ihre Familie wiedergesehen.
KOLINKA: Meine Mutter und ich fielen einander in die Arme. Sie muss erschrocken sein, als sie mich so sah, denn wir hatten keinen Fernseher und sie war nicht darüber informiert, in welch einem erbärmlichen Zustand sich die Deportierten befanden. Geweint habe ich nicht, ich hatte schon lange keine Tränen mehr. Meine Mutter sagte, sie warte auf Neuigkeiten von Papa und Gilbert, da antwortete ich ihr unverblümt: „Aber nein, du wirst sie nicht mehr wiedersehen, sie wurden vergast und ihre Körper verbrannt.“ Arme Mama! Das war ein Schock für sie. Aber sie hat mir später niemals vorgeworfen, dass ich ihr die Nachricht so wenig einfühlsam überbracht habe. Ich wusste nicht mehr, was Gefühle waren. Meine Gefühle habe ich in Polen gelassen.
Drehen wir die Zeit etwas weiter zurück: Wie haben Sie die Stigmatisierung der Juden in Paris nach der Kapitulation Frankreichs 1940 erlebt?
KOLINKA: Ich war 14, 15 Jahre alt. Man musste sich im Kommissariat des Viertels melden und bekam einen großen Stempel „Jude“ in den Personalausweis. Aber das reichte den Nazis nicht, sie wollten uns auch demütigen. Deshalb mussten wir den Judenstern tragen. Manche fragen heute, warum wir das getan haben. Nun, wir hätten sonst bei einer Kontrolle festgenommen und ins Gefängnis gesteckt werden können. Und Gefängnis hieß Deportation für die ganze Familie. Mich störte es nicht, den Judenstern zu tragen, ich war stolz darauf, nicht wie alle anderen zu sein. Natürlich war mir nicht bewusst, was das bedeuten sollte. Es gab auch immer mehr Verbote für Juden. Mein Vater hatte eine kleine Werkstatt mit zwei Arbeitern, in der er Regenmäntel herstellte. Ihm wurde untersagt, einen Fuß in seine eigenen Räume zu setzen. Auch meine Schwestern durften von heute auf morgen nicht mehr auf Märkten arbeiten.
Wie kam es, dass sie gemeinsam mit Ihrem Vater, Ihrem Bruder und Ihrem Neffen festgenommen wurden?
KOLINKA: Wir lebten ab 1942 in Avignon, das zunächst noch zur „freien Zone“ gehörte, die nicht von den Deutschen besetzt war, bis auch dort die Nazis einzogen. Wir wurden im März 1944 in unserer Wohnung verhaftet, weil uns jemand verraten hat. Ich habe nie erfahren, wer es war. Aber es gab auch gute Menschen, man nannte sie „die Gerechten“, die meine Mutter und meine Schwestern gewarnt und versteckt haben. Wir kamen über das Gefängnis in Marseille und das Durchgangslager Drancy bei Paris nach Auschwitz. Von den 1502 Menschen in unserem Konvoi kehrten nur 250 lebend zurück.
Wussten Sie, dass Sie in ein Konzentrationslager gebracht wurden?
KOLINKA: Die Nazis haben uns bis zuletzt belogen, sie sagten uns, wir kämen in ein Arbeitslager. Ich war nicht beunruhigt, denn ich dachte: arbeiten, das kann ich. Doch als wir ankamen, mussten wir uns ausziehen. Manchmal werde ich gefragt: „Was war am Schlimmsten?“ Alles war am schlimmsten. Doch die Nacktheit, die Scham werde ich nie vergessen. Ich war 19 Jahre alt. Die Jüngsten wurden sofort aussortiert, denn Hitler tötete alle Juden unter 15 und alle Frauen über 50 oder 55, die Selektion ging nach Augenmaß. Ich wurde zum Arbeitsdienst eingeteilt und musste Pflastersteine legen. Wenn Sie einmal ein Haus bauen und die Einfahrt pflastern möchten, dann weiß ich, wie man das macht. (lacht)
Welche Beziehung hatten Sie zu den anderen Deportierten?
KOLINKA: Ich hatte eine kleine Gruppe von Freundinnen, die ich im Durchgangslager Drancy kennengelernt hatte. Aber ich schlief mit fünf anderen Frauen in einer Art Nische, unter uns und über uns ebenfalls jeweils sechs Frauen. An sie habe ich keine Erinnerung. Wir waren immer so müde, dass wir sofort einschliefen. Über Monate durften wir uns nicht waschen – stellen Sie sich den Gestank vor! Wir schliefen in unseren Kleidern, nachdem wir sie einmal nachts ausgezogen hatten, am nächsten Tag beim Aufstehen nicht schnell genug wieder angekleidet waren und Schläge bekamen. Diese Schläge hatten nichts mit einer Ohrfeige zu tun. Die Kapos prügelten auf einen ein, bis man blutend am Boden lag. Wir fragten uns, wer diese Frauen voller Hass waren. Sie benahmen sich wie Wilde.
Sie haben das Erlebte sehr lange für sich behalten. Warum?
KOLINKA: Ich kehrte ganz alleine zurück und wollte meiner Familie nicht noch mehr Leid bereiten, die Leute nicht mit meinen Geschichten belästigen. Die Nazis hatten meinen Vater, meinen Bruder, meinen Neffen Georges und meine älteste Schwester Léa, die 1943 deportiert wurde, ermordet. Keiner konnte verstehen, was ich erlebt hatte. Aber dass ich nicht darüber sprach, heißt nicht, dass ich nicht daran dachte. Bis heute vergeht kein Tag, an dem mich nicht irgendetwas an diese Zeit erinnert.
Wie kam es, dass Sie mehr als 30 Jahre später dennoch anfingen zu erzählen, in Schulen und bei Veranstaltungen als Zeitzeugin aufzutreten?
KOLINKA: Ich gehörte einem Verein von nach Auschwitz Deportierten an. Als ich längst Rentnerin war, bedrängte mich ein Mitarbeiter der Shoah Foundation von Steven Spielberg, mich für sein Projekt filmen zu lassen. Ich sagte: Auf keinen Fall, ich habe nichts zu erzählen. Schließlich kam er doch und ich redete mehr als drei Stunden lang. Über meinen Verein begann ich dann, gemeinsam mit Jugendlichen in die KZ-Gedenkstätte Auschwitz zu fahren. Heute sieht es dort überhaupt nicht mehr aus wie damals, alles ist sauber und rein.
Sie berichteten auch deutschen Jugendlichen von Ihren Erfahrungen. Wie erlebten Sie diese Begegnungen?
KOLINKA: Oft fühlen sich junge Deutsche für die Taten ihrer Großeltern verantwortlich. Aber das ist absurd. Wenn ich heute einen 80-Jährigen treffe, hat er keine Schuld, er war damals ja noch ein Baby. Nazis waren in der Zeit bis 1945 alle Deutschen, die Hitler unterstützt haben. Wer nicht an seiner Seite stand, war im Gefängnis, versteckt oder tot. Doch die heutigen Deutschen tragen keine Verantwortung, da mache ich einen großen Unterschied.
Aber es gibt eine Form der Verantwortung, dass Antisemitismus und Rassenhass nie wieder stark werden, etwa durch den Aufstieg bestimmter rechtsextremer Parteien.
KOLINKA: Das ist etwas anderes. Ich spreche nicht über Politik, nur über meine Geschichte. Sechs Millionen Menschen wurden ermordet, weil ein Mann namens Adolf Hitler die Juden hasste. Es geht mir darum zu zeigen, wo Hass hinführt. Uns führte er nach Auschwitz. Mein Sohn kam eines Tages von der Schule nach Hause und fragte: „Mama, bin ich ein Jude?“ Er wusste das gar nicht, es war kein Thema bei uns. Meine Nummer am Arm, die 70599, hat ihn natürlich interessiert. Ich sagte ihm, wenn du größer bist, erkläre ich dir, was es damit auf sich hat.
Zur Person Ginette Kolinka, Jahrgang 1925, gehört zu den wenigen Deportierten in Frankreich, die noch leben und von den Monaten im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau berichten können. Jahrzehntelang behielt sie ihre Erlebnisse für sich, erst spät begann sie, Vorträge zu geben. Bis Ende 2020 führte sie regelmäßig Schulklassen durch Auschwitz. Auf Deutsch erschienen ist ihr Buch: „Rückkehr nach Birkenau. Wie ich überlebt habe.“ (Aufbau-Verlag) sowie der Comic „Adieu Birkenau – Eine Überlebende erzählt“ (Splitter Verlag).
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
AnmeldenSie haben noch kein Konto? Kostenfrei registrieren