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Fast nur Akademiker im Bundestag: Können nur Studierte gute Politiker sein?

Akademiker

Bundestag besteht hauptsächlich aus Akademikern: Was macht das mit unserer Gesellschaft?

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    Im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen aus der CSU hat der Bundestagsabgeordnete Artur Auernhammer nicht studiert. Er ist Landwirtschaftsmeister.
    Im Gegensatz zu vielen seiner Parteikollegen aus der CSU hat der Bundestagsabgeordnete Artur Auernhammer nicht studiert. Er ist Landwirtschaftsmeister. Foto: Auernhammer

    Politiker sollen sich mit Problemen beschäftigen, die die Menschen in ihrem Alltag umtreiben. Doch was wissen unsere Abgeordneten von den Nöten der Krankenschwester, von den Sorgen der Handwerker, von den Wünschen der Lieferdienst-Fahrer? Liest man die Lebensläufe von Bundestagsabgeordneten, stellt sich heraus: Die meisten von ihnen haben einen völlig anderen Werdegang und damit andere Lebenserfahrungen als der Großteil der Deutschen. Das Parlament besteht zu 81 Prozent aus Akademikern, wie eine Analyse der University of Europe for Applied Sciences ergeben hat. In der gesamten Bevölkerung haben lediglich 20 Prozent der Menschen einen Hochschulabschluss. Doch Vertreter von Berufen im Bereich der Pflege oder aus dem Handwerk sind im politischen Betrieb eher die Ausnahme.

    „Das ist ein Trend, der mir Sorgen macht“, sagt Artur Auernhammer. Der CSU-Politiker ist Bundestagsabgeordneter für Ansbach und Weißenburg-Gunzenhausen in Mittelfranken. Als Landwirtschaftsmeister hat er einen anderen beruflichen Hintergrund als viele seiner Parteikollegen. Denn bei CDU und CSU liegt der Anteil an Akademikern im Bundestag mit über 90 Prozent sogar noch über dem Durchschnitt. Nach Ansicht von Auernhammer wirkt sich das auf politische Entscheidungen aus.

    Viele Politiker haben Jura oder Wirtschaft studiert

    Ein Handwerksmeister betrachte etwa Klimaschutzmaßnahmen stärker von der praktischen Seite und ein Bäcker könne besser abschätzen, welche Konflikte es im Alltag mit Arbeitszeitgesetzen geben könnte, sagt Auernhammer. Abstimmungen über Gesetze werden aber von Abgeordneten dominiert, die häufig Jura, Politik- oder Wirtschaftswissenschaften studiert haben.

    Dabei muss man keine Universität besucht haben, um ein guter Politiker zu sein, betont Michael Hartmann. Er ist emeritierter Professor für Elite- und Organisationssoziologie an der TU Darmstadt. Die Aufgabe von Abgeordneten sei es nicht, Paragrafen von Gesetzestexten auseinanderzunehmen. „Es geht darum zu verstehen, welche Konsequenzen eine Entscheidung für die unterschiedlichen Teile der Bevölkerung hat“, betont er.

    Soziologe Hartmann beobachtet immer mehr Berufspolitiker

    Doch Hartmann beobachtet, dass es immer mehr „Berufspolitiker“ gibt – also Leute, die direkt vom Vorlesungssaal in den politischen Betrieb wechseln. Bis vor etwa 25 Jahren sei es noch üblicher gewesen, dass Amtsträger vor ihrem Mandat einige Jahre in einem anderen Beruf gearbeitet haben. Heutzutage sei es für angehende Politiker erfolgversprechender, früh in das System einzusteigen. „Du lernst, wie die Mechanismen funktionieren und wie du Konkurrenz aus dem Feld schlagen kannst.“ Bei CSU-Mann Auernhammer lief der Einstieg in die Bundespolitik anders.

    Er zog mit Anfang 40 das erste Mal in den Bundestag ein, zuvor hat er seinen landwirtschaftlichen Betrieb geführt. In die Politik wuchs er im Laufe der Jahre hinein, sagt er, angefangen in der Kommunalpolitik. Doch diese „Ochsentour“ nehme nicht jeder auf sich. „Natürlich ist es für Handwerker oder Landwirte eine große Herausforderung, nebenbei politisch aktiv zu sein“, erinnert sich Auernhammer.

    Muss man studiert haben, um Politik machen zu können? Soziologe Michael Hartmann hat eine klare Antwort.
    Muss man studiert haben, um Politik machen zu können? Soziologe Michael Hartmann hat eine klare Antwort. Foto: Hartmann

    Selbst in der SPD überwiegen Akademiker

    Auch in der SPD, die sich als Arbeiterpartei versteht, hat die große Mehrheit der Abgeordneten studiert. Tatsächlich waren Arbeiter in Spitzenpositionen, vor allem in der Bundesregierung, auch in der SPD schon immer eher die Ausnahme, erklärt Soziologe Hartmann. Doch in den Ortsvereinen und Bezirksgremien seien früher noch viele Leute aus den Gewerkschaften aktiv gewesen. „Das hat sich in den 70er und 80er Jahren gravierend verändert.“ Zu dieser Zeit seien zunehmend Studienräte oder studierte Kommunalbeschäftigte eingetreten – wodurch sich die Diskussionen in der Partei veränderten. „Die Gewerkschaftsleute sind dann weggeblieben, das waren nicht mehr ihre Themen.“ Diese Entwicklung hat nach Hartmanns Ansicht eine ernsthafte Konsequenz: „Die Verbindung der SPD zu ihrer klassischen Klientel ist verloren gegangen.“ Inhaltlich – aber auch sprachlich.

    Dass sich Politiker mit ihrer Art zu sprechen immer mehr von der Bevölkerung entfernt haben, zeigt sich laut Hartmann auch bei Mitgliedern der Grünen. In dem akademischen Milieu, aus dem diese oft stammen, werde eine gendergerechte Sprache oder Worte genutzt, die einen universitären Klang haben. Große Teile der Bevölkerung können mit dieser Ausdrucksweise nichts anfangen, sagt Hartmann. Den Eindruck, dass eine scheinbar abgehobene Elite das Land regiert, macht sich eine Partei gerne zunutze: die AfD.

    In der AfD-Bundestagsfraktion sitzen am wenigsten Akademiker

    Tatsächlich ist der Anteil der Akademiker unter AfD-Abgeordneten mit 61 Prozent vergleichsweise gering. Man müsse aber zwischen West- und Ostdeutschland unterscheiden, erklärt Hartmann. Spitzenpolitiker aus dem Westen wie Alice Weidel gehörten überwiegend den oberen Gesellschaftsschichten an. Im Osten hingegen stammen laut dem Soziologen viele AfD-Leute aus der gesellschaftlichen Mitte und haben nicht studiert.

    Das sei zwar nicht der einzige Grund für den Erfolg der rechtspopulistischen Partei, sagt Hartmann. Doch manche AfD-Politiker schafften es durch ihre Ausdrucksweise und ihre Kleidung, weniger abgehoben zu wirken als andere Politiker. Dass das bei vielen gut ankommt, zeigen die Ergebnisse der Bundestagswahl 2025. 38 Prozent der Arbeiter haben laut einer Umfrage von infratest dimap für die AfD gestimmt. Für die SPD 12 Prozent.

    Quoten für Politiker ohne Hochschulabschluss?

    Auch der Abgeordnete Auernhammer sagt: „Wenn ein AfD-Politiker regional verwurzelt ist und eine fachliche Ausbildung hat, sagen vielleicht die ein oder anderen: So schlimm ist der ja gar nicht, wenn der mit seinem Meisterbrief für die AfD kandidiert.“ Diese vermeintliche Bodenständigkeit sei aber nur ein Eindruck, betont Auernhammer – und finde sich nicht in den Inhalten wieder. Doch wie kann es nun den Parteien der Mitte gelingen, mehr Nicht-Akademiker in ihre Reihen zu holen?

    Soziologe Hartmann plädiert für parteiinterne Quoten. Auernhammer hält davon wenig. Aber es sei wichtig, schon in der politischen Nachwuchsarbeit Leute aus Ausbildungsberufen zu unterstützen. „Wir müssen als CSU wieder lernen, die Menschen vor Ort mehr einzubeziehen.“ Wenn das nicht gelingt, dann, so fürchtet Auernhammer, werde die AfD wohl noch mehr Zuspruch erfahren.

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