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„Wir tragen Schwarz, aber in uns ist es bunt“: So geht es den Menschen im Iran nach dem Tod Chameneis

Iran

„Wir tragen Schwarz, aber in uns ist es bunt“: So geht es den Menschen im Iran nach dem Tod Chameneis

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    Anhänger der Regierung trauern, andere feiern nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers Chamenei in Teheran.
    Anhänger der Regierung trauern, andere feiern nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers Chamenei in Teheran. Foto: Vahid Salemi, AP/dpa

    Als die Bomben fallen, fangen Menschen in Teheran auf den Straßen an zu tanzen. Jugendliche kommen aus ihren Schulen und jubeln. Das zeigen Videos, die Personen im Iran trotz katastrophaler Internetverbindung in die Welt schicken konnten. Sie feiern die Angriffe auf das reaktionäre Regime, obwohl die Attacke der USA und Israels auch für sie selbst eine Gefahr darstellt.

    Ein Querschläger, eine zu früh abgeworfene Bombe, niemand kann das vorhersehen. Doch für viele Bürgerinnen und Bürger im Iran ist die Gefahr zweitrangig, sie hoffen auf ein neues Zeitalter. „Freiheit, Freiheit“, rufen sie.

    Ajatollah Ali Chamenei, der die Republik am Persischen Golf über fast vier Jahrzehnte als Staatschef beherrschte, ist tot. Gestorben in einem Gebäudekomplex in Teheran, in dem er ein Büro hatte. Vielen im Land war der 86-jährige Revolutionsführer verhasst. Doch es gibt auch die anderen. Jene, die Chamenei nicht als Diktator bezeichnen. Weinende Fernsehmoderatoren, die seinen Tod als „Märtyrer“ betrauern. Religiöse Fanatiker, die Muslime in aller Welt zur Vergeltung aufrufen. Mit der neuen politischen Zeitrechnung im Iran beginnt am Sonntag der Kampf um die Zukunft des Landes. Für US-Präsident Donald Trump ist das Ziel klar: der Sturz der Islamischen Republik. Trump sagt an das iranische Volk gerichtet: „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen.“

    Der Iran reagiert schnell auf die Angriffe

    Als Israel und die USA am Samstagmorgen in ihren neuen Krieg gegen den Iran ziehen, verzichten sie auf den Schutz der Dunkelheit – so sicher sind sie, dass die iranische Flugabwehr machtlos sein wird. Die israelische Luftwaffe fliegt die ersten Angriffe. Rauchwolken steigen nach schweren Explosionen über der iranischen Hauptstadt in den blauen Morgenhimmel. Kampfflugzeuge und Raketen bombardieren militärische Anlagen und Regierungsgebäude. Neben Teheran sind der Westen und der Süden besonders betroffen. Der Iran antwortet schnell: mit Raketen auf Israel, arabische Staaten und US-Stützpunkte. Mehrere Regierungen am Persischen Golf sind mit den USA verbündet.

    Die Angriffe auf die Freunde der Amerikaner sollen Druck auf Trump auslösen, damit er den Konflikt wieder beendet. Doch der denkt nicht daran. Den ganzen Sonntag über fliegt die israelische Luftwaffe weitere Angriffe. Iran schlägt zurück mit Angriffen auf Israel, Doha, auf Ziele in Bahrain. Die Mullahs schicken bewaffnete Drohnen an die Küste Omans, lenken sie auf Öltanker in der für den Schiffsverkehr strategisch wichtigen Meerenge von Hormus. Meldungen über Tote und Verletzte laufen über die weltweiten Nachrichtenticker. Millionen Menschen in Israel müssen auch am Sonntag in Schutzräumen ausharren. Raketen Irans, Abwehrraketen Israels, alles im Halb-Stunden-Takt.

    Verdächtige Satellitenbilder bei Atomanlage im Iran

    Das islamische Regime hat in den Augen der USA und Israels zu viele Grenzen übertreten. So deutlich, dass auch Deutschlands Außenminister Johann Wadephul die Luftangriffe als „notwendig“ bezeichnet. Das iranische Regime gefährde nicht nur Israel, sondern auch die Interessen Europas, sagt der CDU-Politiker und steht mit dieser Meinung nicht allein.

    Es begann mit den friedlichen Protesten im Januar, als Chamenei Tausende Demonstrierende niedermetzeln ließ. Hinzu kam die Hinhaltetaktik in den Gesprächen über das iranische Atomprogramm, die verdächtigen Satellitenbilder rund um die Atomanlage von Isfahan. Das nur notdürftig verschleierte militärische Staatsziel, die Auslöschung des Judenstaates. Jetzt aber ist es das Regime in Teheran, das um seine Existenz kämpft.

    „Wenn wir fertig sind, übernehmt ihr die Regierung.“

    Donald Trump, US-Präsident, zu den Menschen im Iran

    Im Iran ist die Stimmung am Sonntag, nachdem der Tod des Theokraten Chamenei Gewissheit wurde, gespalten. Nicht alle trauen sich, ihre Freude offen zu zeigen. Zu frisch ist die Erinnerung an den Jahresbeginn, als das Blut derer, die aus Sicht der Mullahs zu laut ihre Freiheit forderten, die Straßen rot gefärbt hatte. Die 23-jährige Sadaf und ihre Freundinnen versuchen, ihre Gefühle zu verbergen: „Wir tragen Schwarz, aber in uns ist es bunt“, sagt die Architekturstudentin in Teheran. Viele haben sich nach draußen gewagt, obwohl US-Präsident Trump über seine Online-Kanäle die Iranerinnen und Iraner aufgerufen hatte, während der Luftangriffe zu Hause zu bleiben, danach aber das Regime „hinwegzufegen“, wie er es formulierte. „Wenn wir fertig sind, übernehmt ihr die Regierung.“

    Studentin Sadaf gehört zur Generation Z, die nicht nur die islamische Staatsideologie, sondern zunehmend auch den Islam selbst ablehnt. „Mit Chameneis Tod sterben hoffentlich auch diese überholten islamischen Sitten“, sagt sie vorsichtig, während andere ihre Freude laut aus den Fenstern schreien.

    Ajatollah Ali Chamenei – Generationen von Menschen im Iran kennen keinen anderen Mann an der Spitze des Staates. Der 86-jährige Geistliche wollte einst die Islamische Republik retten, doch als Veteran der Revolution von 1979 blieb sein Handeln in ideologischen Denkmustern verhaftet, die sich längst überlebt hatten. Chamenei war taub für innenpolitische Reformforderungen und manövrierte den Iran in die außenpolitische Isolation.

    Als Aktivist im islamistischen Widerstand gegen das Schah-Regime wurde Chamenei in seinen jungen Jahren mehrmals verhaftet. Als 1978 die Revolution begann, gehörte er zur Führungsriege der Islamisten; 1989 rückte er an die Spitze der Islamischen Republik.

    Fast vier Jahrzehnte später besiegeln 30 israelische Bomben sein Ende. Laut der New York Times hatte der US-Geheimdienst CIA in den Monaten vor dem Luftschlag Chameneis Bewegungsprofil stetig verbessert und Wind von einem Treffen mit führenden Funktionären bekommen, das am Samstagmorgen in dem Teheraner Gebäude stattfinden sollte.

    Eine Rauchwolke steigt nach einer Explosion über Teheran auf.
    Eine Rauchwolke steigt nach einer Explosion über Teheran auf. Foto: Vahid Salemi, AP/dpa

    Der getötete Revolutionsführer gehörte zu einer Generation, die Verfolgung, Umsturz und nach dem Überfall des Iraks auf den Iran 1980 auch Krieg erlebte. 1981 wurde Chamenei bei einem Attentat schwer verletzt und konnte seitdem seinen rechten Arm nicht mehr gebrauchen.

    Oberste Prioritäten Chameneis waren die ideologische Festigung und der Fortbestand der Islamischen Republik; diese Ziele waren ihm wichtiger als die demokratische Legitimation des Regimes durch Wahlen oder der Wohlstand der Bürger. Chamenei war überzeugt, dass die Islamische Republik nur zu retten sein würde, wenn die Hardliner das gesamte Regime beherrschten, wie der Iran-Experte Alex Vatanka vom Nahost-Institut in Washington in einem Buch über ihn schrieb. Stur sei er gewesen und nicht oft in der Laune, sich andere Meinungen anzuhören. Damit entfernte sich Chamenei mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit vieler Iraner. Forderungen nach der Abschaffung von sozialen Vorschriften wie der Kopftuchpflicht für Frauen waren ihm suspekt. Die Folter Andersdenkender nicht.

    Staatsmedien verbreiten übers Wochenende Aufnahmen, die Menschenmengen beim Trauern um Chamenei zeigen sollen. Landesweite Feierlichkeiten werden, wie es im Islam Brauch ist, bis zum 40. Tag nach dem Tod andauern.

    Zunächst soll ein dreiköpfiger Übergangsrat aus dem Inneren des Machtapparats das Land führen, wie am Sonntag bekannt wurde. Noch setzt die islamische Elite darauf, den Tod ihres Anführers kompensieren zu können.

    Gerade unter älteren Menschen im Iran wächst nun aber die Angst vor dem, was kommt. Sie fürchten einen Bürgerkrieg. „Im Irak und in Libyen ist es nach dem Machtwechsel auch nicht besser geworden“, sagt der Rentner Homajun in Teheran. Aktuell sei alles chaotisch, und es werde schlimmer – jetzt, wo der „Chef“ weg sei, sagt er. Für den Bankangestellten Ramin und viele junge Iranerinnen und Iraner ist der Tod des selbst ernannten Religionswächters jedoch „der Beginn vom Ende dieses Regimes und all unserer Leiden“. Fürchtet Ramin nicht eine ungewisse Zukunft? „Nein, dunkler als Schwarz kann es ja nicht werden.“ (mit dpa)

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