Markus Söder erinnert sich noch gut. Als die beiden Antipoden Helmut Kohl und Franz Josef Strauß an der Spitze von CDU und CSU standen, sei das „eine Männerfreundschaft“ gewesen, sagt er augenzwinkernd. Unter Angela Merkel und Horst Seehofer hätten die beiden Schwesterparteien dann „unterschiedliche Phasen des Auf und Ab“ erlebt. Mit ihm und Friedrich Merz jedoch habe es vom ersten Tag an gepasst. „Du kannst Dich auf uns verlassen“, sagt der CSU-Chef zum CDU-Chef, als müsse er all jene Lügen strafen, die ihm noch immer Ambitionen auf dessen Amt unterstellen. „Wir unterstützen Dich als Kanzler“, versichert er Merz. Und das „gerne auch länger.“
Vor dem CDU-Parteitag in Stuttgart spielt Söder damit auf einen Satz von Merz aus der vergangenen Woche an, der gesagt hatte, er habe vor, „das noch eine längere Zeit zu machen.“ Es ist ein temperamentvoller Auftritt, der die Delegierten nach langen Antragsberatungen zurück in die Tagespolitik holt. Zum Beispiel nach Rheinland-Pfalz, wo im März ebenfalls noch ein neuer Landtag gewählt wird und SPD, Grüne und FDP bisher gemeinsam regieren. „Dieser ganze Ampel-Quatsch – der muss jetzt endlich aufhören“, wettert Söder und gibt für die Wahl in Baden-Württemberg zwei Wochen vorher ebenfalls noch eine klare Devise aus: Schwarz-Grün statt Grün-Schwarz.
Söder: Als Amerika um Hilfe gebeten hat, waren wir da.
Etwas nachdenklichere Töne schlägt er beim Thema USA an. Das transatlantische Verhältnis, sagt er, stecke in einer Beziehungskrise. „Es ist aber noch keine Scheidung.“ Den Antiamerikanismus der Linken macht er sich nicht zu eigen. „Amerika ist noch nicht am Ende der Geschichte“, sagt Söder, der US-Präsident Donald Trump mit seinen Alleingängen in der Zoll- oder der Verteidigungspolitik eines zu bedenken gibt: Als Amerika nach den Angriffen vom 11. September 2001 um Hilfe gebeten habe, „da waren wir da.“ Am Ende dankt Merz ihm für eine „mitreißende Rede.“ Und schenkt ihm eine Jacke im Stile der „Star-Wars-Filme“, deren größter Fan vermutlich Markus Söder heißt. „Bitte verstehe unser Geschenk nicht falsch“, lacht Merz. „Wir wollen dich nicht auf den Mond schicken.“
Unter Merz und Söder sind die Schwesterparteien wieder enger zusammen gerückt. Vorbei die Zeiten, als Horst Seehofer im Streit um Angela Merkels Politik der offenen Grenzen von einer „Herrschaft des Unrechts“ sprach, die Kanzlerin mit ihrer Richtlinienkompetenz drohte und für kurze Zeit die Fraktionsgemeinschaft von CDU und CSU im Bundestag infrage stand. Vorbei auch die Zeiten, als Söder keine Gelegenheit ausließ, gegen den gemeinsamen Kanzlerkandidaten Armin Laschet zu sticheln. Heute sagt Merz: „Die Zusammenarbeit könnte nicht besser sein.“
Bereits zum Auftakt des zweiten Parteitagstages hat Fraktionschef Jens Spahn den guten Teamgeist zwischen ihm und Alexander Hoffmann, dem Landesgruppenvorsitzenden der CSU, beschworen. Während Merz am Vortag eine eher staatstragende Kanzlerrede gehalten und die Parteiseele kaum gestreichelt hat, legt Spahn nun eine Schippe drauf. Der Parteinachwuchs schüttelt sich noch den Kater vom Parteiabend aus den Kleidern, als der Münsterländer sich zunächst die AfD vornimmt. „Mit dieser Truppe ist kein Staat zu machen“, sagt Spahn, und lässt ein Stakkato von Vorwürfen folgen, um die Mauscheleien in der AfD mit gut dotierten Posten von Familienmitgliedern zu beschreiben: Verrat am Vaterland, Verrat am Steuerzahler. Mafios.
Spahn nimmt sich die AfD und die Linke vor
So richtig wachen die Delegierten allerdings erst auf, als Spahn zur Linken und ihrer schillernden Frontfrau Heidi Reichinnek kommt. „Ich kann Euch sagen, Tattoos, TikTok – am Ende wird es mit Genossin Reichinnek nicht besser als mit Genosse Honecker“, donnert der Fraktionsvorsitzende. Jubel in der Halle. Die Linke sei eine krude Mischung „aus alter SED und neuer Hamas“. Wieder Beifall. Dass Reichinnek so populär ist, daran hat die CDU allerdings kräftig mitgetan. Als Merz vor etwas mehr als einem Jahr im Bundestag mit der AfD die Asylpolitik verschärfen will, tritt ihm Reichinnek im Bundestag entgegen. Das Video über die kurze Rede haben Millionen Menschen in den sozialen Netzwerken gesehen. Seitdem hat die Linke Aufwind, und in Ostdeutschland dürfte es nach den Landtagswahlen im Herbst kaum ohne sie gehen, wenn die AfD von der Macht ferngehalten werden soll.
Auch Spahn greift in Stuttgart das Leitmotiv des Kanzlers auf, dass die Gesellschaft mehr Zuversicht braucht. „Das Land ist ziemlich in Moll.“ Ob es der CDU gelingt, diesen Optimismus in der Koalition mit den Sozialdemokraten zu verbreiten? „Muss“, sagt Jens Spahn, „Ja, es ist unendlich mühsam. Aber es muss und es wird gehen mit der SPD.“
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