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Interview
12.02.2022

"Missbrauch überlagert alles, was die Kirchen positiv bewirken"

Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, ist seit Mitte November auch Ratsvorsitzende der Evangelische Kirche in Deutschland.
Foto: Mohssen Assanimoghaddam, dpa

Exklusiv Seit knapp hundert Tagen ist Annette Kurschus das Gesicht des deutschen Protestantismus. Was sie den Missbrauchsfällen in der evangelischen Kirche entgegensetzen will.

Frau Kurschus, lassen Sie uns über das Thema „Sorgen“ sprechen. Haben Sie Sorge, sich mit Omikron zu infizieren?

Annette Kurschus: „Sorge“ würde ich es nicht nennen. Aber der Gedanke schwingt schon mit: Hoffentlich fängst du es dir nicht ein. Mehr noch: Hoffentlich trägst du es nicht unbemerkt irgendwohin. Echte Sorge habe ich um Vorerkrankte in meiner Familie und meinem Bekanntenkreis.

Viele Menschen haben gerade das Gefühl, dass der Staat vor dem Coronavirus kapituliert.

Kurschus: Ich spüre deutlich, dass die Menschen pandemiemüde sind – und dass der Umgang miteinander immer emotionaler wird. In Stress- oder Konfliktsituationen kippt es dann ganz schnell. Diese zwei Jahre Pandemie haben Kraft gekostet. Und jetzt, als alle dachten, wir befinden uns im Ziellauf, lähmen schwindelerregende Inzidenzzahlen. Wenn ausgerechnet jetzt die Schutzmaßnahmen gelockert werden, ist das nur schwer nachvollziehbar.

Haben Sie Sorge, dass das Vertrauen in den Staat schwindet und dass sich Gräben in der Gesellschaft vertiefen?

Kurschus: Hier und da gibt es Anzeichen, aber ich bemerke vor allem Anderes: Menschen entwickeln einfühlsames Verständnis und sorgen füreinander. Es entsteht eine Art von Schicksalsgemeinschaft nach dem Motto: Lasst uns sehen, wie wir gemeinsam gut durch diese belastende Situation kommen. Viele sehen das Spaltungspotenzial – und versuchen ihm aktiv entgegenzuwirken.

Was sagen Sie gewaltbereiten „Corona-Spaziergängern“?

Kurschus: Solches „Spazierengehen“ ist alles andere als hilfreich, um aus der gegenwärtigen Situation herauszukommen. Diese „Spaziergänger“ pochen auf ihr Recht auf Freiheit – mit Freiheit hat ihre Fundamentalkritik allerdings nichts zu tun. Der schöne Begriff „Spaziergang“ wird dadurch verdorben, das ärgert mich. Wir brauchen jetzt Menschen, die um Vertrauen werben und Verantwortung übernehmen.

Und die was genau sagen sollten?

Kurschus: Es geht nicht darum zu sagen, was richtig ist und was falsch. Das weiß in der gegenwärtigen Situation niemand so genau – weder in der Wissenschaft noch in der Politik. Auch in der Kirche nicht. Es braucht den Mut, mit wachen Sinnen in der Welt zu stehen und Entscheidungen zu wagen – nach bestem Wissen und Gewissen. Und für diese Entscheidungen um Vertrauen zu werben. Etwa für das Impfen, weil eine Impfung erwiesenermaßen den besten Grundschutz bietet. Es reicht nicht, Impfungen zu verordnen, es müssen Fragen beantwortet und Ängste ernstgenommen und Blockaden überwunden werden.

Vor Kurzem sprachen Sie sich noch für eine allgemeine Impfpflicht aus.

Kurschus: Zum damaligen Zeitpunkt dominierte die Delta-Variante und es war klar, wie eine Impfung gegen sie wirkt. Mit Omikron ist die Lage diffiziler geworden. Dennoch empfehle ich weiterhin grundsätzlich eine Corona-Impfung. Und weil aufklärende Vertrauensmaßnahmen und werbende Appelle allein offensichtlich nicht ausreichen, um eine hohe Impfquote zu erreichen, bin ich weiterhin für eine Verpflichtung zum Impfen. Wie sich das im Einzelnen praktisch gestalten und rechtlich umsetzen lässt, ist Sache von Juristinnen und Politikern.

Der Bundestag debattiert seit geraumer Zeit über eine Impfpflicht, Ausgang offen. Geht es Ihnen zu langsam?

Kurschus: Ich habe Verständnis dafür, dass diese Debatte Zeit braucht. Und sie hat jetzt Zeit, denn wir bewegen uns dabei im Bereich der Prävention. Eine Impfpflicht zum jetzigen Zeitpunkt würde gegen Omikron ohnehin nicht mehr helfen. Es geht darum, weiteren Corona-Wellen vorzubeugen.

Können Sie einzelne Anti-Corona-Maßnahmen noch nachvollziehen?

Kurschus: Wir sind inzwischen an einem Punkt, wo Regeln nicht mehr im Vordergrund stehen. Die Verantwortung der Einzelnen ist stärker gefragt. Insofern gibt es mehr „Freiheit“, allerdings können viele ja gar nicht frei entscheiden – weil sie etwa durch die Betreuung ihrer Kinder gebunden sind. Ich halte es, auch im kirchlichen Bereich, für die Pflicht von Leitung, mit klaren Empfehlungen eine Richtung vorzugeben. Für viele sind konkrete Vorgaben eine Hilfe, weil sie davon entlasten, immer neu selbst entscheiden zu müssen.

Bedauern Sie Politikerinnen und Politiker manchmal?

Kurschus: Ich habe Hochachtung und Mitgefühl. Leitung wahrnehmen und die Richtung vorgeben – das ist ein anstrengendes und gelegentlich unbequemes Geschäft. Das kennen wir auch in der Kirche. Echte Sorge habe ich, wenn Politikerinnen und Politiker offenem Hass ausgesetzt sind und Drohungen für Leib und Leben erhalten. Auch Pfarrerinnen und Pfarrer sind bei uns in Westfalen davon nicht verschont geblieben.

Haben Sie Morddrohungen erhalten?

Kurschus: Morddrohungen nicht, aber ich habe Anfeindungen und Diffamierungen erfahren. Da gab es Mails, die deutlich unter die Gürtellinie gingen, mit wüsten Beschimpfungen.

Berühmt wurde der Satz des früheren Bundesgesundheitsministers Jens Spahn aus dem April 2020: „Wir werden in ein paar Monaten einander wahrscheinlich viel verzeihen müssen.“ Welche Fehler haben Sie gemacht?

Kurschus: Wenn ich nochmals in der Situation wäre wie zu Beginn der Pandemie, würde ich lauter meine Stimme erheben für den Bereich der Alten- und Pflegeheime und der Krankenhäuser: In der ersten Pandemiephase wurden Menschen stark abgeschottet und isoliert. Da sind teilweise Menschen alleine gestorben. Das liegt mir im Nachhinein schwer auf der Seele. Im Rückblick haben wir – und hier schließe ich mich ausdrücklich ein – nicht deutlich genug gesagt: Wir müssen alles tun, dass so etwas nicht passiert.

Kardinal Reinhard Marx gibt nach der Vorstellung eines Gutachtens zu Fällen von sexuellem Missbrauch im katholischen Erzbistum München und Freising ein Pressestatement.
Foto: Sven Hoppe, dpa

Das ist eine gute Überleitung: Der katholische Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx sagte mit Blick auf ein Missbrauchsgutachten für seine Diözese: Für ihn bestehe „die größte Schuld“ darin, „die Betroffenen übersehen zu haben“. Das sei unverzeihlich.

Kurschus: Es steht uns allen gut an, eigene Versäumnisse zu erkennen und zu benennen. Auch in der evangelischen Kirche gab und gibt es sexualisierte Gewalt. Dass Menschen, die uns vertraut haben, ausgerechnet bei uns dieses Unrecht angetan wurde und wird, ist schlimm. Zum Schutz vor sexualisierter Gewalt haben wir in der evangelischen Kirche seit mehr als zehn Jahren viel getan. Wir wollen, dass Aufklärung auf allen Ebenen bis ins Kleinste betrieben wird. Das gehen wir systematisiert und durch Kirchengesetze klar geregelt an: In jeder Landeskirche, jedem Kirchenkreis, jeder Gemeinde gelten verbindliche Bestimmungen zum Schutz vor und für den Umgang mit sexualisierter Gewalt.

Allerdings hat die EKD erst 2020 bei unabhängigen Forscherinnen und Forschern eine Studie in Auftrag gegeben. Die katholische Kirche stellte bereits 2018 die „MHG-Studie“ vor, die Ausmaß und Gründe sexualisierter Gewalt in ihren Reihen untersuchte.

Kurschus: Unsere Studie ist eine aufwendige und flächendeckende wissenschaftliche Untersuchung. Sie nimmt nicht nur die Pfarrerinnen und Pfarrer in den Blick, sondern sämtliche Arbeitsfelder von Kirche und Diakonie – also zum Beispiel auch die großen Bereiche der diakonischen Einrichtungen und Kinderheime, der Jugendarbeit und der Kirchenmusik. Diese umfangreiche Aufgabe haben wir in die Hand von unabhängigen Forscherinnen und Forschern gegeben.

Was erwarten Sie? Bislang scheint die EKD ja von knapp 950 Missbrauchsfällen auszugehen. Der Realität dürfte das kaum entsprechen.

Kurschus: Das sind die Fälle seit den 1950er Jahren, die uns über die Anerkennungskommissionen bekannt sind. Dass es ein Dunkelfeld gibt, ist uns bewusst. Die Faktoren, die in der evangelischen Kirche sexualisierte Gewalt begünstigen, sind andere als in der katholischen Kirche. Auch dazu wird die genannte Studie intensiv forschen. Unsere Kirche kennt weder ein zölibatäres Leben noch ist sie streng hierarchisch aufgebaut. Womöglich liegt in der evangelischen Kirche eine potenzielle Gefährdung in ihren offenen Strukturen, in denen man sehr eng miteinander in Kontakt kommen kann. Vielleicht kann auch unsere weniger strenge Sexualmoral Möglichkeiten für sexualisierte Gewalt eröffnen. Hier erwarte ich von der Studie belastbare Erkenntnisse, sodass wir den Schutz durch wirksame Präventionsmaßnahmen noch weiter verbessern können.

Die katholischen Bischöfe haben sich mit dem Unabhängigen Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung auf gemeinsame Standards im Umgang mit Missbrauchsfällen geeinigt. Wann wird die EKD eine solche Vereinbarung unterzeichnen können?

Kurschus: Wir gehen in der EKD davon aus, dass die Gemeinsame Erklärung zeitnah unterzeichnet werden kann. Eine Struktur zu finden, die eine transparente, unabhängige und betroffenenpartizipative Aufarbeitung gewährleistet, ist keine leichte Aufgabe. Derzeit sind noch letzte Detailfragen zu klären, die Landeskirchen bereiten sich aber bereits auf die Umsetzung vor.

Sind Sie für eine staatliche oder staatlich eingesetzte Kommission mit weitgehenden Rechten, die die Aufarbeitung voranbringen könnte?

Kurschus: Ich bin dafür grundsätzlich offen. Jede Unterstützung, sexualisierte Gewalt in unserer Gesellschaft offen zu thematisieren und lückenlos aufzuarbeiten, ist grundsätzlich zu begrüßen. Ich halte es dennoch für unbedingt sinnvoll, Verbrechen und Übergriffe im Bereich sexualisierter Gewalt auch kirchenspezifisch zu untersuchen, wie es in der besagten unabhängigen Studie geschieht.

Sind Sie auch offen für höhere Zahlungen an Missbrauchsopfer? Im Moment bewegen sich die kirchlichen Leistungen in „Anerkennung des erlittenen Unrechts“ zwischen 5000 und 50.000 Euro.

Kurschus: Das Unrecht, das Menschen angetan wurde, lässt sich mit keiner noch so hohen Summe ausgleichen oder gar wiedergutmachen. Und es handelt sich ja auch nicht um eine Entschädigung im juristischen Sinn, sondern um Anerkennungsleistungen entsprechend den Empfehlungen des Runden Tisches. Die evangelische Kirche hält an ihrem System der individuellen Leistungen fest, die zumeist im Kontakt mit den betroffenen Menschen und nicht über deren Köpfe hinweg festgelegt werden. Wenn man die Beträge einfach nur symbolhaft erhöht, entsteht der Eindruck, man wolle damit das verübte Unrecht angemessener ausgleichen. Das halte ich für schwierig. Diese Frage wird aber in der Diskussion bleiben.

Haben Sie Sorge, dass vor allem wegen der Missbrauchsskandale evangelische und katholische Kirche in Deutschland in ihrer heutigen Gestalt zugrunde gehen?

Kurschus: Zweifellos geht gerade ganz viel Vertrauen verloren. Das macht mir Sorge. Dieses Thema überlagert derzeit alles, was die Kirchen auch positiv bewirken. Eine offene und redliche Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt, der es nicht zuerst um den Schutz unserer eigenen Institution geht, sondern ganz klar um das Recht der Betroffenen, wird hoffentlich allmählich wieder Vertrauen wachsen lassen.

Nur wie?

Kurschus: Indem wir Schuld nicht nur eingestehen, sondern sie wirklich rückhaltlos offenlegen und bearbeiten. Menschen müssen sicher sein: Wenn es, was sich nie völlig ausschließen lässt, im Raum unserer Kirche zu sexualisierter Gewalt kommen sollte, dann greifen zuverlässige Mechanismen. Dahin müssen wir kommen, das ist zu schaffen. Es darf nicht so bleiben, dass ein betroffenes Kind sieben Erwachsene um Hilfe bitten muss, bevor ihm der achte glaubt.

Ein weiteres großes Problem der evangelischen Kirche ist ihr Ruf, „eine Vorfeldorganisation des linken politischen Spektrums“ zu sein. So hat es Ende Dezember die Publizistin Liane Bednarz in der „Zeit“ formuliert.

Kurschus: Biblisch und politisch sind für mich keine Gegensätze. Wenn wir die biblische Botschaft ernst nehmen, hat sie unmittelbare politische Konsequenzen. Christlicher Glaube hat von seiner Wurzel her politisches Potenzial. Er nimmt klar Partei für die Schwachen und Armen und alle Menschen, die in unserer Gesellschaft besonderen Schutz brauchen. Diese Parteinahme hat aber nichts mit Parteipolitik zu tun.

Russlands Präsident und seine Militärs: Sieht Wladimir Putin jetzt seine Stunde gekommen?
Foto: Mikhail Klimentyev, dpa

Werden wir konkret: Wie stehen Sie zu Waffenlieferungen Deutschlands an die Ukraine – zur Selbstverteidigung? An deren Grenzen hat der russische Präsident Putin Truppen verlegt. Es geht die Sorge um, dass es mitten in Europa einen Krieg geben könnte.

Kurschus: Waffen oder Waffenlieferungen können aus meiner Sicht niemals ein Weg sein, um Frieden zu schaffen, im Gegenteil. Sie fördern die Eskalation von Gewalt – auf welcher Seite auch immer. Waffen sind darauf ausgerichtet, Gewalt zu üben. Dadurch nimmt die Gefahr eines Krieges zu. Unsere Kirche unterstützt die Regierung darin, keine Waffen in die Ukraine zu liefern. Wir sollten alles dafür tun, die Krise zu deeskalieren.

Noch eine Frage zu aktueller Politik: Wäre ein diplomatischer Boykott der Olympischen Spiele in China angezeigt – mit Blick auf die Menschenrechtsverletzungen gegenüber den Uiguren oder dem massiven Vorgehen gegen die Demokratiebewegung in Hongkong?

Kurschus: Die Lage in China ist katastrophal, dort werden Menschenrechte missachtet und mit Füßen getreten. Kritische Journalisten und Andersdenkende werden unterdrückt und weggesperrt. Das werden wir kirchlicherseits unermüdlich anprangern.

Raten Sie also deutschen Politikerinnen und Politikern zum Boykott?

Kurschus: Es ist nicht Aufgabe der Kirche, die Politik zum Boykott aufzurufen. Aber ich sage deutlich: Das chinesische System können wir als Kirche nicht gutheißen. Einige Politikerinnen und Politiker haben bereits selbst ihre Konsequenzen daraus gezogen.

Ist die evangelische Kirche denn bei den Olympischen Spielen präsent?

Kurschus: In der Regel sind Seelsorge-Teams – auch der katholischen Kirche – vor Ort für die Sportlerinnen und Sportler ansprechbar. Das ist durch die Pandemie dieses Mal leider nicht möglich. Dafür gibt es digitale Angebote seelsorglicher Betreuung. Ich halte das für sehr wichtig: Die Olympia-Teilnehmer stehen unter enormem Erfolgsdruck. Bei diesen Spielen kommt ein starker politischer Druck hinzu. Wir haben ja schon erlebt, dass unbequeme Sportlerinnen und Sportler in China weggesperrt werden.

Ihre Wahl zur EKD-Ratsvorsitzenden ist nun fast 100 Tage her – wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Kurschus: Mit dem Tag der Wahl hat eine sehr intensive Zeit begonnen, mit viel öffentlicher Aufmerksamkeit, die sich auf mich richtet. Das bot gute Möglichkeiten, inhaltliche Akzente zu setzen. Die habe ich gern genutzt. Kirche, das habe ich in diesen Wochen erlebt, ist nach wie vor im öffentlichen Fokus. Wo Kritik und persönliche Enttäuschung über Kirche geäußert werden, zeigt sich: Mit Kirche verbinden sich offenbar weiterhin hohe Erwartungen. Das lässt hoffen – und das fordert heraus.

Die Spitze der evangelischen Kirche war noch nie so weiblich: mit Ihnen und Ihrer Stellvertreterin Kirsten Fehrs im Rat sowie Anna-Nicole Heinrich als Synodenpräses. Macht sich das bemerkbar?

Kurschus: Ja klar! Jahrzehntelang waren beinahe ausschließlich Männer an der Spitze unserer Kirche, das hat – leider – niemand komisch gefunden. Nun kommen wir hoffentlich bald in eine Zeit, in der immer selbstverständlicher wird: Wir brauchen – in Kirche wie Gesellschaft – Männer und Frauen in Führungspositionen. Nur miteinander bilden sie unsere Realität angemessen ab, ihre unterschiedlichen Gaben und Leitungsstile ergänzen einander und gehören zur wunderbaren Fülle unseres Lebens.

Zur Person: Annette Kurschus – 1963 im hessischen Rotenburg an der Fulda geboren, ledig, keine Kinder – arbeitet seit 2012 als Präses, also leitende Theologin, der Evangelischen Kirche von Westfalen. Ihr Vater war Pfarrer in Siegen. Kurschus löste den bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm an der Spitze des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ab.

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