Das Interview erschien ursprünglich am 4. April 2026.
Frau Ministerin, Ostern ist Reisezeit. Menschen im ganzen Land besuchen ihre Familien oder fahren in den Urlaub. Wenn sie ihre Autos betanken, dann haben die Leute derzeit nur eine Frage: Wann wird es wieder billiger?
KATHERINA REICHE: Die hohen Spritpreise sind eine enorme Belastung für das ganze Land. Sie sind die Folge der Blockade der Straße von Hormus durch das Mullah-Regime. Wir wissen nicht, wie lange der Krieg noch andauert. Kurzfristig können wir den Autofahrern daher leider nicht versprechen, dass der Preis spürbar nach unten geht. Was wir aber versprechen können, ist, dass es mehr Wettbewerb, Transparenz und damit Fairness an den Tankstellen gibt. Das haben wir mit dem Kraftstoff-Maßnahmenpaket erreicht, das am Mittwoch in Kraft getreten ist. Die Mineralölkonzerne müssen nachweisen, dass sie sich nicht die Tasche füllen. Das Kartellamt wird sich das genau anschauen.
Andere Länder wie Italien und Österreich haben die Steuern auf Benzin und Diesel gesenkt. Ziehen Sie nach?
REICHE: Das haben wir aktuell nicht vor. Die Preise an den Zapfsäulen sind in den angesprochenen Ländern auch nicht gesunken. So wie übrigens auch beim deutschen Tankrabatt, den es 2022 nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine gab. Es wurden Milliarden aufgewendet, doch der gewollte Effekt verpuffte.
Hohe Preise sind Ärgernis und Belastung, aber Sie haben kürzlich sogar davor gewarnt, dass es zu Versorgungsengpässen bei Sprit kommen könnte. Ist die Lage derart dramatisch?
REICHE: Meine Warnung bezog sich auf die Lage weltweit. Schwer getroffen von der Hormus-Blockade sind vor allem asiatische Länder, Indien oder Vietnam. Sie beziehen viel höhere Mengen an Öl, Gas und Diesel von arabischen Staaten. In Deutschland und Europa steht ausreichend Gas und Öl zur Verfügung, wir beziehen nur sehr geringe Mengen aus dem Nahen Osten. Zwischen Januar bis Ende März sind in Deutschland 22 Tanker mit Flüssiggas LNG mehr angelandet als in den ersten drei Monaten des Vorjahres. Auch bei den Öltankern beobachten wir keine Umbuchungen, so dass sie ihre Fracht nicht in andere Weltregionen liefern.
In Australien wird Benzin schon rationiert. Das müssen die Deutschen nicht fürchten?
REICHE: Nein, es stehen ausreichende Mengen zur Verfügung.
Die Lufthansa prüft aber die Absage von Flügen, um Kerosin zu sparen. Bleiben bald Maschinen am Boden, weil der Treibstoff fehlt?
REICHE: Die Lufthansa reagiert mit der Prüfung auf die Unsicherheit, ob sie die höheren Preise für Flugbenzin an die Kunden weitergeben kann. Die Ticketpreise haben deutlich angezogen und ein Teil der Passagiere fragt sich, ob das nicht womöglich zu teuer ist. Für Urlauber ist das ärgerlich, für viele Unternehmen ist es belastend – denken Sie an die Luftfracht. Aber auch bei Kerosin sehen wir keine Knappheit.
EU-Energiekommissar Dan Jorgensen hat in einem Schreiben zum Energiesparen ermutigt, in der Presse wird das Für und Wider des autofreien Sonntags und eines Tempolimits diskutiert. Sind solche Schritte schon notwendig?
REICHE: Ich bin mit meinen Ministerkollegen aus der EU und Kommissar Jorgensen im ständigen Austausch. Wir treffen uns mehrfach in der Woche in Schalten und Beratungen. Dan Jorgensen bezieht sich auf Energiesparmaßnahmen, die die Internationale Energie-Agentur vorgeschlagen hat – globale Empfehlungen, insbesondere für Länder, in denen es echte Knappheiten gibt. Wichtig ist: Die Lage heute ist eine vollkommen andere als die Lage in 2022, als kein Gas mehr aus Russland zu uns kam. Damals standen wir wirklich vor der Frage, ob wir genügend Brennstoff für das Heizen der Wohnungen und die Produktion in den Fabriken nach Deutschland bekommen. Das ist heute anders. Welche Maßnahmen theoretisch denkbar wären und welche Maßnahme zu welchem Zeitpunkt der Krise wirklich geboten ist, ist zwingend voneinander zu trennen. Übrigens wird der Preis für Benzin und Diesel auch nicht auf der deutschen Autobahn gebildet, sondern auf dem Weltmarkt. Tempolimit und autofreie Sonntage hätten darauf keinen merklichen Einfluss.
Nun könnte es durchaus sein, dass der Irankrieg länger weitergeht und Öl und Gas teuer bleiben. Für die Haushalte wäre das eine große Last. Hat die Koalition noch etwas in der Hinterhand? Steuersenkungen auf Sprit hatten Sie eben eine Absage erteilt.
REICHE: Eine Maßnahme könnte sein, die Pendlerpauschale temporär anzuheben. Das entlastet zielgenau die, die auf das Auto angewiesen sind. Wir überlegen in der Koalition auch, die Stromsteuer für private Haushalte zu senken. Das hilft zwar an der Tankstelle nicht, aber es hilft, die Gesamtenergierechnung der Haushalte zu senken. Die ist in Deutschland zu hoch.
Es gab Meldungen, wonach die Autohalter einen Teil der Kfz-Steuer gutgeschrieben bekommen könnten und dafür erstmals das Werkzeug der Direktauszahlung verwendet würde. Stimmt das?
REICHE: Das ist eine der vielen, zu prüfenden Maßnahmen. Die Wirkung einer zeitweisen Senkung der Kfz-Steuer ist aus meiner Sicht zu unspezifisch. Sie käme auch denjenigen zugute, die die hohen Preise wegen ihres großen Einkommens verschmerzen können oder denjenigen, die mit ihrem Auto nicht zur Arbeit fahren. Entlastungen müssen zielgerichtet und zeitlich befristet sein und dürfen das Preissignal nicht beeinträchtigen. Bei der Pendlerpauschale geht es ganz konkret um den Weg zur Arbeit, viele Leute sind hier vor allem im ländlichen Raum auf das Auto angewiesen.
SPD-Chef und Finanzminister Lars Klingbeil will den Ölmultis einen Teil ihrer Sondergewinne der letzten Wochen mit einer Übergewinnsteuer wieder wegnehmen. Das klingt doch gerecht.
REICHE: Dem Bundesfinanzministerium ist sicherlich bekannt, dass in aktuell laufenden Verfahren vor dem Bundesfinanzhof die Verfassungskonformität von Übergewinn-Regelungen infrage gestellt wird. Zudem muss ein Vorschlag innerhalb der EU abgestimmt werden. Anstatt sehenden Auges in verfassungsrechtliche Schwierigkeiten zu laufen, würde ich mir Vorschläge wünschen, die eine zielgerichtete Entlastung von Pendlern mit langen Arbeitswegen ermöglichen, wie etwa die temporäre Erhöhung der Pendlerpauschale.
Der Irankrieg hat nicht nur Auswirkungen auf die Versorgung mit Rohöl, sondern betrifft auch die Verfügbarkeit von Erdgas. Die Kämpfe haben Flüssiggasanlagen zerstört, wegen der Blockade der Straße von Hormus kommen die Tanker nicht durch. Die Preise sind nach oben geschossen. Können die leeren Gasspeicher über den Sommer zu diesen Bedingungen aufgefüllt werden?
REICHE: Wir bekommen ausreichend Gas, weil wir unsere Lieferketten diversifiziert haben und dieses aus unterschiedlichen Ländern beziehen. Der größte Teil kommt aus Norwegen über die Pipeline. Wir haben rund 70 Prozent Vorbuchungen bei der Speicherbefüllung für die kommende Heizperiode, es besteht also kein Grund zur Sorge.
Was bedeutet der Preisschock für die Energiewende? Müsste der Ausbau von Windkraft und Sonnenenergie nicht beschleunigt werden, um sich von Import von Öl und Gas unabhängiger zu machen?
REICHE: Auch wenn mir gelegentlich Gegenteiliges unterstellt wird, unterstütze ich die Energiewende und halte an den Ausbauzielen für Wind- und Solarenergie fest. Mehr Solarstrom hilft jedoch nicht gegen die hohen Preise für Öl, Gas und Sprit. Den Ausbau von Windparks und Solarfeldern setzen wir ambitioniert fort. Jedoch richten wir den Zubau von Erneuerbaren Energien in Zukunft am Stromnetz aus. Wir zahlen jährlich hohe zweistellige Milliarden-Summen für die Förderung der Erneuerbaren, für den Netzausbau, für Reservekraftwerke und als Entschädigung für Strom, der nicht transportiert werden kann. Hinzukommen werden noch Kosten für die Gewährleistung der Versorgungssicherheit, wenn Sonne und Wind nicht bereitstehen. Diese Kosten belasten Haushalte, Gewerbe und Industrie massiv
Deshalb wollen Sie den Zubau bremsen?
REICHE: Nein, wir wollen nicht weniger Erneuerbare, wir wollen klügere Erneuerbare, die auch Verantwortung für das Stromsystem übernehmen. Sie sollen dort gebaut werden, wo das Netz aufnahmefähig ist und der Strom auch abtransportiert werden kann. Hierfür brauchen wir eine kluge regionale Steuerung. Wir wollen, dass die Erneuerbaren sich auch an den Netzkosten, die sie verursachen, beteiligen. Und wir wollen erreichen, dass neben den Erneuerbaren auch Rechenzentren, Industrie, Gewerbe oder auch große Speicher einen Anschluss an das Stromnetz bekommen. Wenn ein Industrieunternehmen eine neue Produktionsstätte bauen und diese an das Netz anschließen will, dann sagt der Netzbetreiber häufig: Das ist kurzfristig nicht machbar, ich muss zuerst die Erneuerbaren anschließen und bei mir stapeln sich die Anträge. Die Behauptung, Wind und Sonne schickten keine Rechnung, ist einfach falsch: Das Gesamtsystem schickt uns eine hohe Rechnung. Das wurde zu lange verschwiegen.
Sie hatten im Sommer letzten Jahres im Interview mit uns für Wirbel gesorgt, weil Sie die Förderung von kleinen Solaranlagen auf dem Eigenheim abschaffen wollen. Seither sind einige Monate vergangen, die Gesetze sind im Werden. Bleiben Sie dabei?
REICHE: Ja, das tue ich. Eine Solaranlage auf dem Ein- oder Zweifamilienhaus rechnet sich auch ohne die Förderung nach wenigen Jahren. Wer einen Speicher hat, ein Auto mit Elektroantrieb fährt oder eine Wärmepumpe betreibt und dafür den Strom vom eigenen Dach nutzt, der spart sich die Strombezugskosten aus dem Netz. Warum sollte eine Investition, die sich schnell rechnet, auch noch staatlich abgesichert werden? Die Förderung für den Einzelnen zahlen über die Umlagen alle, vor allem auch jene, die keine Photovoltaik-Anlage auf dem Dach haben, also etwa die Mieter in der Stadt. Nach über 25 Jahren Förderung ist die Technik außerdem etabliert.
Ändert sich etwas für Hausbesitzer, die schon eine Anlage auf dem Dach haben?
REICHE: Nein, hier gilt Bestandsschutz.
Wie blicken Sie angesichts der Abhängigkeit von Öl und Gas auf die Chancen der Atomenergie? Der bayerische Ministerpräsident spricht oft von einer Renaissance der Kernenergie.
REICHE: Bis vor kurzem war ein wesentlicher Treiber für deutlich steigenden Strombedarf unterschätzt und nicht eingepreist. Ich meine die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. China allein investiert in 100 Gigawatt Kernenergie nur zur Absicherung von Rechenzentren, die in der Lage sind, die Anwendungen der KI zu verarbeiten. In Amerika investieren die großen Tech-Konzerne in moderne, modulare, sichere Reaktoren. In Europa haben sich 16 Mitgliedstaaten zusammengeschlossen; sie investieren gemeinsam in die neue Technologie. Sollen wir diese Entwicklung an uns vorbeiziehen lassen? Wir haben unser Ministerium so aufgestellt, dass wir wieder an der Diskussion zu Kernenergie-Innovationen teilnehmen. Das betrifft Themen wie die Sicherheit der Anlagen, Baustandards und Genehmigungsprozesse. Damit bleiben wir am Ball und halten uns diese Option offen.
Das hört sich eher nach einem Comeback auf mittlere Sicht an...
REICHE: Investoren in Kanada und den USA gehen davon aus, dass die neuen Kernkraftwerke Anfang bis Mitte der 30er Jahre am Netz sind. In Kanada wird der erste Minireaktor Ende des Jahrzehnts in Betrieb gehen. Kernenergie ist für uns heute keine Antwort auf die Krise, weil wir sie gar nicht haben. Aber die Technologie entwickelt sich weiter, wird effizienter, sicherer und ermöglicht damit einen neuen Blick auf den Einsatz. In Deutschland wollen wir Rechenzentren betreiben, wir wollen KI nutzen. Die alles entscheidende Frage dafür ist: Gibt es genügend Strom? Diese Frage müssen wir beantworten, und sie lässt sich nicht mit Sonne und Wind allein beantworten.
Zur Person
Nach zehnjähriger Tätigkeit als Managerin in der Wirtschaft holte Bundeskanzler Merz Katherina Reiche im vergangenen Jahr in die Politik zurück. Als Wirtschaftsministerin ist sie hauptsächlich für die Neuausrichtung der Energiewende zuständig. Die 52-Jährige stammt aus einer Unternehmerfamilie in der chemischen Industrie und hat selbst Chemie studiert. Privat ist sie mit dem früheren Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg liiert.
Sie wollen wissen, wo Sie gerade am günstigsten tanken können? Hier finden Sie zu jeder Zeit die aktuellen Preise an allen Tankstellen in der Region.
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