Herr Wulff, die Welt ist unübersichtlich geworden, beinahe feindselig. Gibt es in diesen Tagen auch etwas, was uns optimistisch stimmen kann?
CHRISTIAN WULFF: Wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass es in den großen, den entscheidenden Fragen immer besser für Deutschland geworden ist. Wir reden oft über einzelne Dinge, die nicht funktionieren. Aber viel wichtiger ist doch, dass wir beispielsweise seit 80 Jahren im Frieden leben. Das hat es auf deutschem Boden zuvor niemals gegeben. Aber Sie haben natürlich recht: Wir stehen vor einer Prüfung, ob wir standhalten mit unserem Europa, mit unserer Demokratie, mit unserer Vielfalt, mit unserer bunten Republik, mit unserer Art zu leben. Tolerant, offen. Oder, ob wir auf einen Zug aufspringen, der weltweit gerade Konjunktur hat, nämlich die Welt zurückzuschrauben in frühere Zeiten, wie sie vermeintlich gewesen sind. Und da muss sich jeder Einzelne, jede Einzelne entscheiden.
Was wird aus Deutschland?
WULFF: Ich bin optimistisch, weil ich Deutschland auf Platz drei in der Welt sehe, als drittgrößte Volkswirtschaft der Erde. Gerade liegt sie am Boden, wie bei Gullivers Reisen der Riese, gefesselt von Bürokratie und Reglementierung. Keiner weiß so richtig, ob er noch darf, ob er noch kann, ob er noch will. Aber wenn man diesen Riesen befreien würde, dann glaube ich nach wie vor, dass wir eine große Rolle in der veränderten Welt spielen können.
Trauen Sie der Bundesregierung zu, die Fesseln zu lösen?
WULFF: Ich hätte mir gewünscht, dass man das sofort nach der Wahl macht, weil man eigentlich sofort loslegen muss, wenn alle im Siegestaumel sind. Ist nicht passiert, sollte aber jetzt schnell passieren.
Der Kanzler hat sich im Wahlkampf vollmundig gegen neue Schulden ausgesprochen, um dann das Gegenteil zu tun. Ist das Vertrauen schon verspielt?
WULFF: Fairerweise muss man sagen, dass wir ein Riesenproblem haben mit der Verteidigung unserer Freiheit. Dafür brauchen wir eine leistungsfähigere Bundeswehr, eine leistungsfähigere Nato und auch eine bessere Infrastruktur. Die Regierung muss jetzt dafür sorgen, dass das Geld richtig eingesetzt wird. Es darf nicht dazu führen, dass die Rüstungsindustrie einfach nur alles teurer macht. Es muss mehr europäische Kooperation und Modernisierung mit Drohnen geben, es muss hohe Stückzahlen geben.
Von der Verunsicherung im Land profitiert vor allem die AfD. Die Union diskutiert zumindest intern darüber, wie lange die Brandmauer noch stehen kann, wenn diese Partei weiter zulegt. Können Sie sich, etwa auf kommunaler Ebene, irgendeine Form von Zusammenarbeit vorstellen?
WULFF: Nein. Ich bin der festen Überzeugung, dass das eine der zentralsten Fragen überhaupt ist für die Erhaltung unserer Demokratie. Ich glaube, dass die politische Mitte, also FDP, Grüne, SPD, CSU, CDU, gemeinsam klar machen muss, dass es grundsätzliche Fragen sind, die sie von der AfD unterscheiden. Wir müssen diese Partei argumentativ zu Wasser, zu Lande, zu Luft stellen, anstatt ständig deren Themen zu spielen. Migration soll die Mutter aller Probleme sein? Nein, das ist sie nicht. Menschen, die über Jahrzehnte zu uns gekommen sind, haben zum wirtschaftlichen Wachstum beigetragen, haben geholfen, dass hier nicht die Lichter ausgehen.
Ganz praktisch gefragt: Wenn in einer Kommune eine Turnhalle saniert werden soll, kann man das mit Stimmen der AfD beschließen oder nicht?
WULFF: Es kann keine gemeinsamen Initiativen, keine Absprachen, keine Bündnisse, keine Formen von Zusammenarbeit geben, weil diese Partei gegen Minderheiten hetzt, Hass verbreitet und Unfrieden in unser Land bringt. Es geht ja auch um die Frage: Fähigkeit zum Konsens oder Unversöhnlichkeit? Diese Leute schüren gezielt Unversöhnlichkeit. Die AfD will keinen Zusammenhalt, sie will kein Miteinander, sondern sie will Leute ausgrenzen. Wenn man eine Turnhalle saniert und die Leute von der AfD stimmen zu, dann kann man nichts daran ändern. Aber wir sollten nicht mit denen politische Entscheidungen vorab besprechen.
Wie stehen Sie dazu? Sind Sie für ein Verbot?
WULFF: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Arbeitsgruppe von Bund und Ländern anhalten müssen, alles dafür zu tun, einen Antrag zu formulieren, der eine echte Chance hat, vor dem Bundesverfassungsgericht standzuhalten.
Muss eine Demokratie eine solche Partei nicht aushalten?
WULFF: Die große Theoretikerin Hannah Arendt hat gesagt: Der Tod der Empathie, der Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, ist das erste und untrügliche Anzeichen dafür, dass eine Kultur in die Barbarei kippt. Und was erleben wir gerade? Die AfD lehnt Empathie ab. Elon Musk, der reichste Mensch dieser Erde, sagt, Empathie sei die größte Schwäche des Westens. Und wenn ich anfangs gesagt habe, wir leben seit 80 Jahren im Frieden, dann leben wir deshalb im Frieden, weil wir nach dem Nazi-Regime nicht mehr nur unsere nationalistischen eigenen Interessen vertreten haben, sondern auch die Interessen der Franzosen, der Belgier, der Dänen, der Polen berücksichtigen und versuchen, zu Kompromissen, zum Ausgleich zu kommen. Wir alle müssen ein bisschen mehr tun, eine Schippe drauflegen für gemeinsame Lösungen, sonst ist diese Demokratie gefährdet.
Gerade junge Menschen treibt das um. Sie fühlen sich oft nicht richtig gehört. Zu Recht?
WULFF: Das hat es in der Geschichte von Demokratien noch nie gegeben: In etwa 20 Jahren werden wir mehr Wahlberechtigte haben, die nicht mehr arbeiten als solche, die im Arbeitsleben stehen. Aber heißt das automatisch, dass die Älteren auf Kosten der Jungen entscheiden? Ich bin gar nicht so skeptisch, weil ich erlebe, dass gerade Großeltern oft nicht etwa die Partei wählen, die ihnen selbst am meisten verspricht, sondern wollen, dass es auch ihren Kindern und Enkelkindern langfristig gut geht. Aber: Wir Boomer müssen die Jüngeren mehr anhören, ihnen mehr Raum geben, ihnen mehr Aufgaben abgeben, sie massiv unterstützen.
2027 endet die Amtszeit von Frank-Walter Steinmeier. Zeit für die erste Frau im höchsten Amt?
WULFF: Ich finde, nach zwölf Bundespräsidenten ist es an der Zeit, wenn dieses Amt, das übrigens das einzige in Deutschland ist, das immer von Männern besetzt war, von einer Frau eingenommen würde.
Haben Sie eine Favoritin?
WULFF: Es gibt hochqualifizierte Frauen, die starke Bundespräsidentinnen werden könnten. Mit einigen von ihnen habe ich gesprochen – und auch schon Tipps gegeben. Aber ich denke, die Menschen wünschen sich zu Recht Altpräsidenten, die nicht über ihre Vorgänger oder mögliche Nachfolger reden. Ich hoffe, dass Union und SPD gemeinsam einen überzeugenden Vorschlag machen. Wir brauchen eine Bundespräsidentin für alle Deutschen, denn die Zeiten werden stürmisch und wir sind immer noch nicht so zusammengewachsen, wie wir das wollten. Wir haben Spaltungstendenzen, Gräben, die größer gemacht werden. Umso wichtiger ist eine Bundespräsidentin, die allseits akzeptiert wird, die nicht in einem Wahlkampf zerschlissen, nicht in einer Debatte zerredet wird. Das wäre ein großes Geschenk.
Wollen Sie Namen nennen?
WULFF: Nein. Es gibt unter den möglichen Kandidatinnen auch mindestens eine überzeugende Bayerin. Wir werden sehen.
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