Herr Alshebl, als das Schlauchboot, in dem Sie vor elf Jahren vor dem Bürgerkrieg in Ihrer syrischen Heimat flohen, in einer kalten Novembernacht zu sinken drohte, fragten Sie sich, wie es sich wohl anfühlen würde, zu ertrinken. Keine acht Jahre später wurden Sie mit nur 29 Jahren zum Bürgermeister im schwäbischen Ostelsheim gewählt. Hilft Ihre Nahtoderfahrung, ein guter Bürgermeister zu sein?
RYYAN ALSHEBL: Ja, denn ich drohe jeden Tag in der deutschen Bürokratie zu ertrinken – und ich weiß, dass ich überleben kann. Aber Spaß beiseite. Das wohl prägendste Erlebnis meines Lebens hat mir geholfen, Resilienz zu entwickeln – und die braucht man als Bürgermeister, auch wenn es in der Regel nicht um Leben oder Tod geht. Seit der Überfahrt mit dem Schleuserboot weiß ich: So gewaltig die Herausforderung auch erscheinen mag, irgendwann kommt der Moment, in dem man das Schlimmste hinter sich hat.
Ihr Gegenkandidat war Schwabe, kam aus dem Ort und hatte Verwaltungserfahrung. Haben Sie trotz oder wegen Ihrer Herkunft gewonnen?
ALSHEBL: Trotz meiner Herkunft. Es gab zwar auch Leute, die mich wegen meines Hintergrundes gewählt haben, aber ich habe im Wahlkampf immer wieder gesagt: Ihr sollt mich nicht wählen, weil ihr einen Flüchtling unterstützen wollt, sondern weil ihr mich für den besseren Bürgermeister haltet.
Außenminister Johann Wadephul sagte nach seinem Besuch in einem vom Krieg verwüsteten Vorort von Damaskus, dass die Zerstörungen in Syrien so enorm seien, dass Menschen dort derzeit kaum „richtig würdig leben“ können. Können und sollten geflohene Syrer jetzt in ihre Heimat zurückkehren?
ALSHEBL: Herr Wadephul hat recht. Es wird in nächster Zeit zwar durchaus Syrer geben, die freiwillig zurückkehren werden, aber die Zahlen werden uns nicht umhauen. Das liegt an der Situation, die Herr Wadephul mit eigenen Augen gesehen hat.
Was ist mit Ihnen? Menschen mit Ihrer Qualifikation werden dringend beim Wiederaufbau Syriens benötigt.
ALSHEBL: Unmittelbar nach dem Sturz Assads habe ich ernsthaft in Erwägung gezogen, zurückzukehren. Doch Mitte letzten Jahres begannen in meiner Heimat Suweida im Südwesten Syriens die brutalen Angriffe auf die Drusen, der Minderheit, der ich selbst angehöre. Freunde und Verwandte wurden verletzt und getötet. Als Mitglied einer Minderheit – seien es Drusen, Christen, Alawiten oder Kurden – ist es momentan schlicht und ergreifend sehr gefährlich, nach Syrien zu gehen.
Haben Sie die sprichwörtliche Willkommenskultur kennengelernt, als Sie im November 2015 nach Deutschland kamen?
ALSHEBL: Auf jeden Fall. Die Willkommenskultur war für mich ein entscheidender Motivationsschub, hier Fuß zu fassen. Ich bin auf viele sehr wohlwollende Menschen gestoßen, die mir viele Türen geöffnet haben. Durch die meisten Türen bin ich gegangen.
Kanzler Merz sprach vom „Problem im Stadtbild“. Finden Sie auch, dass Deutschland ein Problem mit dem Stadtbild hat?
ALSHEBL: Ich bin bei der Stadtbild-Diskussion ausnahmsweise dem Kanzler zur Seite gesprungen, weil es das von ihm angesprochene Problem schon lange gibt und ich es für unklug halte, nicht darüber zu sprechen. Außerdem fand ich es falsch, dass Teile des linken Spektrums wieder mal versucht haben, aus einer notwendigen Debatte eine Rhetorik-Debatte zu machen.
Was hat Sie an der Debatte gestört?
ALSHEBL: Man hat Merz teilweise absichtlich falsch verstanden. Und wenn man aus jeder Sachdebatte eine Wording-Debatte macht, kann bei der Bevölkerung der Eindruck entstehen, dass „die da oben“, also die Politiker, nicht Probleme lösen, sondern lieber über Rhetorik reden wollen. Dabei muss das Problem, das Merz meint, dringend adressiert werden.
Was ist das Problem?
ALSHEBL: Dass sich in deutschen Großstädten an Bahnhöfen, in Einkaufsstraßen und Parks in der Regel junge migrantische Männer versammeln. Sie haben in ihren Herkunftsländern oft Gewalt und Traumatisches erlebt und leben in Deutschland oft in von vielen Krisen und Unsicherheiten geprägten Haushalten. Wenn sie sich versammeln, entsteht oft eine hemmungslose, jugendliche, kriminelle Energie, die dazu führen kann, dass sie Passanten verbal oder sogar physisch angreifen.
In Ihrem Buch „Flucht nach vorn“ verwenden Sie für die Störer den Begriff „Talahons“. Sie schreiben, dass Sie damit junge Männer mit Migrationshintergrund meinen, die durch einen bestimmten Kleidungsstil und betont maskulines Verhalten auffallen. Für Sie sei der Begriff nicht pauschalisierend, wertend oder diskriminierend. Sie merken allerdings auch an, dass ein AfD-Stratege den Begriff als „Glücksfall“ bezeichnet, weil er hilft, Stimmung gegen junge ausländische Männer zu machen. Warum verwenden Sie ihn trotzdem?
ALSHEBL: Dass die AfD den Begriff verwendet, ist für mich kein Grund, es nicht auch zu tun. „Talahons“ ist ein Ausdruck, der sich etabliert hat. Ich beschreibe damit sehr kritisch und vielleicht auch ein bisschen herabwürdigend eine Gruppe mit einem sehr problematischen und die Gesellschaft in vielerlei Hinsicht gefährdenden Verhalten. Er beschreibt keine Hautfarbe, keine genetischen oder religiösen Merkmale. Der Begriff „Talahon“ beleidigt keine einzelnen Menschen, auch wenn mittlerweile fast alles das Potenzial hat, als rassistisch ausgelegt zu werden.
Das klingt so, als wollten Sie dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der auch für seine polemischen Ausfälle gegenüber Geflüchteten bekannt ist und Sie im Wahlkampf unterstützt hat, in Sachen Provokation nacheifern.
ALSHEBL: Es ist nicht so, dass ich per se Lust auf Provokation habe, aber wenn mir ein Thema wichtig ist, habe ich auch kein Problem damit, mit Provokation für die nötige Aufmerksamkeit zu sorgen.
Aber Migration bekommt doch nicht zu wenig Aufmerksamkeit…
ALSHEBL: Zu Beginn der Krise haben viele Politiker das Thema Migration durch die rosa-rote Brille gesehen. Das war naiv. Davon hat nur die AfD profitiert. Mittlerweile sind viele Politiker der CDU/CSU in Sachen Migration sehr weit nach rechts gerückt oder plappern sogar Positionen der AfD nach. Auch das bringt uns nicht weiter. Boris Palmer hingegen ist sich mit seiner kritischen, aber vernünftigen Position treu geblieben. Wenn ihm unterstellt wird, er sei rechtsradikal, ist das natürlich Quatsch. Ich sehe ihn als Mann der Mitte. Zudem ist es alles andere als erstaunlich, dass ein in Deutschland lebendes Mitglied einer syrischen Minderheit teilweise sehr ähnliche Ansichten wie Boris Palmer hat.
Warum?
ALSHEBL: Wir teilen die Sorge, dass unsere Gesellschaft von Gruppen, die unsere Art des Zusammenlebens und die Freiheit des Individuums nicht respektieren, unterwandert werden könnte. Es gibt unter ihnen Menschen, die sich moralisch überlegen fühlen und die Islamisierung Deutschlands anstreben. Wenn Menschen hier nach dem Kalifat schreien, darf man nicht so naiv sein, das als harmlos abzutun. Solche Forderungen sind nicht durch die Meinungsfreiheit gedeckt und müssen mit Gefängnisstrafen oder Abschiebungen bekämpft werden. Leute, die in Deutschland das Kalifat einführen wollen, sollten aus dem Verkehr gezogen werden.
Sie und Boris Palmer sprechen oft das Thema Kriminalität von Migranten an. Wie soll damit umgegangen werden?
ALSHEBL: Mir stellt sich immer drängender die Frage, ob das deutsche Strafrecht entsprechend ausgestattet ist, um mit Wiederholungstätern mit migrantischem Hintergrund umzugehen. Ein Beispiel: In Stuttgart gab es bis vor kurzem eine kriminelle Großfamilie. Obwohl insgesamt 160 Strafanzeigen gegen diese Familie vorlagen, ist es nicht gelungen, sie abzuschieben. Erst als die Familie viel Geld in die Hand gedrückt bekommen hat, hat sie Deutschland freiwillig verlassen. Die zuständige Ministerin lässt sich jetzt dafür feiern. Das ist verlogen. Die Leute merken natürlich trotzdem, dass der Staat nicht in der Lage war, die Familie abzuschieben.
Sie sagten gerade, dass die Lage in Syrien instabil und gefährlich sei. Sollten Kriminelle trotzdem in unsichere Herkunftsstaaten abgeschoben werden?
ALSHEBL: Ja, Wiederholungstäter sollten auch in unsichere Herkunftsstaaten abgeschoben werden. Wer hier Schutz sucht, muss sich auch wie ein anständiger Gast, eigentlich sogar vorbildlicher als Einheimische, benehmen. Das haben meine Eltern mir schon als Kind beigebracht. Aber wenn die Gäste zur Gefahr für die Gesellschaft und das friedliche Zusammenleben werden und so auch Ressentiments gegenüber all den anständigen Gästen zu schüren, muss ihnen mit entsprechender Härte begegnet werden. Wer hier jemanden mit einem Messer bedroht, sollte sein Aufenthaltsrecht mit sofortiger Wirkung und für immer verlieren und konsequent und umgehend abgeschoben werden. Das ist bislang leider nicht geschehen.
Sie fordern, Sozialleistungen für arbeitsfähige Migranten und Flüchtlinge zeitlich zu begrenzen. Warum?
ALSHEBL: Wenn wir uns darauf einigen könnten, die Grundsicherung drei Jahre voll auszuzahlen und das Existenzminimum anschließend anderweitig zu sichern, würden wir mehr Menschen schneller in Arbeit bringen und sie so zu produktiveren und zufriedeneren Bürgern machen, die sich stärker mit Deutschland identifizieren. Das könnte viele Probleme lösen.
Am 8. März wird in Baden-Württemberg gewählt und Cem Özdemir hofft Ministerpräsident zu werden. Würde Sie das freuen?
ALSHEBL: Ja, denn Baden-Württemberg ist - auch wenn das außerhalb von Baden-Württemberg oft unterschätzt wird - ein sehr weltoffenes Land. Es ist nicht zufällig das Bundesland, in dem erstmals ein aus Syrien Geflohener zum Bürgermeister gewählt worden ist.
Zur Person: Ryyan Alshebl (31) wurde in Suweida, Syrien, geboren. 2015 floh der Angehörige der drusischen Minderheit vor dem Bürgerkrieg und politischer Verfolgung über das Mittelmeer nach Deutschland. 2017 wurde er Parteimitglied der Grünen, 2022 erhielt er die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach einer Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten er seit 2023 parteiunabhängiger Bürgermeister von Ostelsheim im Nordschwarzwald.
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