Die iranische Hauptstadt Teheran lag am Mittwoch am fünften Tag in Folge unter Beschuss. Israelische und iranische Kampfflugzeuge lieferten sich Luftkämpfe über der Zehn-Millionen-Stadt, schwere Explosionen erschütterten den östlichen Teil der Metropole. Trotzdem bereitete die Islamische Republik den Beginn von dreitägigen Trauerfeiern für den getöteten Regimechef Ali Chamenei vor. Seine Leiche sollte ab Mittwochabend aufgebahrt werden. Im Kampf um Chameneis Nachfolge als Revolutionsführer schien Chameneis Sohn Modschtaba die Nase vorn zu haben. Bei der anstehenden Entscheidung spielt die Revolutionsgarde die Rolle des Königsmachers.
Wahl des Expertenrats wird durch Angriffe erschwert
Der getötete Chamenei war nach Staatsgründer Ruhollah Khomeini erst der zweite Revolutionsführer der Islamischen Republik. Laut Verfassung wählt der 88-köpfige Expertenrat – ein Gremium aus konservativen Geistlichen – den neuen Mann an der Spitze des Staates. Bewerber müssen den geistlichen Rang eines Ajatollahs haben. Spitzenpolitiker wie Ali Laridschani, der Vorsitzende des iranischen Sicherheitsrates, kommen deshalb für den Posten des Regimechefs nicht in Frage.
Ein Sprecher des Expertenrates sagte am Mittwoch, das Gremium werde die Wahl des neuen Revolutionsführers bald abschließen. Das Ergebnis werde so bald wie möglich bekanntgegeben. Allerdings erschwere der Krieg im Land das Wahlprozedere. Die New York Times meldete unter Berufung auf Quellen im Iran, der 56-jährige Chamenei-Sohn sei aus Vorabstimmungen des Expertenrates als Favorit hervorgegangen.
Auch ein Khomeni-Enkel zählt zu den Kandidaten
Zu Modschtaba Chameneis Rivalen zählt der 67-jährige Ajatollah Alireza Arafi, der seit dem Tod des Revolutionsführers in der iranischen Übergangsregierung sitzt und als dessen Schützling galt. Ebenfalls im Rennen ist Hassan Khomeini, ein 53-jähriger Enkel des Staatsgründers. Arafi und Khomenei gelten im politischen Spektrum der iranischen Elite, die größtenteils aus antiwestlichen Hardlinern besteht, als eher gemäßigt.
Modschtaba Chamenei gilt dagegen als Mitglied der Betonfraktion. Er wird seit Jahren als möglicher Nachfolger genannt und verdankt seine politische Spitzenposition seiner Arbeit im Stab seines Vaters, der Zentrale der Macht im Iran. Dort steht er mit den verschiedenen Lagern der Führung in enger Verbindung und pflegt besonders engen Kontakt zur Revolutionsgarde, der mächtigen Leibgarde des Regimes. Die USA belegten Chamenei deshalb mit Sanktionen. Als Strippenzieher hinter den Kulissen habe der Chamenei-Sohn in den vergangenen Jahren die Niederschlagung von Protesten durch die Garde befehligt, sagt die iranische Opposition.
Chameneis Wahl würde gegen Prinzipien der „Islamischen Republik“ verstoßen
Gegen Modschtaba Chameneis' Chancen auf den Spitzenposten spricht, dass seine Wahl ein Verstoß gegen eine Grundregel der Islamischen Republik wäre: Für das theokratische System, das 1979 nach dem Aufstand gegen die Schah-Dynastie errichtet wurde, ist eine Machtübergabe vom Vater an den Sohn eigentlich ein Tabu. Die Wahl des Chamenei-Sohns würde „die ideologischen Grundlagen der Islamischen Republik unterminieren“, wie die Nahost-Analyseplattform Amwaj kommentierte. In Teilen des Regimes wäre er als neuer Revolutionsführer gleich von Beginn an umstritten.
Dass Modschtaba Chamenei dennoch als Top-Favorit gehandelt wird, illustriert den Einfluss der Revolutionsgarde im Staat. Keiner der Kandidaten für das höchste Staatsamt könne gegen den Widerstand der Truppe gewählt werden, sagt der Iran-Experte Ali Alfoneh vom Arab Gulf States Institute in Washington. Von allen Bewerbern steht Modschtaba Chamenei der Garde am nächsten.
Wenn die Truppe ihn gegen ideologische Widerstände durchsetzen kann, wäre das eine Art indirekte Machtübernahme der Revolutionsgarde, die schon unter dem getöteten Chamenei die mächtigste Einzelgruppe in der Elite war. Modschtaba Chamenei wäre von der Garde abhängig.
Israel erklärt jeden neuen Regime-Anführer zur Zielscheibe
Diese Konstellation an der Staatsspitze wäre eine Kampfansage an den Westen, könnte nach einem Ende des Iran-Krieges aber auch den Weg zu pragmatischeren Beziehungen eröffnen, als sie unter Chameneis Vater möglich waren. Die New York Times zitierte einen iranischen Politiker aus der Umgebung von Modschtaba Chamenei mit den Worten, als Revolutionsführer könnte dieser wirtschaftliche Reformen wie der saudische Thronfolger Mohammed bin Salman einleiten. Da die Revolutionsgarde rund ein Drittel der iranischen Wirtschaft kontrolliert, könnte sie davon profitieren.
Erste Aufgabe des neuen Revolutionsführers wäre jedoch das eigene Überleben. Israels Verteidigungsminister Israel Katz kündigte am Mittwoch bereits an, sobald im Iran ein neuer Regimechef im Amt sei, werde dieser zum „Ziel für die Eliminierung“.
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